Eine junge Muslimin bereitet Lebensmittelpakete für Obdachlose in San Francisco vor; Foto: Abdel Rahman Bassa

20 Jahre nach 9/11
"Muslime im Westen können zwischen den Kulturen vermitteln"

Zwanzig Jahre nach dem 9. September 2011 wird die Welt von Islamophobie und antiwestlichen Einstellungen gleichermaßen herausgefordert. Der Politikwissenschaftler Ahmet T. Kuru sieht die Muslime im Westen als Mittler zwischen beiden Kulturen und damit als Schlüsselfiguren zur Überwindung des gegenseitigen Ressentiments.

Einige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rief mich mein mittlerweile verstorbener Vater an. Besorgt, aber bestimmt, bat er mich, in die Türkei zu kommen. Allerdings nicht direkt von Seattle, wo ich damals promovierte, sondern per Zwischenstopp über Kanada. Es seine riskant, von einem US-Flughafen aus direkt in die Türkei zu fliegen: Mein Name Ahmet mache mich verdächtig.

Ich beteuerte meinem Vater, dass ich nichts zu befürchten hätte. Doch er blieb dabei: "Du verstehst das nicht, mein Sohn. Die Vereinigten Staaten haben den Krieg erklärt.“ So beunruhigt war mein Vater, ein studierter Wirtschaftswissenschaftler und Berufspolitiker, damals.

Rückblickend lag mein Vater einerseits falsch: Seit dem 11. September sind zwei Jahrzehnte vergangen, in denen ich in den Vereinigten Staaten lebe, ohne dass meine muslimische Identität für mich ein Problem gewesen wäre. Andererseits lag er aber richtig: Die Vereinigten Staaten erklärten damals den kontraproduktiven "Krieg gegen den Terror“ und marschierten in den Irak und in Afghanistan ein. Zwanzig Jahre später endete dieser Krieg mit dem Abzug aus Afghanistan.

Was haben wir aus diesem 20-jährigen Abenteuer gelernt? Welchen Einfluss hatten die Ereignisse auf die Beziehungen zwischen der westlichen und der muslimischen Welt?

Für viele Menschen steht der 11. September für einen "Kampf der Kulturen“, wie ihn Samuel P. Huntington in seinem Buch 1996 prognostizierte. Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwei Jahre später erhielt zunächst die Demokratisierung weltweit einen Schub – insbesondere in Osteuropa.

Zusammenbruch von Nord- und Südtower des World Trade Center in Manhatten am 11. September 2001; Foto: picture-alliance/dpa/NIST
Den vom Ende des Kalten Krieges 1989 ausgelösten weltweiten Demokratisierungsschub stellt Samuel P. Huntington mit seiner These vom Kampf der Kulturen infrage. "Einige sahen die Anschläge vom 11. September 2001 als Bestätigung dieser These. Die optimistische Haltung, die etwa zwölf Jahre vorher ihren Anfang nahm, fand damit ein jähes Ende“, schreibt der Politikwissenschaftler Ahmet T. Kuru.

Mitten in einer optimistischen Sicht auf diese zunehmende weltweite Demokratisierung stellte Huntington 1993 seine pessimistische These auf. Er sah die Welt in acht Zivilisationen bzw. Kulturkreise aufgeteilt und prognostizierte einen Zusammenstoß zwischen dem Westen und den islamischen Ländern, insbesondere falls sich diese mit China verbünden sollten.

Huntingtons These, die das alte Feindbild Sowjetunion durch den neuen Feind Islam ersetzte, wurde zu einem zentralen Element im „framing“ (der Einbettung von Ereignissen in ein Deutungsraster, Anm. der Red.) der Anschläge vom 11. September. Zumindest für einige politische Entscheidungsträger waren die Terroranschläge eine Kampfansage der Muslime, die "uns hassen“, an den Westen. Man solle darauf mit Krieg und Invasion reagieren, denn dies sei die einzige Antwort, die sie verstünden.

Fehlstart mit tragischen Folgen

Für den Einmarsch der USA in Afghanistan im Jahr 2001 gab es eine legitime Rechtfertigung: Schließlich beherbergte das Taliban-Regime die Hauptverantwortlichen von 9/11 in ihrem Land: Al-Qaida und ihren Anführer Osama Bin Laden.

Ganz anders der Einmarsch in den Irak im Jahr 2003. Dieser wurde mit einigen konstruierten Anschuldigungen über die Verbindung des Irak zu 9/11 sowie mit unwahren Behauptungen über den Besitz von Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt.

Kurz nach dem Einmarsch wurde diese Erzählung um ein weiteres Element ergänzt: Der Irak sollte im Nahen Osten zu einer Vorzeige-Demokratie werden, ganz so wie Deutschland und Japan sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatten. Aber schon nach wenigen Jahren war das Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Analogie dahin. Die Verhältnisse im Irak waren völlig anders und die Zerschlagung der politischen und militärischen Institutionen des Irak durch die Amerikaner zog eine anhaltende Instabilität nach sich.

Ahmet T. Kuru, Porteous Professor für Politische Wissenschaft an der San Diego State University; Foto: privat
"Rund zwei Jahrzehnte nach den Invasionen in Afghanistan und im Irak halten die meisten Beobachter das ursprüngliche Vorhaben für insgesamt gescheitert“, sagt der Politikwissenschaftler Ahmet T. Kuru: "Es scheint, dass die Vereinigten Staaten lediglich zwei Ziele erfolgreich verfolgen konnten: Die Tötung Osama Bin Ladens und die substanzielle Schwächung von Al-Qaida. Alle anderen Ziele wurden verfehlt – trotz einer hohen Zahl von Todesopfern und Kosten in Billionenhöhe.“

Rund zwei Jahrzehnte nach diesen beiden Invasionen halten die meisten Beobachter das ursprüngliche Vorhaben der USA für insgesamt gescheitert. Es scheint, dass die Vereinigten Staaten lediglich zwei Ziele erreichen konnten: Die Tötung Osama Bin Ladens und eine substanzielle Schwächung von Al-Qaida. Alle anderen Ziele wurden trotz einer hohen Zahl von Todesopfern und Kosten in Billionenhöhe verfehlt.

Jetzt errichten die Taliban erneut ihr Regime in Afghanistan und unterhalten bessere Beziehungen zum Iran und zu Russland denn je. Im Irak konnte der Iran ebenfalls an Einfluss gewinnen. Nach dem Sturz des mit dem Iran verfeindeten Saddam Hussein hat sich der Iran zum Akteur mit dem größten Einfluss auf die irakische Politik entwickelt. Für die Vereinigten Staaten ist dies eindeutig ein geopolitischer Verlust.

Noch gravierender ist allerdings, dass die Vereinigten Staaten ihr Ansehen in den muslimischen Gesellschaften der Welt weitgehend verwirkt haben.

Sie werden heute als aggressiver Akteur wahrgenommen, der für den Tod vieler Menschen im Irak und in Afghanistan verantwortlich ist. Das heizt in vielen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit die latent antiwestliche Stimmung weiter an.

Islamophobie und antiwestliche Ressentiments

Die zunehmende Islamophobie in den Vereinigten Staaten und eine wachsende antiwestliche Haltung in der muslimischen Welt sind wohl die schlimmsten Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 und der darauffolgenden Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak. Nicht zu vergessen die Terroranschläge, die in den letzten 20 Jahren von muslimischen Extremisten in verschiedenen europäischen Städten verübt wurden.

Neun Jahre nach dem 11. September 2001 löste eine landesweite Debatte in den USA über die Errichtung eines islamischen Zentrums in Nähe der zerstörten Zwillingstürme in Manhattan einen derartigen Wirbel aus, dass das Time Magazine daraufhin in einer Titelgeschichte fragte: "Ist Amerika islamophob?“

Dennoch haben die Vereinigten Staaten seither erhebliche Fortschritte bei der Integration von Muslimen in die amerikanische Gesellschaft gemacht. So sitzen heute drei muslimische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus. In der Öffentlichkeit besonders präsent sind Ilhan Omar, die erste Abgeordnete mit Hidschāb, und Rashida Tlaib, die erste Abgeordnete muslimisch-palästinensischer Abstammung. Zeitlich zusammen fällt das in den USA mit einer wachsenden öffentlichen Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern.

Zudem genießen muslimische Sportler, Künstler und andere Persönlichkeiten in der amerikanischen Gesellschaft ein wachsendes öffentliches Ansehen, wie die Überschrift einer Titelstory des Magazins Newsweek, die Anfang September erschienen ist: "Seit 9/11 haben Muslime in den USA einen nie dagewesenen politischen und kulturellen Einfluss gewonnen.“

Protest gegen Macron im überwiegend muslimischen Indonesien Foto: picture-alliance/AP
Frankreichs Politik der Assimilierung grenzt die muslimische Minderheit aus: „Die restriktive Politik der westlichen Länder sowie die Feldzüge der USA haben in vielen Ländern mit muslimischer Mehrheit eine antiwestliche Stimmung geschürt. Gefördert wurde diese antiwestliche Haltung auch durch diverse Verschwörungstheorien, politische Demagogie und religiösen Fanatismus“, so Ahmed T. Kuru.

Einige europäische Länder, insbesondere Frankreich, schlugen jedoch einen anderen Weg ein. 2004 hat das französische Parlament das Tragen religiöser Symbole in öffentlichen Schulen, darunter auch Kopftücher, verboten. Seitdem haben französische Politiker immer wieder neue Gesetze und Maßnahmen vorgeschlagen, um die "islamische Frage“ in den Griff zu bekommen. Präsident Emmanuel Macron erklärte sogar vor kurzem, er wolle einen "aufgeklärten Islam“ schaffen. Vor über einem Monat verabschiedete die französische Nationalversammlung ein "Gesetz zur Stärkung republikanischer Prinzipien", das verschiedene religiöse Freiheiten einschränkt, aber insbesondere von Muslimen als stigmatisierend empfunden wird.

Frankreich geht mit seinen muslimischen Minderheiten offenbar anders um als die USA. In den Vereinigten Staaten, insbesondere mit dem Aufkommen der Black-Lives-Matter-Bewegung, liegt der Schwerpunkt auf der Anerkennung und sogar der Betonung vielfältiger Identitäten. Dagegen betreibt Frankreich gegenüber der muslimischen Minderheit eine Politik der Assimilierung. Ethnische Aspekte werden ignoriert, obwohl die meisten Muslime in Frankreich entweder aus Afrika stammen oder Nachkommen afrikanischer Einwanderer sind.  Wäre Donald Trump wiedergewählt worden, hätte seine Regierung möglicherweise auch bestimmte Beschränkungen für Muslime verhängt. Das von Trump angeordnete Einreiseverbot für Menschen aus mehreren Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit in 2017 war vermutlich nur der Auftakt dazu.

Die restriktive Politik der westlichen Länder sowie die Feldzüge der USA haben in vielen Ländern mit muslimischer Mehrheit eine antiwestliche Stimmung geschürt. Befeuert wurde diese auch durch diverse Verschwörungstheorien, politische Demagogie und religiösen Fanatismus. Die antiwestliche Stimmung ist in vielen Teilen der muslimischen Welt weiterhin stark. Das ist überraschend angesichts der Tatsache, dass westliche Medien beispielsweise klar aufzeigen, wie China in Asien eine brutale ethnisch-religiöse Säuberung gegen zehn Millionen muslimische Uiguren betreibt und eine Million Menschen in Lagern festhält.

Ilhan Omar, Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus für die Demokraten (Foto: picture-alliance/abaca/Minneapolis Star Tribune/M. Van Cleave)
"Seit 9/11 haben Muslime in den USA einen nie dagewesenen politischen und kulturellen Einfluss gewonnen“. Das US-Repräsentantenhaus hat heute drei muslimische Mitglieder, darunter Ilhan Omar (im Bild), die erste Abgeordnete, die einen Hidschāb trägt, und Rashida Tlaib, die erste Abgeordnete mit muslimisch-palästinensischer Abstammung. Die öffentliche Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern nimmt auch infolgedessen zu. Muslimische Sportler, Künstler und andere Persönlichkeiten rücken stärker in das Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit.

Wie erreichen wir ein gegenseitiges Verständnis?

Die Menschheit hat aus den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs durchaus so manche Lektion gelernt. Die Gründung der Vereinten Nationen bringt dies ebenso zum Ausdruck wie insbesondere die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.  Einige Lektionen gerieten jedoch schon bald in Vergessenheit, wie der Beginn des Kalten Krieges mit seinem gegenseitigen Wettrüsten zeigt.

Das Ende des Kalten Krieges im Jahr 1989 hat eine weltweite Dynamik in Richtung Demokratisierung ausgelöst. Diesem optimistischen Blick auf die Geschichte stand die These vom Kampf der Kulturen entgegen, die einen neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und der muslimischen Welt prognostizierte. Einige sahen die Anschläge vom 11. September 2001 als Bestätigung für diese These. Die optimistische Haltung, die etwa zwölf Jahre vorher ihren Anfang nahm, fand mit 9/11 ein jähes Ende.

Zwanzig Jahre nach dem 9. September fordern uns Islamophobie und anti-westliche Einstellungen gleichermaßen heraus. Die Muslime im Westen sind am besten dafür gerüstet, diese Herausforderung anzunehmen. Sie sind mit dem westlichen und mit dem muslimischen Kontext bestens vertraut. Sie widerlegen damit den holzschnittartigen Gegensatz zwischen Islam und dem Westen. Die Erfolge muslimischer Menschen aus allen Teilen der westlichen Gesellschaft muss man als Chance verstehen, die gegenseitigen Ressentiments zu überwinden, die die Menschen in der muslimischen Welt und im Westen seit dem 11. September 2001 entwickelt haben.

Ahmet T. Kuru

© Qantara.de 2021

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Ahmet T. Kuru ist Porteous Professor für Politikwissenschaft an der San Diego State University und Autor von "Secularism and State Policies towards Religion: The United States, France, and Turkey“. Außerdem ist er Mitherausgeber von "Democracy, Islam, and Secularism in Turkey“; seine Werke wurden ins Arabische, Bosnische, Deutsche, Chinesische, Französische, Indonesische, Persische und Türkische übersetzt.

Sein jüngstes Buch "Islam, Authoritarianism, and Underdevelopment: A Global and Historical Comparison“ war Mitgewinner des International History and Politics Section Book Award der American Political Science Association.

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