Die Stadt Schiras ist die "Buch-Hauptstadt 2020" des Iran. Der Dichter Hafis kam um 1315 hier zur Welt.
Zwischen Moderne und Tradition

Iran ganz anders

Iran ist moderner, als viele denken: Unser Blick auf das Land wird verzerrt von der Tagespolitik. Dabei ist der historische und kulturelle Reichtum einzigartig. Eine Liebeserklärung von Marian Brehmer

Hafis könnte sich kaum eine angenehmere Ruhestätte ausgesucht haben. Zierliche Mandarinenbäume umgeben das achtsäulige Grabmal des Dichters in der südiranischen Stadt Schiras. Eine Nachtigall zwitschert dem Abendhimmel entgegen. Im Wasser der Bassins spiegelt sich die funkelnde Mosaikdecke des Bauwerks, während seichte Lautenklänge aus Lautsprechern die warme Luft erfüllen.

Vor dem weißen Marmorsarkophag besetzen Fans des Nationalpoeten die Treppenstufen: Gruppen von Studenten, ein verträumtes Liebespaar, Familien mit Mädchen in Jeans und Großmüttern im schwarzen Tschador. Jemand hat dunkelrote Rosenblätter auf der kalligraphisch geschwungenen Grabinschrift verstreut.

Es ist eine Atmosphäre, als wäre Hafis' Poesie Wirklichkeit geworden. Die meisten Pilger tragen eine Ausgabe seines „Diwan“ in der Tasche, jener berühmten Sammlung von Hunderten Gedichten, die 1812 zum ersten Mal in der Übersetzung des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall in deutscher Sprache erschien.

Drohungen aus Washington

Seit mehr als 600 Jahren sind Hafis' Verse ein Zufluchtsort für Iraner. Ein Orakel, um schwere Fragen zu beantworten, ein chiffrierter Ratgeber, ein vertrautes Zuhause in unruhigen Zeiten. Hafis bekamen die meisten Iraner schon auf dem Schoß ihrer Großeltern vorgelesen. Er gilt als Meister der Metapher und Hüter aller Geheimnisse – kaum ein Iraner, der nicht in seiner poetischen Bilderwelt aufgewachsen ist.

Mein erster Iranbesuch vor fast zehn Jahren hinterließ einen bleibenden Eindruck. Begeistert von den herzlichen Begegnungen mit Iranern und ihrer Kultur entwickelte ich die fast messianische Gewohnheit, Freunden in Deutschland zu erklären, dass Iran überhaupt nicht so sei, wie sie immer dachten. Was heute unter Iran-Reisenden und Youtubern schon fast plattitüdenhaft wirkt, war damals noch eine überraschende Erkenntnis.

 Iran Shiraz Aramgah-e Hafez Mausoleum und Garten (Foto: Picture -Alliance /dpa/ R. J. Fusta)
Warum unser tagespolitischer Blick auf Iran verstellt ist: „Besonders die Stimmung im Hafis-Garten in Schiras war so ziemlich das Gegenteil von den Eindrücken faustschwingender Eiferer, Flaggenverbrenner und keifender Potentaten, die uns aus Iran im Fernsehen serviert wurden“, schreibt Marian Brehmer in seiner Liebeserklärung an den Iran und seine Menschen.

Besonders die Stimmung im Hafis-Garten in Schiras war so ziemlich das Gegenteil von den Eindrücken faustschwingender Eiferer, Flaggenverbrenner und keifender Potentaten, die uns aus Iran im Fernsehen serviert wurden. „Wisst ihr, dass sich jeden Tag scharenweise junge Iraner in Hafis' Mausoleum Gedichte vorlesen?“, pflegte ich meine Gegenüber zu fragen. Dann folgte ein Vergleich, den ich mir eigens für die Pointe erdacht hatte. „Das ist, als strömten deutsche Jugendliche nach Weimar an Goethes Grabmal, um einander aus dem 'Faust' vorzulesen.“

Schon vor der Corona-Pandemie begann das Jahr für Iran nicht gut. Im Januar mussten die Iraner einen Tweet lesen, der nicht nur ihnen selbst übel aufstieß. Im Schlagabtausch zwischen Amerika und Iran drohte Präsident Donald Trump für den Fall, dass amerikanische Soldaten bei iranischen Angriffen zu Schaden kämen, mit der Zerstörung von 52 persischen Kulturstätten.

Die Unesco protestierte. Auch ich konnte es kaum fassen. Zwar kennt man inzwischen Trumps Tiraden, doch in der Hitze der Ereignisse schien selbst so eine Wahnsinnstat einen Moment lang möglich. Was, wenn der amerikanische Präsident seine Drohung wahrmachen würde? Wenn Hafis' friedlicher Garten in Schutt und Asche gebombt würde?

Trump traf damit einen empfindlichen Nerv bei einem verunsicherten Kulturvolk, das schon seit Jahren unter Sanktionen und einem bedrohlichen Kriegsszenario leidet. Dann kam noch die Corona-Krise dazu. Iran war das Land im Mittleren Osten, das als erstes und am stärksten von der Pandemie heimgesucht wurde. Mit gut 25.000 Corona-Toten (weit mehr als doppelt so vielen wie in Deutschland) ist es weiterhin das Epizentrum in der Region.

So begann das persische Neujahr im März unter düsteren Vorzeichen. Dabei hat Iran viel Besseres verdient. Mit der Herzlichkeit und Gastfreundschaft seiner Menschen, der Vielfalt seiner Regionen und der tiefsinnigen Mystik in den Zeilen von Poeten wie Dschalaluddin Rumi hatte Iran mein Herz berührt.

Nach meiner ersten Iranreise entschloss ich mich, Iranistik zu studieren. Ich paukte Persischvokabeln an einem angestaubten Berliner Institut. Farsi zu sprechen war der wichtigste Ertrag eines sonst eher trockenen philologischen Studiums.

Im Herbst 2013 zog ich für ein Semester nach Teheran. Dort machte mein Persisch so große Fortschritte, dass ich am Ende einen Kursus über klassische Dichtung besuchen konnte. Das öffnete mir ein Fenster zu jener ästhetischen Welt, für die sich auch Goethe einst begeistert hatte. Im „West-Östlichen Diwan“ schrieb er zu Ehren seines persischen Dichtervorfahrens: „Und mag die ganze Welt versinken! / Hafis, mit dir, mit dir allein / Will ich wetteifern!“

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