Märtyrerkult im Iran
Märtyrerkult im Iran

Für Gott stirbt es sich am schönsten

Für sein neues Kriegsmuseum hat Iran tief in die Tasche gegriffen. Im Holy Defense Museum in Teheran wird der shiitische Märtyrerkult mit Wagner-Musik und virtuellen Panzerfahrten inszeniert. Aber mit dem unabhängigen Friedensmuseum existiert in der Hauptstadt des Iran auch ein Kontrapunkt zur Kriegsverherrlichung. Philipp Breu berichtet aus Teheran.

Alles beginnt mit den Schmetterlingen. "Hall of the butterflies", lautet der Name der ersten Halle in Irans staatlichem und größtem Kriegsmuseum in der Hauptstadt Teheran. "Holy Defense" -"Heilige Abwehr", so heißt in der Islamischen Republik der acht Jahre dauernde Krieg mit dem Nachbarn Irak, der gleichzeitig nicht nur diesem sondern jedem Kriegsmuseum in Iran seinen Namen gibt.

Wie kommt das staatliche Kriegsmuseum in Iran – eines der größten und teuersten Museen im Land – bloß darauf, seinen ersten großen Raum «Schmetterlingshalle» zu nennen? «Schmetterlinge lieben das Licht. Es zieht sie so sehr an, dass sie ihr Leben dafür geben. Sie verbrennen im Feuer der Liebe, des Lichtes wegen», erklärt einer der englischsprachigen Führer im Museum, die für Ausländer bereitstehen.

Als romantisierende Metapher stehen die Schmetterlinge also für die über 500 000 Toten, die «Märtyrer», die im Krieg gegen den Irak ihr oft viel zu kurzes Leben für die junge Islamische Republik gaben. Die Erinnerung an die Toten und Verwundeten, die der Kampf gegen die Truppen Saddam Husseins forderte, bildet heute einen Eckstein im Fundament, auf das Iran seine Identität und sein historisches Selbstverständnis gründet.

In der Schmetterlingshalle von Teherans Holy Defense Museum. Foto: Philipp Breu
Der Tod von über einer halben Million Menschen im Lichte iranischer Kriegsromantik. «Schmetterlinge lieben das Licht. Es zieht sie so sehr an, dass sie ihr Leben dafür geben. Sie verbrennen im Feuer der Liebe, des Lichtes wegen», erklärt einer der englischsprachigen Führer im Holy Defense Museum von Teheran.

Schiitische Märtyrerverehrung

Die Verehrung von Märtyrern ist seit der Schlacht von Kerbela, bei der Imam Hussain am 10. Oktober 680 mit seinen 72 Anhängern fiel, tief im schiitischen Islam verankert. Aber nach dem Beginn des Iran-Irak-Krieges im September 1980 begann die neue Führung unter Ayatollah Khomeini, politische Ereignisse in einer Weise mit religiös-propagandistischen Elementen zu vermischen, wie es selten zuvor in der schiitischen Geschichte geschehen ist.

Iran besitzt zahlreiche Museen, die sich mit der Landesgeschichte befassen. Einen besonderen Stellenwert nehmen aber Orte ein, die an Ereignisse erinnern, bei denen Iraner und andere prominente «Verteidiger des Islams» ums Leben kamen. Dazu zählt sogar der Tod von über 400 Iranern bei einer Massenpanik in Mekka während des Hajj von 2015.

Auf dem größten Friedhof des Landes, Behesht-e Zahra, findet sich eine Sektion, die eigens für auf einer Pilgerfahrt zu Tode Gekommene bestimmt ist. Da sich Iran als Schutzmacht des schiitischen Islams betrachtet, reicht die Ausstrahlung von Stätten wie Behesht-e Zahra weit über die Landesgrenzen hinaus. In der Sektion für die internationalen Märtyrer und «Verteidiger des Islams» etwa finden sich Gedenkstelen für alle wichtigen Verstorbenen der libanesischen Schiiten-Partei Hizbollah, welche zu großen Teilen von Iran finanziert wird.

Gedacht wird auch prominenter Schiiten wie etwa des Anfang 2016 in Saudi-Arabien exekutierten Geistlichen Nimr al-Nimr. Sogar Rachel Corrie ist hier verewigt – eine amerikanische Aktivistin, die 2003 im Gazastreifen unter nicht ganz geklärten Umständen von einem israelischen Bulldozer überrollt wurde. Auf ihrer Gedenkplatte ist sie mit einem Hijab zu sehen, den sie faktisch nie getragen hat.

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