Lokman Slim war mehr als ein Hisbollah-Kritiker

Libanon: Die Ermordung eines Hoffnungsträgers

Die Ermordung von Lokman Slim macht auf perfide Weise deutlich, dass der Raum für kritische Stimmen im Libanon immer enger wird. Seit etwa einem Jahr unterbindet die politische Führung immer härter jegliche Kritik. Gleichzeitig werden immer mehr Journalisten und Kritiker in Gewahrsam genommen. Von Maha Yahya

Die Ermordung von Lokman Slim ist ein weiteres schlechtes Omen für den Libanon. Lokman Slim war nicht irgendein Aktivist. Er war ein wortmächtiger Kritiker der Hisbollah. Er wagte es, weiter auf seinem Familienanwesen in Haret Hrayk zu leben, einem südlichen Vorort von Beirut, obwohl dieser Stadtteil von der Hisbollah kontrolliert wird. Also denen, die er scharf kritisierte.

Ich traf Lokman 2004 zusammen mit dem später ermordeten Journalisten Samir Kassir und Samirs Frau Giselle Khoury. Zusammen mit seiner deutschen Frau Monika Borgmann hatte Lokman uns zu einer privaten Vorführung von Massaker eingeladen, dem Dokumentarfilm der beiden über das Blutbad in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila 1982. Die anschließende Diskussion war ebenso erschütternd wie erhellend.

Dies war der Auftakt zu weiteren Gesprächen in den folgenden zwei Jahren über Erinnerung an den Bürgerkrieg, Fragen der Verantwortlichkeit sowie das Gedenken an die Opfer und deren Bedeutung für die Zukunft des Libanon. Samir Kassirs Ermordung am 2. Juni 2005 setzten diesen Debatten ein jähes Ende.

 

 

Mit dem Mord an Lokman Slim stirbt ein kritischer Kopf

Lokman Slim kritisierte die politische Klasse des Libanon ebenso scharf wie die Unterdrückung des Aufstands in Syrien, die Einflussnahme des Iran in der Region und viele weitere Missstände.

Aber er war viel mehr als das. Mit seiner Frau Monika gründete Lokman auf dem Anwesen seiner Familie das Dokumentations- und Forschungszentrum UMAM. Diese Initiative hat sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen des Bürgerkriegs zu dokumentieren und das Gedenken an künftige Generationen weiterzureichen.

Seit 2005 sammelt das Zentrum Informationen und erstellt eine Datenbank über die Schickale aller, die während des fünfzehnjährigen libanesischen Bürgerkriegs getötet wurden oder verschwunden sind. Das Zentrum hat Dokumentarfilme gedreht und Debatten über einige besonders schmerzhafte Geschehnisse angestoßen. Diese Arbeit ist unverzichtbar, wenn die Menschen im Libanon mit der Hinterlassenschaft des Krieges fertig werden sollen. Sie ist ebenso unverzichtbar, um die Verantwortlichen für die Verbrechen zu benennen.

Diese Arbeit von Lokman Slim und seiner Frau Monika Borgmann war von zentraler Bedeutung in einem Land, in dem sich die politische Führung größtenteils aus den ehemaligen Kriegsparteien zusammensetzt. Denn der Libanonkonflikt schloss mit dem Mantra „kein Sieger und kein Besiegter“.

Nach Kriegsende verabschiedete das Parlament im Jahr 1991 ein Gesetz, das den Führern der jeweiligen Milizen Amnestie zusicherte, wodurch ein Großteil der Kriegsverbrechen ungesühnt blieb.

Keine kollektive Aufarbeitung des Bürgerkriegs

Die ehemaligen Führer der Milizen zogen direkt von den Barrikaden in die Regierung und eigneten sich den Staat und seine Institutionen an. Die Geschichte des Bürgerkriegs fand nie Eingang in die Lehrpläne der Schulen. Das Wissen über den Krieg beruht weitgehend auf der jeweils individuellen Sicht, nicht auf einer kollektiven Erinnerung, die den Menschen im Libanon dabei helfen könnte, die Kriegsfolgen besser zu verarbeiten.

Die Ermordung von Lokman Slim lässt sich erst dann richtig einordnen, wenn man den breiteren Kontext im Libanon betrachtet. Im Oktober 2019 gingen die Libanesen in Massen auf die Straße, um gegen die Korruption ihrer politischen Klasse zu protestieren. Der wirtschaftliche Zusammenbruch hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung in die Armut getrieben und die Mittelschicht dezimiert.

Dennoch ist die politische Führung nicht bereit, sich mit den Ursachen der Massenproteste auseinanderzusetzen und die für internationale Finanzhilfen notwendigen Reformen durchzuführen. Dies könnte – so fürchtet man – den Einfluss auf die eigene Anhängerschaft untergraben. Der Lockdown wegen der Corona-Pandemie hat den wirtschaftlichen Kollaps letztlich nur beschleunigt.

 

 

Korruptes sektiererisches System

Ohne finanzielle Unterstützung von außen wird der Libanon weiter in den Abgrund trudeln. Ironischerweise haben die politischen Parteien ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet, indem sie ihr korruptes System schützen und so weitermachen wie bisher. Das wäre wohl kaum bedauernswert, würden nicht Millionen von Libanesen in der Zwischenzeit darunter leiden.

Die verheerende Explosion im Hafen von Beirut am 4. August letzten Jahres hat die Wut der Libanesen und ihre lautstarke Kritik an der politischen Führung noch verstärkt. Auch sechs Monate später ist noch niemand für die Katastrophe zur Rechenschaft gezogen worden. Die amtlichen Untersuchungen laufen ins Leere. Dabei waren für viele Libanesen die wirklich Verantwortlichen längst ausgemacht, als Demonstranten letztes Jahr bei einer Protestaktion auf dem Märtyrerplatz Bilder ihrer politischen Führer symbolisch an Galgen aufhängten.

Die Ermordung von Lokman Slim macht deutlich, dass im Libanon der Raum für kritische Stimmen immer enger wird. Seit etwa einem Jahr unterbindet die politische Führung immer härter jegliche Kritik. Gleichzeitig werden immer mehr Journalisten und Kritiker von den Behörden in Gewahrsam genommen.

Doch der Mord an Lokman Slim weist weit darüber hinaus: Das politische Attentat als Mittel zur Ausschaltung Oppositioneller kehrt zurück. Das Verbrechen löste überall im Libanon und darüber hinaus Schockwellen aus, auch unter den Oppositionsgruppen und insbesondere unter schiitischen Dissidenten. Viele werden an das Jahr 2005 und die Folgejahre erinnert, als Samir Kassir, Gebran Tueni und andere ermordet wurden.

Wäre der Mord an Lokman Slim auch dann geschehen, wenn man seinerzeit die Morde an Kassir und Tueni aufgeklärt hätte? Dass diejenigen jemals zur Rechenschaft gezogen werden, die jetzt Lukman kaltblütig ermordet haben, muss man leider bezweifeln.

Maha Yahya

© Carnegie Middle East Center 2021

Maha Yahya ist Leiterin des Malcolm H. Kerr Carnegie Middle East Center in Beirut mit Forschungsschwerpunkt Staatsbürgerschaft, Pluralismus und soziale Gerechtigkeit im Nachgang zu den arabischen Aufständen.

 

Die Redaktion empfiehlt