Geschäft mit dem Schicksal der Palästinenser

Bei Luftangriffen zerstörte Häuser in Rafah (am Sonntag): Letzte von der Hamas dominierte Stadt im Gazastreifen
Tod und Zerstörung im Gazastreifen: Palästinenser aus der ganzen Welt wollen angesichts der katastrophalen Situation ihre Angehörigen aus dem Gazastreifen holen. Skrupellose Geschäftsleute in Ägypten verdienen mit ihrer Notlage Millionen.

Angesichts der katastrophalen Lage im Gazastreifen versuchen Palästinenser in der ganzen Welt, Angehörige aus dem abgeriegelten Gebiet zu holen. Gewissenlose ägyptische Geschäftsleute machen mit der Verzweiflung der Menschen viel Geld. Eine Recherche in Kairo

Von Birgit Svensson

Saarbrücken im Ramadan. Zum Iftar, dem traditionellen Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, waren viele der Einladung des interkulturellen Vereins Dar-in e.V. gefolgt. Unter den Geladenen waren auch Palästinenser, die von ihrer samstäglichen Demonstration im Zentrum der Stadt direkt in den Festsaal am Meerwiesentalweg kamen. Die Stimmung war gedrückt, nicht so ausgelassen wie in den vergangenen Jahren beim Fastenbrechen. 

Eine Podiumsdiskussion vor dem Essen zeugt vom Frust über die problematische Berichterstattung deutscher Medien über den Nahost-Konflikt. Im Gazastreifen tobt ein Krieg, der alle umtreibt. Jede palästinensische Familie in Saarbrücken habe mindestens ein Mitglied verloren, sagte eine junge Frau mit Kopftuch.  

Am Tag, als sich die Iftar-Gesellschaft traf, waren im Gazastreifen schon über 30.000 Palästinenser tot. Zwar würden die Zahlen von der Hamas herausgegeben, räumte ein ägyptischer Anwesender ein, aber selbst, wenn es nur die Hälfte wären, seien es zu viele. Vor allem Frauen und Kinder seien unter den Toten. Das ließe sich nicht wegdiskutieren. "Die Ägypter mögen die Hamas nicht", sagte er noch, "aber hier sterben Zivilisten, nicht nur Hamas-Kämpfer, wie die Israelis immer behaupten".  

Zur Not auch mit dem Fahrrad: Rund 100.000 Menschen sollen die Stadt Rafah verlassen.
Am Montag (06.05.) hat die israelische Armee rund 100.000 Menschen im östlichen Teil von Rafah aufgefordert, sich in das einige Kilometer nördlich gelegene Al-Mawasi-Lager am Mittelmeer zu begeben. Beobachter werten das als Vorbereitung für eine israelische Offensive in der Stadt im südlichen Teil des Gazastreifens an der Grenze zu Ägypten. (Foto: AFP/Getty Images).

Aus Verzweiflung jeden Preis zahlen

Abu Ismael wirkt etwas gelöster als die anderen palästinensischen Gäste im Dar-in. Doch spricht auch er von der ungeheuren Zerstörung und der noch nie dagewesenen Zahl von Toten und Verletzten bei diesem neuerlichen Gaza-Krieg. 2001 war der Palästinenser, damals 24 Jahre alt, zum Studium nach Deutschland gekommen. 

Abu Ismael wurde Diplombetriebswirt und erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft. Von 2011 bis 2020 ging er zurück in den Gazastreifen und erlebte damals schon einen Bodentruppeneinsatz der israelischen Armee. "Das war kein Vergleich zum Gaza-Krieg heute", erinnert er sich.  

Als Israel nach dem Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten am 7. Oktober Vergeltung ankündigte, war ihm die Dimension klar. Sofort holte er seine Familie aus dem Gazastreifen, sie waren zu dem Zeitpunkt mit die ersten, die den abgeriegelten Landstrich verließen. Zum "Schnäppchenpreis" von 26.000 US-Dollar, wie er schmunzelnd berichtet, konnten 26 Personen ausreisen: seine Mutter, sein Bruder, zwei Schwestern und alle, die dazugehören.  

Heute koste ein Freikauf aus Gaza das Fünffache, manchmal sogar das Zehnfache. Ein Cousin sei vor einer Woche aus dem Gazastreifen herausgekommen - für 12.000 US-Dollar. Frauen und Kinder herauszuholen, sei billiger als Männer freizukaufen, berichtet Abu Ismael. "Sie bezahlen nur 5.000 Dollar." 

Vor allem Khan Younis, die zweitgrößte Stadt des Gazastreifens, wo seine Familie wohnte, sei die Hölle. Die schweren Kämpfe dort dominierten die internationalen Schlagzeilen der letzten Wochen. Palästinenser in der ganzen Welt, vor allem aber in Europa, versuchen deshalb, ihre Angehörigen rauszuholen. "Ja, es ist Menschenhandel", gibt Abu Ismael beim Fastenbrechen in Saarbrücken zu, "aber unsere Verzweiflung lässt uns zu jedem Mittel greifen". 

Spiel mit der Hoffnung

Um die Hintergründe zu beleuchten, recherchiere ich in Kairo weiter. Das Büro der Agentur, die Abu Ismaels Familie aus dem Gazastreifen herausholte, liegt in einer Seitenstraße der breiten Al Manteqah as Sadesah Straße im Stadtteil Nasr City. Hier hat "Hala" ihren Sitz. Lange Schlangen vor dem Eingang verraten, dass es sich nicht um irgendein Reiseunternehmen handelt.

"Hala" ist eine Agentur, die Palästinenser aus Rafah im Gazastreifen über die Grenze nach Ägypten bringt. Im Internet wirbt "Hala" für "Reise-, Tourismus- und VIP-Dienste für Rafah auf höchstem Serviceniveau". Schon vor Ausbruch des Gaza-Krieges bot "Hala" Palästinensern im Gazastreifen ihren Service an, besorgte Ausreisepapiere, organisierte Logistik und Transport bis hin zur Verpflegung für die Fahrt von der Grenze bis nach Kairo.

Jetzt verdient "Hala" bis zu einer Million Dollar – täglich, wie der britische TV-Sender Sky News kürzlich schätzte. 

"Du musst schon morgens um acht Uhr hier anstehen, um dir eine Nummer zu holen", sagt ein wartender Palästinenser, der selbst erst vor wenigen Tagen aus dem Gazastreifen ausreisen konnte und jetzt seine Familie nachholen möchte. "Dann wirst du in die vierte Etage gelassen und kannst den Namen deiner Angehörigen notieren lassen."  

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Rafah-Offensive treibt die Preise hoch

Nach Überprüfung der Personalien wird der Name des Antragstellers aufgerufen. Er bezahlt das Geld und seine Angehörigen kommen auf eine Liste am Grenzübergang in Rafah, der den Beamten dort zur Ausreise vorgelegt wird. Er habe 10.000 Dollar bezahlt, sagt der kürzlich ausgereiste Palästinenser in der Warteschlange. 

"Die Preise variieren von Tag zu Tag, es kommt auch auf das Bakschisch (Schmiergeld) an, das man noch zusätzlich an die Grenzbeamten zahlen muss." Je schlimmer die Not der Palästinenser jetzt in der Grenzstadt Rafah wird, desto größer wird auch die Nachfrage nach einer Ausreise und entsprechend steigen die Preise. 

Augenzeugen berichten, die israelische Armee habe bereits alles für eine Offensive in Rafah vorbereitet. Am Montag (06.05.) hat die israelische Armee rund 100.000 Menschen im östlichen Teil von Rafah aufgefordert, sich in das einige Kilometer nördlich gelegene Al-Mawasi-Lager am Mittelmeer zu begeben.  

Sollte es tatsächlich zu der Offensive kommen, wären 1,2 Millionen Palästinenser in akuter Gefahr. Viele Menschen waren zu Beginn der israelischen Militäroffensive aus dem Norden und dem Zentrum des Gazastreifens in den Süden geflohen, weil es dort sicherer sein sollte.

Auch die israelische Armee (IDF) hatte zu Beginn ihres Krieges gegen die Hamas die Menschen aufgefordert, in den Süden zu fliehen. Nach fast sieben Monaten intensiver Kämpfe gerät auch der Süden in ihr Visier, vor allem die Grenzstadt zu Ägypten, Rafah, weil die IDF dort die letzten Hamas-Bataillone und den Drahtzieher des Massakers vom 7. Oktober, Yahia Sinwar, Hamas-Chef im Gazastreifen, vermutet.  

Wartende am Grenzübergang Rafah
Wartende am Grenzübergang Rafah: Das Geschäft mit dem Schicksal der Palästinenser sei fest in ägyptischer Hand, verrät ein Insider, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Hamas hätte vor Kurzem versucht, ebenfalls an dem Freikauf mitzuverdienen, behauptet der Informant, aber die Ägypter hätten dann die Grenze kurzerhand gesperrt, bis die Hamas davon Abstand nehmen musste. (Foto: Khaled Omar/Xinhua/picture alliance)

Deutsche Staatsbürger dürfen raus

Die Grenzübergänge im Gazastreifen sind seit dem Einmarsch der israelischen Armee eigentlich geschlossen. Zu Israel sowieso, aber auch nach Ägypten. Kairo möchte einen Exodus der Palästinenser unter allen Umständen vermeiden. Hilfsgüter kommen aus Ägypten nur in den Gazastreifen, wenn die israelischen Behörden ihnen Unbedenklichkeit attestiert haben. 

Internationale Organisationen laden Hilfsgüter vom ägyptischen Mittelmeerhafen Al Arish auf dem Nordsinai oder dem dortigen Flughafen auf Lastwagen und fahren sie von dort an die Grenze zum Gazastreifen. Dort stehen die LKWs oft tagelang, bis grünes Licht für die Einfahrt kommt. Schwerverletzte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit kommen über die Grenze nach Ägypten, wo sie ebenfalls in Al Arish im Krankenhaus behandelt werden.  

Deutschland hat in den letzten Monaten viele seiner Staatsbürger aus der Hölle von Gaza in Sicherheit bringen können. Die meisten Ausreisenden am Grenzübergang in Rafah hatten deutsche Pässe. Auch Mitarbeiter deutscher Organisationen wie der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), einer Unterorganisation des Entwicklungshilfeministeriums, konnten den Gazastreifen verlassen. Ein umständliches Prozedere, wie aus Botschaftskreisen in Kairo verlautet. 

Ein Vertretungsbüro in Ramallah registriert die ausreisewilligen deutschen Staatsbürger. Dann beginnt für die Botschaft ein Spießrutenlaufen: Die israelische Seite muss zustimmen, die Hamas und schließlich die ägyptischen Behörden. 

Ist die Person dann für die Ausreise gelistet, muss ein Angehöriger des Konsulats aus Kairo zum Sinai fahren, was etwa acht Stunden dauert, bis er auf der ägyptischen Seite des Grenzübergangs Rafah ankommt und den Ausreisenden oder die Ausreisende in Empfang nimmt. 

72 Stunden lang darf die Person sich dann in Ägypten aufhalten, bis sie nach Deutschland weiterreisen muss. Ägypten will alle aus Gaza ausreisenden ausländischen Staatsbürger schnell wieder loswerden und die deutsche Botschaft muss dafür bürgen, dass sie tatsächlich das Land verlassen. 

"Der König des Grenzübergangs"

Anders laufen die Ausreisen über die Agentur "Hala". Wer zahlt, kann in Ägypten bleiben, allerdings nur illegal und ohne Papiere. Eine Grauzone, die stillschweigend geduldet wird. Das Geschäft mit dem Schicksal der Palästinenser sei fest in ägyptischer Hand, verrät ein Insider, der namentlich nicht genannt werden möchte. Staatliche Aufpasser vor dem Büro von "Hala" registrieren jede Konversation der Wartenden. 

Die Hamas hätte vor Kurzem versucht, ebenfalls an dem Freikauf mitzuverdienen, behauptet der Informant, aber die Ägypter hätten dann die Grenze kurzerhand gesperrt, bis die Hamas davon Abstand nehmen musste. Drahtzieher hinter der Agentur ist ein gewisser Ibrahim al-Argani, ein dubioser Geschäftsmann, den Mada Masr, die einzige noch zugelassene kritische Medien-Plattform im diktatorisch regierten Ägypten, den "König des Grenzübergangs" nennt. Die Online-Zeitung Mada Masr, deren Redakteure immer mal wieder im Gefängnis landen, hat recherchiert, dass al-Arganis Kontakte bis nach ganz oben ins Umfeld des ägyptischen Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi reichen.  

Al-Argani spielte eine wichtige Rolle, als der Führung in Kairo nach den Massendemonstrationen und dem Sturz des Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak 2011 die Kontrolle über den Sinai zu entgleiten drohte. Als sich 2014 Dschihadisten vom Sinai dem IS anschlossen, wurde die Loyalität der lokalen Stämme für das Regime al-Sisi zentral. Al-Argani setzte sich damals an die Spitze des Zusammenschlusses mehrerer Stämme und baute 2017 eine Miliz auf, die das ägyptische Militär in seinem Kampf gegen die militanten Islamisten unterstützte. Inzwischen ist die Al-Argani-Gruppe in Ägypten omnipräsent. Sie entwickelt Immobilien in großem Stil, kümmert sich um die Hilfslieferungen in den Gazastreifen, unterhält Sicherheitsfirmen. Das Geschäft mit den Flüchtlingen jedoch dürfte momentan ihr lukrativstes Business sein. Es ist ein skrupelloses Geschäft mit der Verzweiflung der Menschen im Gazastreifen. 

Birgit Svensson 

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