Libanon nach der Explosion in Beirut

So erschütternd wie 15 Jahre Bürgerkrieg

Drei Monate liegt die schwere Explosion im Beiruter Hafen zurück. Seitdem kämpfen die Bewohner um Normalität. Doch für viele wird es nicht werden wie vorher. Eine Reportage aus Beirut von Andrea Backhaus

Wenige Sekunden haben alles für ihn verändert. Als Dutzende Tonnen Ammoniumnitrat explodierten, fuhr Ayoub Jouni sein Taxi – seit 21 Jahren ist er Taxifahrer – durch einen Stadtteil direkt am Hafen von Beirut. Es war der 4. August gegen 18 Uhr. Plötzlich zersprangen die Fensterscheiben von seinem Auto, Geröllsteine drückten durchs Dach, Trümmer jener Gebäude, die durch die Druckwelle um ihn herum zusammensackten. Steine fielen auf sein linkes Bein und Jouni spürte gleich, dass etwas nicht stimme. Die Ärzte sagten ihm später, sie müssten sein Bein amputieren. Als er nach einer Woche aus dem Krankenhaus nach Hause kam, sei seine Welt eine andere geworden, sagt Jouni. Klein war sie geworden, sehr klein.

Jouni wohnt mit seiner zweiten Frau Samar in einer Wohnung in Khandaq al-Ghamiq, einem ärmeren, schiitisch dominierten Viertel von Beirut. Von der Dachterrasse kann er den Hafen sehen. Nun sitzt Jouni auf seinem Bett und versucht, Worte zu finden für das, was ihm widerfahren ist. Er ist 63 Jahre alt, trägt ein weißes Shirt und Brille. Er erzählt, wie er durch die Explosion erst das linke Bein verlor und später auch das rechte Bein nicht mehr bewegen konnte.

Ärzte hätten bei der Behandlung für das amputierte Bein an der falschen Stelle am Rücken gespritzt, sagt er, seither sei das rechte Bein gelähmt. Er spricht auch davon, dass ein Splitter sein linkes Auge zerstört habe und wie er von einem Moment auf den anderen fast alle Körperfunktionen verloren habe. Seit der Explosion ist er fast nur noch in der Wohnung. "Schlafen, beten, schlafen, beten", fasst er seinen Tagesablauf zusammen. Sein Leben, sagt Jouni, sei mit der Explosion zu Ende gegangen.

Die Explosion war eine Zäsur

Drei Monate liegt die Explosion im Beiruter Hafen zurück. Die Bilder der gigantischen, pilzförmigen Wolke gingen um die Welt. Das internationale Entsetzen darüber war auch deshalb so groß, weil diese Katastrophe vermeidbar gewesen wäre: Jahrelang lagerten 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat ungesichert im Beiruter Hafen, die Regierung wusste das. Sicherheitsexperten hatten den libanesischen Präsidenten Michel Aoun und den damaligen Ministerpräsidenten Hassan Diab noch im Juli darüber informiert, wie gefährlich das wäre und welch verheerende Folgen eine Explosion hätte. Trotzdem wurden die hochexplosiven Chemikalien nicht beseitigt.

Nach der Katastrophe wurden zwar einige Hafenmitarbeiter verhaftet, doch von der Regierungsspitze wurde niemand für die Explosion zur Verantwortung gezogen. Europäische Staatsführer zeigten sich schockiert und versprachen den Menschen ihre Hilfe. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reiste nach Beirut, umarmte vor Kameras Überlebende und versprach dem libanesischen Volk Unterstützung. Die EU stellte schnell Nothilfen in Millionenhöhe bereit.

Die libanesische Künstlerin Hayat Nazer hat gegenüber von der Explosionsstelle am Hafen eine Statue aus zerbrochenem Glas, Metall- und Trümmerstücken errichtet. Die Uhr zeigt die Zeit der Explosion an: 18.08 Uhr. Foto: Andrea Backhaus
Die libanesische Künstlerin Hayat Nazer hat gegenüber von der Explosionsstelle am Hafen eine Statue aus zerbrochenem Glas, Metall- und Trümmerstücken errichtet. Die Uhr zeigt die Zeit der Explosion an: 18.08 Uhr.

Seither ist es ruhig geworden um den Libanon. Dabei hat kein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte das Land derart erschüttert. Die Explosion war eine Zäsur, das ist heute deutlich spürbar.

191 Menschen sind an den Folgen der Explosion gestorben, mehr als 6.500 Menschen wurden verletzt, rund 300.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren. Mehr als 70.000 Wohnungen in mehr als 9.000 Gebäuden wurden beschädigt. Nur in einem Bruchteil der Häuser konnten die Schäden bisher repariert werden, es fehlen die Mittel für den Wiederaufbau. Der Weltbank zufolge belaufen sich die Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur auf 3,8 bis 4,6 Milliarden Dollar.

Aber der Libanon ist pleite. Andere Staaten und internationale Organisationen verlangen für längerfristige Hilfe umfassende Reformen von der Regierung. Und dazu ist die politische Klasse nicht bereit.

Die Redaktion empfiehlt