Fotoausstellung "Missing" in Beirut

Libanons Schatten der Vergangenheit

Noch immer lastet das Erbe des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 schwer auf dem Zedernstaat. Mit einer Fotoausstellung in Beirut wollen jetzt verschiedene Initiativen auf das Schicksal der Verschwundenen aufmerksam machen und die Vergangenheitsbewältigung fördern. Von Arian Fariborz

Eine ungewöhnliche Eröffnung einer Foto-Ausstellung im UNESCO-Palace in Beirut – das sieht man bereits auf den ersten Blick: Linear aufgereiht sieht der Betrachter Hunderte steckbriefartige Poster mit verblichenen Porträtfotos meist junger Männer, die von den Wänden hinabschauen – Verschwundene des libanesischen Bürgerkriegs. Unter den Fotos finden sich einige knapp formulierte Hinweise: Name, Geburtsdatum und Zeitpunkt des Verschwindens.

Teil einer landesweiten Kampagne

Die Fotoausstellung "Missing" versteht sich als Teil einer landesweiten Kampagne der Nichtregierungsorganisation "Umam Documentation & Research". "Die gesamte Idee hinter unserem Projekt ist, die Vergangenheit im Libanon zu thematisieren, insbesondere das Schicksal der Verschwundenen des Bürgerkriegs", berichtet Nadeche Frondon, Projektmanagerin von Umam. "Wir wollen für sie ein Forum in der Öffentlichkeit schaffen."

Plakat der Fotoausstellung Missing  von UMAM Documentation & Research
Auf der Suche nach den Verschwundenen aus dem libanesischen Bürgerkrieg: Die Fotoausstellung "Missing" von UMAM Documentation & Research zeigte 2008 in Beirut Fotocollagen und Porträtfotos von Verschwundenen des libanesischen Bürgerkriegs von 1975-1990.

Vor einigen Monaten hatten die Initiatoren damit angefangen, die Familien der Verschwundenen sowie die sogenannten "Komitees für die Verschwundenen" zu kontaktieren, um Bilder von ihnen zu erhalten und die Poster zu gestalten. Bisher sind es 500 Poster, doch ist dies noch längst nicht alles, meint Frondon: "Inzwischen haben wir Listen mit den Namen von über Tausend Verschwundenen, aber leider besitzen wir nicht von jedem ein Foto."

Amnesie statt Vergangenheitsbewältigung

Die Wunden des lange zurückliegenden Bürgerkrieges in dem kleinen Land an der Levanteküste sind noch lange nicht verheilt. Die Zahl derjenigen, die nach den Kriegshandlungen nicht mehr zurückkehrten, wird auf bis zu 16.000 Menschen geschätzt. Insgesamt kamen mindestens 150.000 Personen im Verlauf des Konflikts ums Leben. Die Nichtregierungsorganisation "Umam" will Libanons Politikern den Spiegel vorhalten – für deren Leichtfertigkeit, mit dem Amnestiegesetz von 1991 alle Bürgerkriegsverbrechen ein für alle mal zu den Akten gelegt zu haben – Amnesie statt Vergangenheitsbewältigung.

Auch will "Umam" die Bürger Libanons aufrütteln, sie sensibilisieren für das, was damals wirklich in ihrem Land geschah. Und für die Opferschicksale des jahrzehntelangen blutigen Konflikts.

"Wenn der Libanon über seine gewalttätige Vergangenheit, den 15jährigen Bürgerkrieg gearbeitet hätte, wäre die politische Situation heute gewiss anders als sie ist", erklärt Monika Borgmann, Kuratorin der Ausstellung und Direktorin von "Umam". "Aber der Libanon hat sich damit überhaupt nicht auseinander gesetzt und es ist bis heute fast ein Tabu, daran zu rühren."

Die "Mütter der Plaza del Mayo" als Vorbild

Monika Borgmann, Kuratorin der Ausstellung "Missing"; Foto: © Berlinale
Monika Borgmann, Kuratorin der Ausstellung "Missing"

Inspiriert wurde das Fotoprojekt nicht zuletzt durch das Vorbild der "Mütter der Plaza del Mayo", einer argentinischen Menschenrechtsgruppe, die seit 1977 mit Fotos und Transparenten auf das Schicksal ihrer verschwundenen Söhne und Töchter hinwiesen und von der Militärjunta Aufklärung verlangten. Aber auch die "algerische Tragödie", der Bürgerkrieg zwischen islamischen Extremisten und der Armee in einem anderen arabischen Land, brachten die Initiatoren auf die Idee, auch im Libanon ein ähnliches Projekt in die Wege zu leiten.

"Wir haben diese Ausstellung eine 'Exhibition in Progress' genannt. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil in den Ausstellungsräumen jetzt Computer und Scanner stehen und wir hoffen, dass auch andere Familien ihre Fotos bringen werden, so dass diese Ausstellung permanent erweitert werden kann", erzählt Monika Borgmann.

Internet-Ausstellung ​​

Die Ausstellung besteht auch auf einer Website (www.memoryatwork.org), die als eine libanesische Plattform fungieren soll. Doch damit nicht genug: Zusätzlich zur Fotoausstellung finden im verschiedenen Regionen des Landes sieben Workshops statt, an denen Experten und Opfer des Bürgerkriegs, aber auch Politiker und Angehörige der Armee teilnehmen sollen. Finanziert wird das Projekt unter anderem durch Mittel des Auswärtigen Amtes, des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) und der Heinrich-Böll-Stiftung.

Arian Fariborz

© Qantara.de 2008

Webseite "Memory at Work (engl.)Webseite Umam Documentation & Research (engl.)

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