Verhaftung von Menschenrechtlern in Ägypten

Mein Freund, der „Terrorist“

In Ägypten sind mehrere Menschenrechtler der Organisation „Egyptian Initiative for Personal Rights“ nach einem Treffen mit Botschaftern aus EU-Staaten verhaftet worden. Einer von ihnen ist Gasser Abdel Razek, langjähriger Freund des Nahost-Korrespondenten Karim El-Gawhary. In einem sehr persönlichen Beitrag schreibt El-Gawhary über die Verhaftung des Freundes.

Schon lange haben wir befürchtet, dass es eines Tages soweit sein wird. Zu sehr war Gasser Abdel Razeks Arbeit den Herrschenden in Ägypten ein Dorn im Auge. Als Direktor einer der letzten im Land verbliebenen Menschenrechtsorganisationen kannte er sein Risiko. Er wusste, dass die Veröffentlichungen von Informationen über willkürliche Verhaftungen, Folter, unfaire Gerichtsprozesse, über die Todesstrafe, die Beschneidung von Versammlungsrecht und Pressefreiheit immer für ihn die Gefahr barg, eines Tages selbst an der Reihe zu sein.

Als Muhammad Basheer und Karim Ennarah, zwei Mitarbeiter der von Gasser Abdel Razek geleiteten Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR) am 15. November verhaftet wurden, rückte diese Gefahr immer näher. Die Festnahme der beiden erfolgte nach einem Treffen mit 13 Botschaftern und Botschaftsvertretern, die meisten aus der EU - auch der deutsche Botschafter in Kairo war dabei - im Büro der Organisation. Die Diplomaten waren über die Menschenrechtslage im Land informiert worden. Das Treffen mit den Diplomaten, davon war Gasser überzeugt, war der Auslöser für die Inhaftierung seiner Kollegen.  Er ahnte, was als nächstes passieren würde.

Gasser schickte seine Frau und seine beiden Söhne in die Oase Fayoum, eineinhalb Stunden von Kairo entfernt, packte seine Tasche und wartete zu Hause darauf, selbst abgeholt zu werden. Am 19. November war es dann soweit. In der Nacht seiner Verhaftung wurde er von der Staatsanwaltschaft verhört und am nächsten Morgen offiziell angeklagt: Er soll Mitglied einer terroristischen Vereinigung sein. Außerdem wird ihm vorgeworfen, mit Falschmeldungen die Sicherheit des Staates gefährdet zu haben.    

Seitdem starre ich stundenlang auf meinen Computerbildschirm. Wie berichtet man objektiv und mit gebotener journalistischer Distanz über diese Verhaftungen? Wie schreibt man über ein Land, in dem manchen Kollegen der Journalismus selbst schon zum Verhängnis wurde?

Denn ich will ehrlich sein: Es gibt da ein Problem mit der Objektivität und Distanz. Gasser zählt seit vielen Jahren zu meinen besten Freunden in Ägypten. Das war auch der Grund, warum ich ihn letztes Jahr gebeten hatte, mein Trauzeuge zu sein. Als ich im Jahr 2004 wochenlang im Irak war und dort aus dem Krieg berichtete, half Gasser zu Hause in Kairo mit meinen damals kleinen Kindern aus. Inzwischen sind sie erwachsen, aber Gasser ist für sie immer ein „Onkel“ geblieben.

Der Menschenrechtsaktivist und Direktor der Menschenrechtsorganisation „Egyptian Initiative for Personal Rights“ (EIPR)  in Ägypten Gasser Abdel Razek bei einem der Ausflüge in die Wüste. (Foto: privat)
"Dann packte er seine Tasche und wartete zu Hause darauf, selbst abgeholt zu werden. Am 19. November war es so weit." Die Staatssicherheit in Ägypten hat in dieser Nacht den Direktor der Menschenrechtsorganisation Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR), Gasser Abdel Razek, verhaftet.

Menschenrechte sind unteilbar

Ich erinnere mich an viele Fahrten mit ihm durch die ägyptische Wüste, als wir tagelang die Autos über die Sanddünen gleiten ließen, sie aus dem Sand buddelten, wenn sie steckenblieben. Ich denke daran, wie wir nachts am Lagerfeuer saßen im schönsten Fünf-Millionen-Sterne-Hotel der Welt. Oft sprachen wir dann auch ausführlich über die Menschenrechtslage in Ägypten, während Gasser, ein ambitionierter Koch, mitten in der Wüste am Spirituskocher eine seiner, unter den Freunden legendären, Gourmet-Mahlzeiten zubereitete.

So passioniert er beim Kochen ist, soviel Leidenschaft hat er auch in seine Arbeit gesteckt. Er machte dabei keinen Unterschied, wessen Menschenrechte es zu verteidigen galt. Egal, ob unter dem 2011 gestürzten Hosni Mubarak, dem Präsidenten der Muslimbrüder Muhammad Mursi oder dem ehemaligen Militär- und heutigen Staatschef Abdel Fatah Al-Sisi, Gasser verteidigte 25 Jahre lang alle, deren Menschenrechte in Ägypten verletzt wurden. Er machte nie einen Unterschied, ob diese Menschen säkular, islamistisch, kommunistisch, liberal oder verschleiert waren, ob sie einen Salafisten- oder Che-Guevara-Bart trugen, ob sie diskriminierte Christen oder Homosexuelle waren. Für Gasser haben alle Menschen die gleichen Rechte. Ich kenne kaum jemanden, der so klare Prinzipien hat, wie er.

Wie schreibt man nun objektiv über seinen verhafteten Freund? Letzten Montag wurde Gasser erneut der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Seinen Kopf hatte man kahlgeschoren. Seinen anwesenden Anwälten erzählte er, dass er im berüchtigten Tora-Gefängnis in Kairo in einer Isolationszelle sitze, mit einem Metallbett ohne Matratze und Bettzeug. Er habe nur die dünnen Klamotten an, die er bei der Verhaftung trug. Die wärmere Kleidung habe man ihm, wie alle anderen persönlichen Gegenstände, abgenommen. Ihm sei kalt, sagte er den Anwälten. Letzte Nacht lag ich in meinem warmen Bett wach und dachte an meinen Freund in seiner kalten Zelle. Wie kann ich darüber objektiv berichten?

 

 

 

Was sind die internationalen Proteste wert?

Man könnte über die weltweiten Reaktionen auf Gassers Verhaftungen schreiben. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte hat Gassers sofortige Freilassung  gefordert, unterstützt von UN-Generalsekretär António Guterres. Die Europäische Union und die Mitglieder des EU-Parlaments haben seine Festnahme verurteilt. Zahlreiche Regierungen von Ländern, deren Botschafter bei dem Treffen mit Gasser in Kairo zugegen waren, legten Protest ein, auch die deutsche Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler.

Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch stellten sich selbstredend hinter Gasser, dessen Organisation sie all die Jahre immer mit Informationen versorgt hat. Vielleicht für das Regime in Kairo besonders gravierend: Auch der von Joe Biden als zukünftiger US-Außenminister nominierte Anthony Blinken, hat die Verhaftung Gassers in einem Tweet verurteilt. „Sich mit ausländischen Diplomaten zu treffen, ist genauso wenig ein Verbrechen, wie friedlich für Menschenrechte einzustehen“, schrieb er. 

Man könnte aber auch die Frage stellen, was all diese internationalen Proteste wirklich wert sind, wenn sie nicht einmal dazu führen, dass Gasser eine Matratze für sein Zellenbett bekommt. Zumindest nach außen hin gibt sich das Regime in Kairo nämlich bisher trotzig. Das ägyptische Außenministerium verwehrt sich gegen alle Einmischungen in die inneren Angelegenheiten und wirft der Egyptian Initiative for Personal Rights vor, gegen bestehende Gesetze verstoßen zu haben.

 Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary: (Foto: Manfred Weis)
Karim El-Gawhary ist seit 1991 Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen, seit 2004 Leiter des ORF-Nahostbüros in Kairo. Zuvor fünf Jahre als Vertreter des ARD-Rundfunkstudios in Kairo tätig. 2011 erhielt er den „Concordia Presse-Preis“, 2012 wurde er zum Auslandsjournalisten des Jahres gewählt, 2013 zum Journalist des Jahres in Österreich, 2018 erhielt er den Axel-Corti-Preis. Kürzlich ist sein Buch „Repression und Rebellion: Arabische Revolution - was nun?“ im Kremayr & Scheriau Verlag erschienen.

Außerdem stellt sich die Frage, wie ernst die vielen Protestnoten tatsächlich gemeint sind. Schließlich werden in vielen westlichen Hauptstädten arabische Autokraten wie Al-Sisi als vermeintliche Garanten für der Stabilität in der Region gehandelt, als Bollwerk im Antiterrorkampf und als Partner, um Flüchtlinge von der Fahrt über das Mittelmeer abzuhalten. Außerdem will man auch in Zukunft Geld mit Waffenverkäufen nach Ägypten verdienen. Das Land am Nil ist inzwischen der drittgrößte Waffenimporteur der Welt. Zu den wichtigsten Lieferländern gehören die USA und Frankreich. Ein Drittel des Gesamtumfangs der von 2015 bis 2019 nach Ägypten gelieferten Rüstungsgüter stammt aus französischer Produktion.

Guter Journalismus heißt, nah an den Menschen sein

Ägypten steht in diesem Jahr auf Platz eins der deutschen Waffenexporte mit einem Volumen von bisher 585,9 Millionen Euro. Thyssenkrupp hat vier U-Boote an Ägypten geliefert. Im Gespräch sind derzeit auch weitere Rüstungsgeschäfte mit Italien im Wert von 9,8 Milliarden Dollar. Dagegen wirkt mein Freund Gasser in seiner kalten Zelle in Kairo doch sehr klein, obwohl er eigentlich viel größer ist.

Als Gasser am Montag von der Staatsanwaltschaft wieder zurück ins Gefängnis transportiert wurde, konnte seine Frau Mariam durch das kleine vergitterte Fenster des Gefangentransporters einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Das Einzige, was Gasser kurz nach draußen rufen konnte, war: „Mariam, grüße unsere Kinder von mir, ich liebe dich“. Das erste Mal wird sie ihn nach 30 Tagen im Gefängnis besuchen dürfen.

Ich habe immer wieder argumentiert, dass guter Journalismus für mich bedeutet, ganz nah an den Menschen dran zu sein. Ich wollte immer die Objekte der Berichterstattung zu Subjekten machen, die ihre Geschichten erzählen, über die sich die Leserinnen und Leser dann eine eigene Meinung bilden können. 

Morgen werde ich Mariam und ihre beiden Söhne besuchen. Ich werde mit ihnen an dem Küchentisch sitzen, an dem ich oft stundenlang gelacht, gespielt und debattiert habe. Wir werden über Gasser reden, meinen Freund und Trauzeugen, der nur wenige hundert Meter entfernt, als „Terrorist“ angeklagt, im Gefängnis sitzt. Und es wird zu nah sein, um darüber objektiv zu berichten.  

Karim El-Gawhary

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