Die Türkei und die Taliban

Stabilitätsgarant im neuen Afghanistan?

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan bietet dem türkischen Präsidenten Erdogan neue Chancen. Er ist entschlossen, sie zu nutzen. Aus Istanbul informiert Ronald Meinardus.

In diesen Tagen läuft Ankaras außenpolitischer Apparat auf Hochtouren. Während in westlichen Hauptstädten die Evakuierungen aus Kabul und die politische Aufarbeitung des chaotischen Krisenmanagements die Tagesordnung bestimmen, scheint Erdogans Türkei einen Schritt voraus zu sein: Gemäß der strategischen Maxime, dass eine Krise stets auch Gelegenheiten bietet, richtet Erdogan den Blick in die Zukunft: „Wir werden unsere Bemühungen, die Region zu Stabilität zurückzubringen, fortsetzen – und dabei mit Afghanistan beginnen“, skizziert der türkische Präsident seinen Anspruch als globaler Krisenmanager.

Dabei geht die Türkei durchaus systematisch vor. Ankaras Afghanistan-Plan besteht aus drei Komponenten: einer militärischen, einer politischen und einer wirtschaftlichen.

„Wir werden so lange hier bleiben, wie es unsere afghanischen Brüder wünschen“, sagt der türkische Verteidigungsminister. Hulusi Akar hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun, den türkischen Militäreinsatz am Kabuler Flughafen zu koordinieren. Dass dies kein einfacher Einsatz ist, zeigen die TV-Bilder, die uns aus der afghanischen Hauptstadt erreichen. In den türkischen Planspielen kommt der Militärpräsenz am Airport eine zentrale Rolle zu.

Lange vor dem aktuellen Inferno, am Rande des NATO-Gipfels Mitte Juni in Brüssel, hatten die Präsidenten Biden und Erdogan im Prinzip vereinbart, dass nach dem Abzug der Amerikaner Ankaras Soldaten auf dem Flughafen für Ruhe und Ordnung sorgen. Erdogan drängte auf das riskante Mandat, bot sich ihm hier doch die Perspektive, auch nach dem Abzug der US-Truppen einen Fuß in der Tür des strategisch wichtigen Landes zu behalten. Doch die Absprache mit US-Präsident Biden liegt zwei Monate zurück – und ist praktisch Makulatur. Am Hindukusch wurden die Karten inzwischen neu gemischt. Nicht die Amerikaner, die Taliban haben das Sagen. Auch über die Kontrolle des Hauptstadtflughafens.

Während die westlichen Truppen nicht schnell genug abziehen konnten, gibt es keinen entsprechenden Marschbefehl für die Soldaten aus Anatolien. Erdogan ist daran gelegen, dass seine Truppen bleiben. Verteidigungsminister Akar spielt die historische Karte, um den neuen Machthabern diese Perspektive schmackhaft zu machen. „Wir haben gemeinsame historische Werte“, so der Minister. „Wir führen unsere Aktivitäten in einer Weise fort, die unserer ehrwürdigen Nation und Geschichte gerecht wird.“ Präsident Erdogan ergänzt mit Blick auf die verbreiteten internationalen Sorgen über die Stabilität des Landes: „Die militärische Präsenz der Türkei in Afghanistan wird die Stellung der neuen Regierung auf internationaler Bühne verbessern und ihr die Arbeit erleichtern.“

Neue Allianz mit Pakistan und Katar

Bei ihren politischen Vorstößen setzen die Türken auf bewährte Freundschaften und Netzwerke: Ungeachtet der westlichen Bündniszugehörigkeit hat Ankara in den zurückliegenden Jahren seine Beziehungen mit der Islamischen Republik Pakistan und dem Golfemirat Katar massiv ausgebaut – auch im militärischen Bereich. Hier ist eine Mini-Allianz entstanden, die Erdogan nun ausspielen möchte.

 

 

Geht es nach den Plänen der Türkei, wird die Achse Doha-Islamabad-Ankara in der Afghanistan-Politik den Takt vorgeben: „Pakistan hat eine besondere Beziehung zu Afghanistan und unterhält einen intensiven Dialog mit den Taliban. Auch die Türkei steht in engem Dialog mit Katar – einem langjährigen Vermittler zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung“, schreibt Serkan Demirtas in der Turkish Daily News. „Diese drei Länder können einen neuen Mechanismus für den Umgang mit den Taliban entwickeln.“

Inwieweit dieses Szenario allein türkischem Wunschdenken entspricht oder am Ende tatsächlich zu greifbaren politischen Ergebnissen führt, wird die Zukunft zeigen. Tatsache ist, dass Ankara im Schulterschluss mit Doha und Islamabad mit gezielten politischen Interventionen bereits an einer neuen Ordnung für Afghanistan mitwirkt. Das Ziel ist eine breit aufgestellte Regierung – oder auch Übergangsregierung, in die möglichst viele politische Parteien und Gruppierungen einbezogen sind.

„Wir haben über unterschiedliche Kanäle Zugang zu den Taliban“, sagt Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Schon vor dem Machtwechsel in Kabul habe er die politische Führung der Taliban zu Gesprächen in die Türkei eingeladen, so der Minister in einem Interview. Die eskalierte Lage vor Ort habe das Zustandekommen der Beratungen vereitelt. Auch wenn türkische Vertreter in diesen Tagen gerne ihre direkten Zugänge zu den Taliban ins Feld führen, setzt Ankara in Afghanistan keinesfalls alles auf diese eine Karte.

„Unabhängig davon, wer an der Macht ist, erfordert das brüderliche Verhältnis unserer zwei Nationen, dass wir Afghanistan zur Seite stehen – in guten wie in schlechten Tagen“, sagt Präsident Erdogan. Bei den Beratungen über eine künftige Regierung, die in diesen Tagen vor und hinter den Kulissen stattfinden, will sich die türkische Seite möglichst viele Optionen offenhalten. 

 

 

 

Außenminister Cavusoglu erwähnt in diesem Zusammenhang Ex-Präsident Hamid Karzai und den früheren Ministerpräsidenten (und Warlord) Gulbuddin Hekmatjar, dessen Beziehungen zu Erdogan in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreichen. Ein Foto aus jenen Jahren, das einen jungen Erdogan zu Füßen des islamistischen Kriegsherrn zeigt, macht in diesen Tagen in türkischen Medien die Runde.

Um in Zukunft in Kabul Einfluss auszuüben, drängen die Türken nach Kräften darauf, dass ihre politischen Vertrauensleute mächtige Ämter übernehmen, schreibt der türkische Sicherheitsexperte Metin Gurcan im Informationsdienst Al Minitor. Auch er hebt die Beziehung zwischen Erdogan und Hekmatjar hervor.

Fluchthilfe für Ex-VIPs

Zum politischen Freundeskreis Ankaras zählen nicht zuletzt führende Vertreter der Regierung, die jetzt vor den anrückenden Taliban die Flucht ergriffen haben. Die Tageszeitung „Hürriyet“ berichtet von amtlicher türkischer „Fluchthilfe“ für hochrangige Mitglieder der abgesetzten Regierung. Die Taliban hatten sich bereits publikumswirksam im Kabuler Präsidentenpalast niedergelassen, als eine Linienmaschine der Turkish Airways die VIPs des alten Regimes aus dem Land beförderte. Unter den Passagieren befanden sich neben dem Außenminister und dem Zweiten Vizepräsidenten eine Reihe von Ex-Ministern und Abgeordneten – insgesamt 40 Personen.

Die Außenwirtschaftspolitik ist ein zentraler Bestandteil der expansiven Außenbeziehungen Ankaras. Schon frohlocken türkische Medien, dass sich alsbald in dem rohstoffreichen Binnenland neue Gelegenheiten für türkische Investoren bieten werden. Vor allem die türkische Bauwirtschaft wittert Morgenluft und würde gerne mit von der Partie sein beim Wiederaufbau Afghanistans nach Jahrzehnten der Zerstörung. „Unsere Bauunternehmen könnten Zugang zu einem großen Markt bekommen“, sagt Süleyman Ciliv vom Türkisch-Afghanischen Wirtschaftsrat.

In keinem anderen Bereich sind die Erwartungen der Taliban größer als in der Wirtschaft. „Unsere gesamte Infrastruktur ist zusammengebrochen“, sagt Suhail Shaheen, der Sprecher der Gruppe in einem Interview der Tageszeitung Türkiye. „Wir werden Afghanistan in allen Bereichen wiederaufbauen und benötigen die Türkei mehr als alle anderen.“ Bei der Gelegenheit ließ der Taliban-Sprecher einfließen, dass – abseits der Öffentlichkeit – die Organisation enge Beziehungen zur Türkei gepflegt habe, und preist sodann den besonderen Charakter der beiderseitigen Beziehungen: „Die Verbindung unseres Landes mit der Türkei ist mit keinem anderen Land vergleichbar.“

An rhetorische Freundlichkeiten der Taliban hat sich die Öffentlichkeit inzwischen gewöhnt. Ob die netten Worte für bare Münze genommen werden können, wird die Zukunft zeigen. Bei den erhofften Investitionen wird sich bald die Frage nach dem Geld stellen. Darüber dürften die Herrscher in Kabul ebenso wenig verfügen wie die potenziellen Investoren in der Türkei. Es ist zweifelhaft, ob die wirtschaftlich angeschlagene türkische Regierung in Vorkasse gehen wird.

Entscheidend bei alldem sind die politischen Entwicklungen. Wie auch immer das Ringen um Macht und Einfluss im neuen Afghanistan ausgehen wird: Präsident Erdogan hat seinen Anspruch auf Mitsprache in Wort und Tat zu Protokoll gegeben.

Ronald Meinardus

© Qantara.de 2021

Ronald Meinardus leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Istanbul. Davor war er Leiter des Regionalbüros Südasien der Stiftung.

 

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