Der syrische Schriftsteller und politische Dissident Yassin al-Haj Saleh war von 1980 bis 1996 wegen seiner Mitgliedschaft in der linken Syrischen Kommunistischen Partei, die er als "kommunistische Pro-Demokratie-Gruppe" bezeichnet, in Syrien inhaftiert. Nachdem er 2015 aus dem Land geflohen ist, ist Saleh heute Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Arabellion
Welches revolutionäre Vermächtnis hinterlässt der Arabische Frühling?

Am 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings können wir uns diesem besonderen Stoff namens Erinnerung kaum entziehen. Anstatt uns zu beklagen oder nostalgisch daran zu gedenken, wollen wir Fragen stellen. Ein Essay des syrischen Intellektuellen Yassin Al-Haj Saleh

Wie hat sich unser Verständnis der revolutionären Ereignisse im Laufe der Zeit verändert?  Was verrät dieses Ereignis – und das, was danach kam – über die arabische revolutionäre Tradition?  Und welche mikropolitischen Elemente sind in den letzten zehn Jahren entstanden, die unser Verständnis der politischen Ordnung in der Region prägen?

Traditionen folgen unveränderlichen Regeln, die das menschliche Handeln bestimmen. Dagegen ist eine Revolution ein umwälzendes Ereignis, das keinem vorherbestimmten Weg folgt. Der oben genannte Begriff „revolutionäre Tradition“ ist insofern widersprüchlich, als er das revolutionäre Ereignis tendenziell ausblendet und ihm seine Regeln aufzwingt. Dies zeigt sich in bemerkenswerter Weise in der kommunistischen „harten Tradition“, woraus wir etwas über die heutigen Revolutionen lernen können.

Die kommunistische Tradition geht von drei revolutionären Voraussetzungen aus: Theorie (Marxismus), Praxis (Klassenkampf) und Organisation (die Partei der Arbeiterklasse). Damit nimmt sie der Revolution ihre Subjektivität und behandelt sie als „Wissenschaft“ oder fertiges Schema und nicht als eine dynamische Beziehung zwischen bestimmten Akteuren und Situationen.

Die Beseitigung der Sowjets, also die basisdemokratischen Arbeiter- und Soldatenräte, die die Subjektivität und Kreativität der russischen Revolution belegten, wurde mit der Diktatur des Proletariats gerechtfertigt. Die Wissenschaft der Revolution zog unerlässlich Revolutionen in Zweifel, die nicht der eigenen glichen. Die kommunistische Herrschaft galt als „das Ende der Geschichte“.

Ein syrischer Soldat, der loyal zu Präsident Bashar al Assad steht, ist außerhalb von Ost-Ghouta zu sehen, in Damaskus, Syrien, 28. Februar 2018. Foto: Reuters/O. Sanadiki
Jede Revolution besteht aus mehreren Revolutionen – einige sind erfolgreich, andere scheitern: "Gescheitert ist vor allem der politische Wandel. Er hätte wohl das politische und psychologische Klima in Syrien verändert und eine andere soziale und politische Dynamik ausgelöst," schreibt Saleh. "Anderes geht jedoch weiter. Die Revolution ist heute und morgen fortsetzbar."

Daraus folgte, dass man Panzer zur Niederschlagung jeglicher Revolutionen in kommunistisch regierten und mit der UdSSR verbündeten Ländern einsetzte, wie in Ungarn (1956) und in der Tschechoslowakei (1968). So entstand das Wort „Tankie“ zur Bezeichnung militanter Antirevolutionäre.

Die kommunistische Tradition wurde zu einer antirevolutionären Tradition, als sich die Revolution in eine harte Tradition verwandelte: Eine starre Doktrin mit Handlungsregeln, die es erübrigten, irgendetwas Relevantes über die betreffenden Länder wissen zu müssen.

Postkommunistisch nur dem Namen nach

Die arabischen Revolutionen sind insofern postkommunistisch, als dass sie zeitlich der Infragestellung der kommunistischen Tradition folgten. Sie fallen allerdings unter keine andere konkrete Tradition. In Wirklichkeit haben wir kaum eine revolutionäre Vorgeschichte. Unsere heutige Erinnerung an Rebellionen kreist hauptsächlich um die Entkolonialisierung, mit einer kurzen Geschichte von Kämpfen gegen Autoritäten, allerdings ohne dass daraus eine Tradition erwachsen wäre. Das erklärt, warum unsere Revolutionen ins Straucheln geraten sind - und verleiht ihnen gleichzeitig etwas Neuartiges und Experimentelles.

Aber sind wir deshalb in ein explosives und völlig chaotisches Ereignis ohne jegliche Organisation oder vorausgehende Ideen eingetreten? Nicht unbedingt, sofern mit „Organisation“ nicht eine Partei leninistischen Typs gemeint ist und mit „Ideen“ eine Doktrin wie der Marxismus-Leninismus.

Protestbewegungen gab es immer, auch in einem Land wie Syrien. Der demokratische Wandel war die Leitidee eines aktiven Flügels der frühen Revolutionäre, die alle zugrunde gerichtet wurden durch Tod, Verschleppung oder Exil.

Anfangs wirkte die syrische Revolution wie eine gegenseitige Inspiration aus den Protesterfahrungen nach dem Damaszener Frühling, die sich in selbstzensierenden, privaten Räumen zugetragen hatten, und der vom Arabischen Frühling weiterentwickelten Protestmethode, die sich in friedlichen Versammlungen in unverhohlen rebellischen öffentlichen Räumen manifestierte.

Doch sowohl die vorrevolutionäre als auch die entlehnte Protestmethode verflüchtigte sich in der Hitze eines aufgezwungenen Krieges. Später schien es, als habe alles mit der Revolution begonnen, die zunehmend wie ein absoluter Anfang ohne ein Vorher anmutete.

Die vielen Revoluzzer in Syrien

Unter Bezugnahme auf ein kürzlich erschienenes Buch von Asef Bayat unterscheide ich zwischen zwei Arten von Aufständischen. Auf der einen Seite Revolutionäre, die für etwas kämpfen, eine „harte Tradition“ haben und erfolgreiche Revolutionen bis zu dem Punkt imitieren, an dem sie potenziell ihre eigene Subjektivität auslöschen.

Auf der anderen Seite Revoluzzer, die gegen etwas kämpfen, die keinem früheren Beispiel folgen und sich über ihren Gegner definieren, wobei sie Gefahr laufen, spurlos zu verschwinden, sollte ihre Revolution besiegt werden. In Syrien haben wir viele Revoluzzer und nur wenige Revolutionäre.

Deshalb waren die Islamisten und insbesondere die Salafisten eher bereit, den Kampf ums Überleben unter den Bedingungen eines totalen Krieges zu gewinnen. Tatsächlich diente die syrische Revolution als Nährboden für die salafistisch-dschihadistische Struktur, die danach trachtete, sich überall zu reproduzieren, wo sie konnte.

Die salafistisch-dschihadistische Tradition ist das islamische Äquivalent zum Marxismus-Leninismus. Ihre Revolution beruht vergleichbar auf drei Voraussetzungen: Theorie (Salafismus bzw. Literalismus), Praxis (Heiliger Krieg) und Organisation (dschihadistische Gruppen im Guerillakrieg). Auch hier verdichtet sich der Kampf zu einer harten Tradition und lebendigen Symbolen. Dies raubt dem revolutionären Ereignis seine Subjektivität zugunsten einer „Wissenschaft“, nämlich der Scharia „der frommen Vorfahren“.

Migranten aus Syrien gehen in Richtung eines Flüchtlingslagers in Kokkinotrimithia, außerhalb der Hauptstadt Nikosia, auf der östlichen Mittelmeerinsel Zypern, 10. September 2017. Foto: AP Photo/Petros Karadjias
Eine "weiche" Tradition, aus Leid geborenen: Eine arabische revolutionäre Tradition hat im vergangenen Jahrzehnt Gestalt angenommen; indem wir Teil davon sind, zieht sie uns zu den neuen revolutionären Bewegungen im Libanon, Irak, Sudan und Algerien. Erfolgreiche Revolutionen, so scheint es, hinterlassen harte Traditionen und strenge Modelle, die es nachzuahmen gilt. Gescheiterte Revolutionen hinterlassen hingegen Erlebnisse, Geschichten und Debatten; ein Vermächtnis von Lektionen, die gelernt werden wollen, und Warnungen, die es zu beherzigen gilt.

Sicher gibt es einen normativen Unterschied zwischen dem kommunistischen und dem dschihadistischen Gedankengut. Bei letzterem spielten Geheimdienste und die Bekämpfung des afghanischen religiösen Raums eine prägende Rolle. Hier geht es aber um die parallelen Organisationsstrukturen, Überzeugungen und Gewalttätigkeiten, die „Methoden“ und „Traditionen“ und die starren Identitäten, die durch strenge Regeln der Gefolgschaft und Abgrenzung verteidigt werden.

Was wir lernen können

Es gibt eine arabische revolutionäre Tradition, die im vergangenen Jahrzehnt Gestalt angenommen hat. Indem wir Teil davon sind, zieht sie uns zu den neuen revolutionären Bewegungen im Libanon, Irak, Sudan und Algerien sowie zu den Protesten in Hongkong, Frankreich und anderen Ländern. Es wäre jedoch angebrachter, von einer „weichen Tradition“ oder einem revolutionären „Erbe“ zu sprechen, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten. Erfolgreiche Revolutionen, so scheint es, hinterlassen harte Traditionen und strenge Modelle, die es nachzuahmen gilt. Gescheiterte Revolutionen hinterlassen hingegen Erlebnisse, Geschichten und Debatten; Lektionen, die gelernt werden wollen, und Warnungen, die es zu beherzigen gilt.

Wir sollten also überdenken, was wir mit Erfolg oder Misserfolg meinen, wenn wir über Revolutionen sprechen. So ist es denkbar, dass jede Revolution aus mehreren Revolutionen besteht. Einige sind erfolgreich, andere scheitern. Gescheitert ist vor allem der politische Wandel. Er hätte wohl das politische und psychologische Klima in Syrien verändert und eine andere soziale und politische Dynamik ausgelöst. Die Vielzahl der Revolutionen verlangt geradezu, die Vorstellung vom Ende der Revolutionen zu hinterfragen.

Revolutionen sind Lernprozesse, Episoden eines größeren Prozesses, der das revolutionäre Erbe oder die weiche revolutionäre Tradition begründet. Wir haben bereits ein revolutionäres Vermächtnis. Die so gewonnenen Lektionen und Lehren werden in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen. Was wir jetzt haben und erreicht haben, ist fundamental und geht über Geschichten und Anekdoten hinaus.

 

Vor allem haben wir unser Recht auf freie Meinungsäußerung zurückgewonnen und damit das bisherige Monopol des Regimes und seiner Verbündeten auf immer gebrochen. Darüber hinaus fand eine Revolution der Subjektivitäten statt. Dies verhilft sehr vielen befreiten Individuen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und ihre Angelegenheiten selbst zu regeln.

Es fand ein umfassender und offen geäußerter Tabubruch statt, ob in Bezug auf Religion, Sexualität oder Geschlechterrollen. Ganz zu schweigen von einem konstanten und nun normalisierten Bruch mit der politischen Macht, die das stärkste aller Tabus und ein Brutherd für alle anderen gewesen war.

Letztlich kann die Erfahrung im Exil ein signifikanter Ausgangspunkt für neue Ideen und unterschiedliche Sensibilitäten sein.

Manches in der syrischen Revolution ging schon vor Jahren zu Ende, vielleicht zwei Jahre nach der Revolution oder noch früher. Anderes ging jedoch weiter. Die Revolution ist heute und morgen fortsetzbar, sofern andere Revolutionen und Verschiebungen in unseren Handlungsräumen weiter stattfinden.

Yassin al-Haj Saleh

© madamasr 2021

Yassin Al-Haj Saleh, geboren 1961 in Raqqa, Syrien, studierte zunächst Medizin und wurde 1980 als Mitglied des demokratischen Flügels der Kommunistischen Partei wegen seiner Opposition gegen die Tyrannei des Assad-Regimes verhaftet. Danach verbrachte er 16 Jahre in syrischen Gefängnissen. 2013 wurde seine Frau Samira in einem Vorort von Damaskus entführt und ist bis heute verschwunden. Saleh lebt seit 2013 im Exil. 2017-19 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, anschließend EUME-Fellow der Gerda Henkel Stiftung am Forum Transregionale Studien.

 

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