Politik und Religion im Islam

Getrennte oder vereinte Welten?

In der islamischen Welt gibt es eine heftige Debatte darüber, ob religiöse und politische Sphäre im Islam eine Einheit bilden. Um diese Frage zu beantworten, müsse man erst die Begriffe „Religion“ und „Staat“ klären, meint der syrische Publizist Morris Ayek in seinem Essay. Nur so ließen sich Missverständnisse vermeiden.

Die Losung „der Islam ist Religion und Staat zugleich“ hat eine Vielzahl von Kontroversen und Debatten ausgelöst. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, ob es sich dabei um eine moderne Idee handelt. Dazu existieren zwei grundsätzliche Sichtweisen: Die erste lautet, es handele sich bei dieser Vorstellung – in ihrem Wortlaut wie auch inhaltlich – um etwas Neuartiges.

Danach ist die Idee vom Islam, der Religion und Staat umfasst, das Produkt einer Modernisierung und der Versuch, den Islam in die moderne Welt zu integrieren. In der Idee drücke sich also eine neuartige Vorstellung vom Islam aus, die eng mit der Ideologie des Islamismus und seiner Entstehungsgeschichte verbunden sei.

Die zweite Sichtweise, die vor allem in islamistischen Kreisen Anklang findet, geht davon aus, es handele sich um eine Idee, die bereits in den Anfängen des Islam vorhanden war. Lediglich die Art der Formulierung sei neu.

In Bezug auf die Glaubensinhalte war der Islam immer schon Religion und Staat zugleich. Ich möchte den Ursprung des Zwists zwischen den beiden Sichtweisen verstehen. Geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen vom Islam an sich? Oder um die Bedeutung der Wörter, derer wir uns bedienen?

Anders gefragt: Haben wir konträre Meinungen über das Wesen des Islam oder verstehen wir etwas Unterschiedliches, wenn wir von „Staat“ und von „Religion“ sprechen?

Unter den Vertretern der ersten Position gibt es wiederum zwei unterschiedliche Richtungen: Die eine vertritt die Ansicht, dass der Islam nur Religion sei und keinerlei politischen Inhalt besitze. So gesehen, wäre alles Politische reine gesellschaftliche Praxis ohne jegliche religiöse Dimension.

Als Vorläufer dieser Position gilt der ägyptische Religionsgelehrte Ali Abdel Raziq mit seinem 1925 erschienenen Werk „Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft“. Meiner Ansicht nach lässt sich diese Position nur schwer vertreten.

Zum einen passt sie nicht mit unserem Wissensstand über die Geschichte des Islam zusammen, zum anderen steuert sie nichts zur Debatte über die Modernität der Losung „der Islam ist Religion und Staat zugleich“ bei. Vielmehr blendet sie jegliche politische Dimension des Islam aus. Sie versteht ihn als eine Religion, die den Glauben auf kultische Handlungen reduziert. Die Beziehungen der Menschen untereinander stehen nach diesem Verständnis außerhalb der Religion.

Buchcover „Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft“. Übersetzung und Kommentar des Werkes von Alî Abd ar-Râziq. Foto: Peter Lang Verlag
Umstrittenes Grundlagenwerk: Das Werk des Al Azhar-Gelehrten Ali Abd ar-Raziq gehört zu den Schriften muslimischer Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, die den Diskurs um das Verhältnis von Staat und Politik im Islam wesentlich mitgeprägt haben. Ali Abd ar-Raziq begründet aus der islamischen Tradition heraus die politische Verankerung des Kalifats und der Kalifen. Das Kalifat verliert damit seinen religiösen Schein und wird zur einfachen Herrschaftsform.

Rigoros, repressiv und omnipräsent

Es gibt aber noch eine andere Position unter jenen, die den Satz “der Islam umfasst Religion und Staat“ für eine These der Moderne halten. Sie wollen die politische Dimension des Islam – als einer in historischen Kontexten praktizierten Religion – nicht ausblenden, halten aber trotzdem die Idee vom „Islam als Religion und Staat zugleich“ für eine moderne Neuerung.

Genau da setzt die Debatte über die Frage an, was unter „Staat“ zu verstehen ist. Der Staat ist eine Institution, die auf ihrem Territorium das Gewaltmonopol innehat. Das umfasst auch das Machtmonopol, das überhaupt erst Voraussetzung für die Rechtmäßigkeit des Gewaltmonopols ist.

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Unser Staatsbegriff ist eng an ein Territorium (den Nationalstaat) gekoppelt, das exklusiv das Gebiet beschreibt, in dem das Staatsvolk lebt. Der Staat besitzt dort kraft seines Rechts das Gewaltmonopol und demzufolge auch das Recht auf Herrschaft. Das beinhaltet auch ein Monopol auf Rechtsprechung und Legislative sowie auf die Definition des Allgemeinwohls und des öffentlichen Rechts. Ein solcher Staatsbegriff ist aber eine moderne Vorstellung und hat seine Wurzeln in der Zeit des Absolutismus in Europa.

Der moderne Staat unterscheidet sich in fast allen diesen Elementen von seinen Vorläufern in der Geschichte. Historisch gesehen, kannte der Staat keine Vorstellung von Territorium oder Nation. Die Herrschaft des „Staates“ erstreckte sich über einzelne Landstriche, die sich seiner Macht unterwarfen.

Dabei forderten die staatlichen Gebilde keine Gesetzgebungs- und Rechtsfindungskompetenz ein, sondern ließen den lokalen Gesellschaften in der Regel ihre gewohnte Praxis. Selbst wenn es zur Übernahme einer Rechtsordnung kam, wie etwa der islamischen Scharia, blieb deren Umsetzung Sache der jeweiligen Gesellschaften. Denn die Staaten früherer Zeiten wahrten die natürliche Ordnung der Dinge. Im Vergleich dazu wirkt der moderne Staat geradezu rigoros, omnipräsent und repressiv.

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