Interview mit Al-Azhar-Großscheich Ahmed al-Tayyeb

Instrumentalisierter Glaube

Großscheich Ahmed Mohammed al-Tayyeb ist der oberste Geistliche der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der höchsten religiösen Instanzen im sunnitischen Islam. Im Interview mit Khalid El Kaoutit erklärt er, wie die Dschihadisten des "Islamischen Staates" die sunnitische Lehre für ihre Zwecke missbrauchen.

Die Al-Azhar hat im Moment mit völlig neuen Herausforderungen zu kämpfen. Der sogenannte "Islamische Staat" (IS) errichtet sein Imperium in der arabischen Welt auf Grundlage des Islam. Wie geht Ihre Einrichtung damit um?

Ahmed al-Tayyeb: Im Namen Gottes, des Gütigen, des Barmherzigen. Lassen Sie uns zunächst auf die Bezeichnung "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) einigen. Zurzeit gibt es keinen "islamischen Staat" in diesem Sinne. Ich bin auch nicht damit einverstanden, wenn Sie behaupten, dass ISIS angeblich die arabische Welt eingenommen hat. Das ist doch genau deren Propaganda! Und die Al-Azhar als Institution lehrt seine Studenten, dass der Islam nicht mittels Waffen herrschen und sich verbreiten kann, sondern durch Argumente, Logik und Überzeugung. Was die islamistischen bewaffneten Bewegungen machen, ist falsch. Die Al-Azhar ist damit nicht einverstanden und missbilligt deren Aktivitäten.

Was sind die Gründe für die Entstehung dieser radikal-islamistischen Gruppen?

Al-Tayyeb: Unter anderem sind dafür die vielen Rückschläge für die Jugendlichen ausschlaggebend, die wirtschaftliche Rückständigkeit, die Arbeitslosigkeit. Und das bedeutet, dass wir eine Belebung der Wirtschaft benötigen. Da muss auch der Westen seine Verantwortung wahrnehmen und den arabischen Ländern helfen, sich von der Bestie dess Terrors zu befreien. Das kann zum Beispiel über wirtschaftliche Zusammenarbeit geschehen und durch politische Unterstützung. Die westlichen Länder müssen den arabischen Ländern einen Schutzwall garantieren. Denn sollte der Terror hier bleiben, wäre es falsch zu denken, dass der Westen davon verschont bleibt. Wir wissen alle, dass auch Menschen aus dem Westen freiwillig und aus Eigeninitiative zu den Waffen greifen, um ihre eigenen Herkunftsstaaten und Landsleute zu bekämpfen.

Sie erwähnten wirtschaftliche Faktoren für die Entstehung des IS. Aber diese militanten Gruppierungen berufen sich alle auf den Islam. Wäre es also nicht eher erforderlich, das Bild des Islam zu verändern?

Al-Tayyeb: Nein. Erforderlich ist es, den Islam so zu präsentieren, wie er ist, wie er den anderen respektiert, an den anderen glaubt und ihm die Glaubensfreiheit gewährt. Es funktioniert nicht so, wie manche es fordern: Ändert Euer kulturelles Erbe! Ändert den Koran! Nein, der Koran unabänderlich, genauso wie es die Bibel ist.

Doch selbst Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat zu einem neuen religiösen Diskurs aufgerufen. Braucht der Islam eine fundamentale Erneuerung?

Anti-Terror-Konferenz in Kairo zu Religion und Extremismus mit Ahmed al-Tayyeb (m.); Foto: AFP/Getty Images/K.Desouki
"Sie lehnen den Koran ab, ihre Herzen sind wie Stein oder noch härter": Azhar-Großimam Ahmed al-Tayyeb wendet sich entschieden gegen die Instrumentalisierung des muslimischen Glaubens durch die IS-Terrormiliz.

Al-Tayyeb: Fundamental? Nein. Denn das würde bedeuten, den Koran und die Fundamente der Religion anzutasten. Der Präsident hat gesagt, dass er keine neue Interpretation der Schriften meint, sondern, dass wir vor neuen Problemen stehen, die es in der Form früher nicht gegeben hat und für die es heute keinen Diskurs gibt. Erforderlich ist es, einen neuen Diskurs zu finden, der diese Herausforderungen aufgreift.

Und welche Schritte unternimmt die Al-Azhar in diesem Fall?

Al-Tayyeb: Wir sind unter anderem damit beschäftigt, ein mehrsprachiges Beobachtungszentrum aufzubauen, um zu verfolgen, was ISIS und die anderen bewaffneten Bewegungen in der Welt verbreiten. All das wird einer Kommission von Al-Azhar-Gelehrten vorgetragen und von ihnen dann analysiert. Es werden anschließend Empfehlungen formuliert, die übersetzt und auf der Webseite der Al-Azhar veröffentlicht werden.

Konnten sich Bewegungen wie ISIS auch deshalb so schnell ausbreiten, weil die arabischen Staaten sich nicht einig sind?

Al-Tayyeb: Die arabische Welt hat mittlerweile verstanden und damit begonnen, sich zu einigen. Wir sehen das zum Beispiel aktuell in der Jemen-Frage. Was dort im Moment passiert, wird auch im Kampf gegen die islamistischen bewaffneten Bewegungen passieren.

Der Krieg im Jemen scheint ein Krieg zwischen Schiiten und Sunniten zu sein. Und Sie sagen, die arabische Welt habe sich geeinigt? Gegen die Schiiten, weil der Iran die Huthis unterstützt?

Al-Tayyeb: Nein. Diese Frage ist sehr gefährlich. Die Araber haben nie die Waffen gegen die Schiiten gerichtet, sondern gegen die Abtrünnigen, die sich gegen die Legitimität des jemenitischen Staates mit Waffengewalt stellen. Und das sind an erster Stelle Araber, Jemeniten. Der Jemen hat die arabische Welt um Hilfe gebeten und die arabische Welt ist dem Land zur Hilfe geeilt. Aber dass gesagt wird, dass die Araber sich jetzt vereint haben, um die Waffen gegen die Schiiten zu richten, ist definitiv nicht passiert.

Das Interview führte Khalid El Kaoutit.

© Qantara.de 2015

Ahmed Mohammad al-Tayyeb ist seit 2010 Vorsteher der anerkannten ägyptischen Azhar-Universität. Als solcher ist er gleichzeitig Imam der Al-Azhar-Moschee und gilt als eine wichtige religiöse Autorität des sunnitischen Islams.

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Leserkommentare zum Artikel: Instrumentalisierter Glaube

Der Koran mag unabänderlich sein, weil es Allahs Wort sein soll. Die Bibel aber nicht. In ihr sind verschiedene Texte enthalten,die das Leben von dem jüdischen Volk (AT) und Jesus und seine Worte (NT) nacherzählen. Kernbestandteil der Theologie ist das kritische beleuchten dieser Texte. Während der Koran nicht In Frage gestellt werden darf, ist das eine Grundidee der christlichen Theologie! Wieso nimmt sich Jemand einen Vergleich mit der Bibel heraus, der sich offensichtlich nicht damit beschäftigt hat? Sie ist das genaue Gegenteil des Korans. Man muss nur die un-menschenrechtskonvention, die auf den christlichen Werten des Westens beruhen mit denen der islamisch arabischen Länder vergleichen.

bee30.04.2015 | 02:10 Uhr

Seien Sie versichert: Alle sunnitischen Würdenträger, die sich Gelehrte nennen, kennen zumindestens die Grundlagen der christlichen Lehre, das heisst auch der Bibel!!! Umgekehrt könnte man ja auch sagen, wie wenig bestimmte christliche Würdenträger den Islam, bzw. den Koran kennen. Das führt uns nicht weiter.

jamal B.30.04.2015 | 11:51 Uhr

Ich begrüsse es, dass Tayeb Klartext mit den Fundamentalisten spricht: Die IS-Miliz begehe "barbarische Verbrechen unter dem Mantel der heiligen Religion des Islam und unter dem Namen "Islamische Staat" beim Versuch, ihren falschen Islam zu exportieren". Aber leider hört man ja heute auf die Azhar nicht mehr, erst recht nicht die Jihadisten.

Abu Nagi30.04.2015 | 13:16 Uhr

Es sind die Ahmed Tayebs dieser Welt (in fast allen Religionen) die fein verhindern werden, dass sich Grundsätzliches oder Fundamentales ändern wird. Dem Zitat : "...Erforderlich ist es, den Islam so zu präsentieren, wie er ist, wie er den anderen respektiert, an den anderen glaubt und ihm die Glaubensfreiheit gewährt...." kann man nur hinzufügen, dass sich Herr Tayeb vielleicht mal die Realitäten in seinem eigenen Land etwas genauer anschauen sollte: Dort werden tagtäglich die Rechte von Menschen ganz allgemein, von Frauen, Kindern, Behinderten, Kranken, Andersgläubigen (ja auch von Tieren und die ganz besonders übel) von ihren Mitmenschen mit Füßen getreten, nämlich ganz und gar nicht respektiert, und zwar auf sehr breiter Basis. Die Natur, ja angeblich Gottes/Allahs Schöpfung, wird zudem verhunzt dass es ein Grauen ist. Und ist dieses Land nicht zu 90 Prozent islamisch? Respekt und Freiheit sehen jedenfalls anders aus! Und warum der Westen, der doch sonst so gerne als Schuldiger für alles gesehen wird, nun ausgerechnet "...den arabischen Ländern einen Schutzwall garantieren muss...", verstehe ich auch nicht. Die arabischen oder islamischen Länder müssen sich aus sich heraus reformieren, und zwar eben FUNDMENTAL, sonst wird das nichts. Dass ausgerechnet Saudi-Arabien da einen ersten vernünftigen Schritt macht und zumindest mal mit einer Verjüngungskur seiner Regierung beginnt, hätte wohl niemand erwartet. Solange den Ahmed Tayebs dieser Welt kritiklos und in falsch verstandener Religiosität die Hände geküsst werden vom gemeinen Volk, wird sich aber nichts ändern.

Ingrid Wecker30.04.2015 | 16:15 Uhr

Ahmed al-Tayyeb nennt wesentliche Faktoren, die aber leider in der Realität nicht beherzigt wurden: "Der Islam soll nicht mit Gewalt, sondern mit Argumenten überzeugen". Hätten die Azhar und andere maßgebliche Instanzen dies vom ersten Auftreten militanter Islamisten an energisch vertreten, wäre uns manches erspart geblieben.
"Den Islam so darstellen, wie er ist" - wie er in den Herzen der echten Gläubigen ist oder in den Predigten der Hassprediger und der zahllosen angeblich islamischen Milizen und in der saudischen Gesellschaft?
Der Westen als Schutzwall? Wie passt das zu Prozessen gegen westliche Stiftungen oder massive Behinderung von NGOs?

Dr. Bruno Sandkühler30.04.2015 | 19:41 Uhr

Anderen Respekt!!!!!!!dann bauen Sie Schulen und Uni. nur für Muslimen!!!!!!!!! warum in Ägypten Alazhar Uni sehr blutig und agressiv!!!!! Sie sollen bitte die Probleme und Fehler sehen damit Sie Lösungen finden.

a.amar30.04.2015 | 21:59 Uhr

Vordergründig ein "schöner" Diskurs (wie wir es von islamischen Würdenträgern gewohnt sind).
Jedoch gelingt es ihm nicht, die Ratlosigkeit des "offiziellen" Islam angesichts des Islamismus zu kaschieren.

benita schneider01.05.2015 | 13:30 Uhr