Interview mit dem islamischen Vordenker Fehmi Jadaane

Der Islam ist eine Weltreligion und kein Herrschaftsinstrument

Der renommierte jordanische Islamwissenschaftler Fehmi Jadaane wendet sich gegen die Verwandlung des Islam in eine Ideologie. Denn dadurch versinke der Glaube im Sumpf des Politischen und die göttliche Botschaft werde zu einem Herrschaftsinstrument. Mit ihm sprach Alia Al-Rabeo exklusiv für Qantara.de.

In jüngster Zeit ist bei einigen Autoren und Intellektuellen ein verstärktes Interesse an einer sogenannten „Reformation“ des Islam zu beobachten. Geht es Ihnen in Ihrem Buch „Befreiung des Islam“ ebenfalls um dieses Thema? Brauchen wir in der heutigen arabischen Welt eine solche Reformation? Und könnten wir damit religiösen Fundamentalismen entgegentreten?

Fehmi Jadaane: Um es deutlich zu sagen, es geht mir nicht um eine Reformation des Glaubens in seinem Wesenskern, nicht um ein Antasten dessen, was der Offenbarungstext beinhaltet, impliziert, bezweckt. Das würde ja bedeuten, dass in der Struktur des Textes ein Defekt läge, den es zu reparieren gilt. Was ganz und gar nicht meine Überzeugung ist. Worauf ich vielmehr hinaus will: Dem auf Gottes „wohlverwahrter Tafel“ unveränderlich festgeschriebenen Offenbarungstext treten in der Realität, wie sie sich in den Gläubigen – also den einzelnen Menschen – manifestiert, zahlreiche Widersprüche entgegen. Diese rühren daher, dass der Mensch in allen Facetten seines Daseins durch und durch unvollkommen ist. Denn es existiert nichts Widersprüchlicheres als der Mensch.

Dies hat Auswirkungen darauf, wie der Text verstanden wird, wie er sich in der erlebten und imaginierten Realität manifestiert und materialisiert. Zahllos sind die Hindernisse und Widersprüche, denen der Islam ausgesetzt war und ist. Dieser Tatsache müssen wir uns stellen, wenn wir eine Befreiung wollen.

Ohne Zweifel sind die Verwerfungen, welche von den religiösen Fundamentalismen ausgelöst wurden, das derzeit hervorstechendste Phänomen in diesem Szenario. Es gibt aber noch andere, tiefsitzende Widersprüche, die dem weltweiten Bild vom Islam massiv Schaden zufügen. Mit einigen davon habe ich mich in meinem Buch „Die Befreiung des Islam“ beschäftigt. Sie gilt es entschieden zu kritisieren, abzulehnen und zu beheben – genauso wie die auf den ideologisch-politischen Aspekt reduzierte Vision vom Islam.

Sie rufen zu einem Dialog zwischen allen Gruppen des gesellschaftlichen Spektrums auf, damit die arabische Welt in die Moderne treten kann. Sehen Sie tatsächlich eine reale Möglichkeit für einen solchen Dialog, angesichts der massiven Polarisierungs- und Spaltungstendenzen, denen die arabischen Gesellschaften ausgesetzt sind – konfessionell, politisch und ideologisch?             

Fehmi Jadaane: Dazu zitiere ich immer wieder gerne den Satz: Wo sich die Gerechtigkeit manifestiert, da kommt das göttliche Gesetz zur Geltung. Der gerechte Staat ist also durchaus in der Lage, für die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu sorgen. Natürlich lassen sich die Dogmatiker nicht einfach so von ihrem Dogmatismus und ihrer Verhärtung abbringen. Denn sie sind von „Leidenschaften“ beherrscht und gesteuert, nicht von Vernunft und Pragmatismus.

Ich teile daher Ihre Befürchtungen bezüglich der Frage, ob die gegenwärtigen Generationen in den arabischen Ländern – zumindest die älteren unter ihnen, welche Politik ein Leben lang als sinnlosen Konflikt erfahren haben – bereit sind für diese neuen Ansätze des Denkens und Handelns.

Nach meiner Überzeugung wird das erst den künftigen Generationen möglich sein – vorausgesetzt, dass schon frühzeitig damit begonnen wird, pädagogische Werte zu verankern, die auf dem beruhen, was Jürgen Habermas das „kommunikative Handeln“ genannt hat. Also auf freier Debatte, auf Dialog, Austausch, Offenheit und gegenseitiger Anerkennung.

Ein handgemachter Koran mit Seiten aus Seide in der afghanischen Hauptstadt Kabul (Getty Images/AFP/W. Kohsar)
Plädoyer für ein Ende der „Fatwa-Kakophonie“: „Ich möchte dieses entwürdigende Durcheinander hinsichtlich der Erteilung von Rechtsgutachten, den sogenannten Fatwas, beendet sehen. Ich wünsche mir eine religiöse Institution, die glaubwürdig ist, der man Vertrauen und Respekt entgegenbringen kann. Eine, die in der Lage wäre, die unterschiedlichen religiösen Dogmen und Auslegungen unter einen Hut zu bringen sowie den Glauben vor der Willkür der Propagandisten, Prediger, Rechtsgelehrten und Theoretiker politisch-religiöser Bewegungen zu schützen, die den Menschen alle möglichen Doktrinen aufdrängen und die Religion mit ihren abscheulichen Fatwas überschwemmen“, betont der islamische Vordenker Fehmi Jadaane.

In Ihrem Buch machen Sie die Araber für den Zustand des Niedergangs verantwortlich, in dem sich der Islam befinde. Worin genau besteht die Verantwortung der Araber für jenen Niedergang? Ist eine solche Feststellung nicht übertrieben? Zumal wenn wir sehen, dass sich der Islam auch in nicht-arabischen Regionen wie Pakistan, Afghanistan und Afrika im Niedergang befindet?

Fehmi Jadaane: Ich bin mit Leib und Seele Araber, doch bin ich nicht zufrieden oder gar glücklich mit der „historischen Leistung“ der Araber, weder in früherer noch in jüngerer Zeit. Aber ich stimme auch jenen nicht zu, die von der fixen Idee einer unveränderlichen „arabischen Mentalität“ besessen sind, die sie für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen.

Denn alles, was sich davon bei den Arabern findet, ist auch – und oftmals in noch viel stärkerem Maße – bei anderen vorhanden. Es lässt sich nicht bestreiten, dass ihr Handeln immer wieder von den „Leidenschaften“ beherrscht war. Als Beispiele lassen sich etwa die Machtergreifung der Umayyaden im Jahr 661 n.Chr. nennen, die der Ära der rechtgeleiteten Kalifen ein Ende setzte, oder auch deren Sturz durch die Abbasiden im Jahr 750 n.Chr.. Und das setzt sich fort bis in unsere heutige Zeit.

Unbestreitbar ist auch, dass die rationalistischen Strömungen innerhalb der arabischen Kultur – die so hochrangige Vertreter wie den Mediziner Rhazes (Abu Bakr ar-Razi), den Universalgelehrten und Übersetzer al-Kindi, die Historiker Ibn Miskawaih und Ibn Fadl Allah al-Umari, den Logiker al-Sidschistani sowie den Mediziner und Aristoteles-Kommentator Averroes (Ibn Ruschd) hervorgebracht haben – vereinnahmt und verdrängt wurden.

Die Ära einer funktionalen, handlungsorientierten Vernunft war in der arabischen Welt nur von kurzer Dauer. Stattdessen ist der moderne Westen zum Vertreter jener Vernunft geworden, hat diese zu höchster Blüte geführt und mit ihrer Hilfe die Welt verändert, während die Araber sich ihr bis heute nicht wieder angenähert haben.

Aber strukturalistisch betrachtet, besteht kein Grund zur Verzweiflung. Denn ich halte absolut nichts von den rassistischen Postulaten des Orientalismus, noch von den Vertretern der „kritischen Theorie“, wie dem marokkanischen Philosophen Mohamed Abed Al-Jabri und anderen Zeitgenossen, welche schamlos vom westlichen Denken abkupfern und ihre gesamten Erkenntnisse von außen importieren und dann ohne zu zögern dem „arabischen Geist“ das Etikett des Unzulänglichen und Unfähigen anheften.

Ich werde trotz allem nicht von meiner Hoffnung und meinem Optimismus ablassen. Und ich werde weiterhin für eine ganzheitlich-analytische, kritische Vernunft eintreten, in der sich Intellekt und Emotionalität miteinander verbinden, und die sich orientiert an den Prinzipien Gerechtigkeit, Allgemeinwohl, Freiheit, Menschenwürde, Fortschritt und „kommunikatives Handeln“ nach Habermas. Dazu bedarf es nichts weiter als des gerechten und gut geführten Staates sowie des freien und uneigennützigen Bürgers.

Lesen Sie auch:

Wer schützt den Koran vor sich selbst?

Reformislam: Der Weg des Islam in die Moderne

Abdolkarim Sorusch: "Sufis waren Propheten des Pluralismus"

Um noch einmal an die vorherige Frage anzuknüpfen: Sie sagen, der arabische Islam werde sich in einen „arabischen Kulturimperialismus“ verwandeln, wenn er beim Prozess der sogenannten Befreiung des Islam weiterhin die nicht-arabischen Muslime ausgrenzt. Gleichzeitig sind Sie der Ansicht, die nicht-arabischen muslimischen Gesellschaften seien nicht in der Lage, eine Führungsrolle im Islam zu übernehmen, angesichts der zahlreichen Hindernisse, die Sie in Ihrem Buch beschreiben. Existiert zwischen diesen beiden Ideen nicht ein gewisser Widerspruch?

Fehmi Jadaane: Die diesbezüglichen Ausführungen in meinem Buch sind in mehrerlei Hinsicht missverstanden worden. Was ich sagen wollte, war: Wenn die Annäherung an die koranische Sphäre und den Islam exklusiv über die Zugangspforte der arabischen Sprache erfolgt, kann dies dazu führen, dass nicht-arabische Muslime darin einen „arabischen Kulturimperialismus“ sehen – und so haben es auch manche ihrer Vertreter formuliert. Aus meiner Sicht wäre ein „konzeptuell-begrifflicher“ Zugang angebrachter.

Daraus folgt, dass das Pochen auf einer „sprachlichen Unnachahmlichkeit“ des Korans und einer „Heiligkeit der arabischen Sprache“, wie auch das Zurückführen all dessen, was mit dem Koran und dem Islam zu tun hat, auf die „Reinheit“ der arabischen Sprache und ihre Besonderheiten, also auf eine „Referenzrolle“ des Arabischen, bei den nicht-arabischen Muslimen Minderwertigkeitsgefühle oder auch negative Projektionen gegenüber Arabern auslöst.

Wir sollten uns hier bewusst machen, dass die Theorie von der „sprachlichen Unnachahmlichkeit“ äußerst umstritten ist, und dass es andere Theorien gibt, die in dieser Frage andere Wege beschreiten. Daraus aber zu schlussfolgern, dass die Rettung des Islam und der Muslime in den Händen der nicht-arabischen Muslimen liegt, ist nicht unbedingt mein Ansatz. Ich bin vielmehr der Ansicht, dass sich deren Situation nicht wesentlich von derjenigen der Araber unterscheidet, ja dass sie in einigen Ländern sogar schlechter ist.

Die Redaktion empfiehlt