Mohammad Rasoulof: "Sheytan Vojud Nadarad"

Es gibt nichts Böses, außer man tut es

Mohammad Rasoulofs Film "Es gibt kein Böses" gewinnt die Berlinale. Damit setzt sich die starke Präsenz des iranischen Kinos auf der Berlinale fort. Der "Goldene Bär" geht an einen starken Episodenfilm, der die Frage nach schwierigen Entscheidungen und ihren Konsequenzen stellt. Im Iran, und überall. Von René Wildangel

"Jaye-to khali bud" lautet eine persische Redewendung, "dein Platz blieb leer", als Ausdruck des Vermissens. Am Premierentag bleibt der Pressekonferenz für den Film "Sheytan vojud nadarad" (deutscher Titel: "Es gibt kein Böses") ein Platz leer: der von Regisseur Mohammad Rasoulof.

Mit seinem Film hatte die erste Berlinale auch unter der neuen künstlerischen Leitung von Carlo Chatrian einen grandiosen iranischen Beitrag im Wettbewerbsprogramm. Bereits unter seinem Vorgänger Dieter Kosslick hatte die Präsenz des iranischen Kinos Tradition. Ihm lag der Dialog mit Iran besonders am Herzen. 2015 war Kosslick mit dem damaligen Außenminister Steinmeier in den Iran gereist. Dabei traf er auch den seit vielen Jahren mit der Berlinale verbundenen, unter Hausarrest stehenden Regisseur Jafar Panahi, der im selben Jahr für Taxi mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Böse Zungen behaupteten: Unter Kosslick ist der politische Film gesetzt, iranische Filme seien schon deshalb Favoriten, weil sie unter so widrigen Bedingungen entstünden. Was für eine Arroganz gegenüber der grandiosen iranischen Filmtradition. Und dann das: "Sheytan vojud Nadarad" gewinnt, durchaus überraschend, den "Goldenen Bären".

Geächtet im eigenen Land

In Empfang nehmen den Preis in Berlin die Produzenten Kaveh Farnam und Farzad Pak und Rasoulofs Tochter Baran. Der vielfach in Cannes ausgezeichnete Mohammad Rasoulof zählt zu den bekanntesten Regisseuren im Iran, darf sein Land aber seit 2017 nicht mehr verlassen. Er wurde bereits in der Vergangenheit wegen seiner kritischen Filme verhaftet und unter Hausarrest gestellt.

Derzeit kann er sich aber innerhalb des Landes, so versichern seine Produzenten, frei bewegen. Aber gegen Rasoulof wurde noch eine einjährige Gefängnisstrafe erhoben, die im Prinzip jederzeit vollstreckt werden kann. Das erzählt der Regisseur gelassen in einem Skype-Interview für die Berlinale; die Ängste und Dilemmata die da hinter stehen, kann man wohl am besten in seinem Film betrachten.

"Sheytan vojud nadard" ist ein Episodenfilm, der weder an den großen Fragen des Lebens (und des Films) spart, noch an ausladender Bildsprache und bedeutungsschwangerer Symbolik – ganz in bester Tradition des iranischen Kinos. In vier Episoden wird die Frage nach Handlungsspielräumen gestellt, die Menschen bleiben, wenn von ihnen schlimme Untaten verlangt werden.

Die Frage ist in Unrechtsregimen besonders relevant, aber nicht nur mit Blick auf die heutige Islamische Republik oder die Schahzeit. Nicht zuletzt geht es um eine oft gestellte deutsche Frage: "Wie hättest Du gehandelt?" Man kann "ja" sagen oder man kann "nein" sagen – aber man muss immer mit den Konsequenzen leben.

Die Banalität des Bösen?

Vier Episoden, vier unterschiedliche Konstellationen, vier unterschiedliche Entscheidungen, vier unterschiedliche Konsequenzen zeigt der Film:

In der ersten kümmert sich ein fürsorglicher Familienvater liebevoll um seine alte Schwiegermutter und ist für den Geschmack seiner Frau in der Erziehung seiner Tochter oft zu nachgiebig. Abends geht er zur Arbeit und drückt während der Nachtschicht routiniert auf einen Knopf. Damit gibt er das Signal für Exekutionen in einem Gefängnis, Sekunden später sind die Menschen tot. Er tut das aus freien Stücken und muss mit der Schuld, die er auf sich lädt, leben.

Filmplakat Mohammad Rasoulof: "Sheytan Vojud Nadarad"
Politisch akzentuiert: Der iranische Film "There Is No Evil" ("Es gibt kein Böses") über die Todesstrafe im Iran gewann den "Goldenen Bären" für den besten Film. "Mit dem Film wollte ich zeigen, dass einige die Verantwortung wegschieben und sich auf höhere Mächte verlassen", so Rasoulof. Viele hätten jedoch die Kraft, etwa der Regierung "Nein" zu sagen, betonte er.

Ein Henker, der so normal, so liebenswert erscheint. Die Banalität des Bösen? Im Interview berichtet der Regisseur, dass die Episode – wie auch alle anderen – von persönlichen Erlebnissen inspiriert war. Auch Rasolouf ist von solchen, "normalen" Menschen, von Familienvätern, befragt und gefoltert worden. Von Ja-Sagern.

Auch in der dritten Episode geht es um einen Menschen, der in Kauf genommen hat, einen Exekutionsbefehl auszuführen und nun mit seiner der Schuld leben muss – vor allem als er erfährt, wer der Getötete war.

Was Nein sagen bedeuten kann, weiß Rasolouf nur zu gut. Das Teheraner Evin-Gefängnis hat aufgrund der Anzahl von inhaftierten Intellektuellen, Künstlern und Aktivisten den zynischen Beinamen "Evin-Universität" erhalten. Allerdings zeigt seine Verweigerung, die staatliche Propaganda und Zensur zu akzeptieren auch, wie erfolgreich Handlungsspielräume genutzt werden können. Obwohl sie kleiner geworden sind im Iran.

Die "Schönheit des Nein-Sagens"

So war es Rasolouf und seinem Team klar, dass sie keine Drehgenehmigung für den Film bekommen würden und entschieden sich dennoch den Film in mühsamer Etappenarbeit fertigzustellen; immer unter dem Damoklesschwert der Verhaftung des Regisseurs. Die Möglichkeit, trotz aller Repressionen Nein sagen zu können, sieht Rasolouf als zentral an, um seine Würde aufrechterhalten zu können. Er nennt es die "Schönheit des Nein-Sagens".

In zwei Episoden des Films entscheiden sich die Protagonisten, Exekutionsbefehle zu verweigern. In der letzten reist die junge Deutsch-Iranerin Darya nach Iran zu ihrem todkranken Onkel Bahram. Weil er sich einst weigerte einen Menschen zu töten, wurde er bestraft und seine Karriere zerstört. Seine damals schwangere Frau floh nach Europa und stirbt bei einem Unfall, seine Tochter wächst bei Verwandten in Deutschland auf – es ist Darya, die bei Bahrams Bruder Mansour aufwächst, den sie für ihren Vater hält, bis Bahram ihr die Wahrheit erzählt.

Es ist diese letzte Episode, die dem Regisseur wohl am nächsten geht. Die Rolle von Darya wird von seiner Tochter Baran gespielt, die in Hamburg aufwuchs und zur Berlinale gekommen ist. "Ich fühle mich Darya sehr nah, ihre Fragen sind auch meine Fragen", sagt Baran auf der Pressekonferenz. "Es hat viel mit unserem Verhältnis zu tun. Die Konsequenz der Entscheidung meines Vaters, politische Filme zu machen, war, dass wir oft getrennt waren."

Rasoulof pendelte bis zu seinem Reiseverbot zwischen Deutschland und Iran. "Jede Entscheidung hat eine Konsequenz. Darum geht es in dem Film." Bei der Preisverleihung nahm Baran den Preis stellvertretend für ihren Vater entgegen.

Diversität von Schuld und Sühne

In fantastischen, kontrastreichen Bildern beleuchtet der Film diese unterschiedlichen Situationen. Die Episoden spielen in Teheran, im trockenen Südosten und im immergrünen Nordwesten des Landes. Die Landschaften sind so divers wie die Konstellationen von Handlungsspielräumen, Schuld und Sühne.

Dieser Film ist kein Dokumentarfilm, und – das betonen die Produzenten – kein Film über "das Regime" in Teheran. Dabei gibt es viele internationale Beobachter, die iranische Filme ausschließlich danach beurteilen wollen: Wie stark ist die gezeigte, eindeutige Verurteilung des derzeitigen politischen Systems? Das ist eine dem iranischen Kino gegenüber sehr eindimensionale und ungerechte Sichtweise.

"Dass es im Iran Repressionen gibt liegt auf der Hand", sagen die Produzenten. Und die Anklänge zur Hoffnung auf Freiheit im Land, künstlerischer und politischer Art, sind omnipräsent. Nicht nur als Versionen des globalen Protestliedes "Bella Ciao", das bei den jüngsten Protesten in Iran mit einer persischen Version wie auch weltweit eine Renaissance erfahren hat.

Aber auf eine politische Botschaft reduzieren lassen wollen die Produzenten ihren Film nicht. Den "Goldenen Bären" hat die Jury nicht "nur" aufgrund des grenzenlosen Mutes und der Aufrichtigkeit des Regisseurs verliehen, sondern für ein bewegendes cineastisches Werk von universeller Bedeutung.

René Wildangel

© Qantara.de 2020

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