Interview mit Nihad Salim Qoja

Die Spaltung von Sunniten und Schiiten überwinden

Nihad Salim Qoja war zwölf Jahre lang Bürgermeister von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Irak. Christopher Resch hat sich mit dem Kommunalpolitiker in Erbil über die Zukunft seiner Stadt und die gegenwärtigen politischen Probleme im Irak unterhalten.

Herr Qoja, Sie sind heute unter anderem für die Restauration der auf einem Hügel mitten in Erbil gelegenen Zitadelle zuständig, einem der am längsten durchgängig bewohnten Orte der Welt. Die Zitadelle zählt seit 2014 zum Unesco-Weltkulturerbe. Wie wollen Sie dieses Erbe erhalten?

Nihad Salim Qoja: Die Zitadelle hat einen Masterplan, der von uns erarbeitet wurde, allerdings konnten wir in den letzten fünf Jahren nur wenig restaurieren. Zuerst wegen des Kriegs gegen den "Islamischen Staat" (IS) und dann, weil uns das Geld fehlte. Wir wollen bis Ende 2020 die Infrastruktur fertigstellen, also Kanalisation, Wasser, Internet und Strom. Danach sollen Kulturzentren, Restaurants und Kaffeehäuser entstehen. Das alte Bad, das Hammam, wird restauriert und soll bald den Betrieb aufnehmen. Weil die Zitadelle der älteste bewohnte Ort der Menschheit ist, haben wir symbolisch noch eine Familie dort leben. In Zukunft sollen in etwa 40 bis 50 Häusern Familien leben, außerdem soll es Häuser für Maler und andere Künstler geben.

Welche symbolische Bedeutung hat die Zitadelle für die Kurden?

Qoja: Ich betrachte es anders: Die Zitadelle ist ein Kulturerbe der gesamten Menschheit. Es haben viele Völker dort gelebt. Wir haben diese Kultur geerbt, und wir werden auch dieses Zusammenleben beibehalten und weiter unterstützen. Das ist die symbolische Bedeutung der Zitadelle, und sie hat auch eine Auswirkung: Erbil ist bekannt in der Region als Stadt des Zusammenlebens aller Religionen und Völker.

Erbil liegt nur 80 Kilometer von der Stadt Mossul entfernt, die von 2014 bis 2017 unter Kontrolle der IS-Terroristen stand. Welche Auswirkungen hatte das?

Blick auf die Zitadelle von Erbil; Foto: Birgit Svensson/DW
Masterplan für die Zitadelle von Erbil: In den letzten fünf Jahren konnte aufgrund des Kriegs gegen den IS und fehlender finanzieller Mittel nur wenig restauriert werden, berichtet Nihad Salim Qoja. Dennoch ist eine Fertigstellung der Infrastruktur, d.h. Kanalisation, Wasser, Internet und Strom, bis Ende 2020 geplant. Danach sollen Kulturzentren, Restaurants und Kaffeehäuser entstehen. Auch das alte Bad, das Hammam, soll restauriert und bald den Betrieb aufnehmen, so Qoja.

Qoja: Erbil hat viele Flüchtlinge aufgenommen, das war für uns eine große Herausforderung. Aber ich kann Ihnen ein Beispiel geben, wie die Stadt damit umgegangen ist. Als zu Beginn der Krise die erste Flüchtlingswelle kam, war Mitternacht, und ohne jede Aufforderung haben die Märkte geöffnet und die Familien mit Nahrungsmitteln, Milch und Windeln für die Kinder und anderen Dingen versorgt.

Die Geflüchtetenzahlen sind nicht sehr viel weniger geworden. Wie stellt sich die Lage derzeit dar?

Qoja: Wir haben immer noch etwa 450.000 Flüchtlinge. In Erbil wohnen seit zehn Jahren auch viele Flüchtlinge aus dem Zentral- und Südirak. Die gehen nicht mehr zurück, die haben hier Häuser gekauft, ihre Kinder gehen hier zur Schule, sie sind ein Teil der Stadt geworden. Und das ist eine Bereicherung für die Stadt Erbil, kulturell, finanziell, ganz allgemein. Darauf sind wir als Erbilis stolz, das ist Teil unserer Geschichte. In Erbil achtet keiner auf Farbe oder Religion.

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