Proteste im Irak

Zivilisten im Visier

Von allen Protesten weltweit, verzeichnet der Irak die meisten Toten. Aber wer schießt auf die Demonstranten? Diese Frage ist schwierig zu klären - und birgt politischen Zündstoff. Informationen von Birgit Svensson aus Bagdad

Dicke Luft in Bagdad. Im zweideutigen Sinne. Zum einen ziehen die jetzt einsetzenden Winternebel bis tief in die unteren Luftschichten und vermischen sich mit dem Smog aus Tränengas und brennenden Autoreifen. Zum anderen haben die schweren Kämpfe der letzten Tage mit vielen Toten und Verletzten die Stadt aufgewühlt und zugleich paralysiert.

Junge Demonstranten humpeln mit dicken Streckverbänden den Tahrir-Platz entlang. Man hört keine Schüsse mehr, dafür umso mehr Krankenwagensirenen. Die Stimmung liegt zwischen Resignation und "jetzt erst recht". Aus Angst in die Schusslinie der Scharfschützen zu geraten, bleiben vor allem Familien und Frauen derzeit zuhause.

Das ist wohl auch die Absicht der blutigen Operation, die die Regierung angeordnet hat. Sie will den Aufstand beenden. Zum zweiten Mal seit Ausbruch der Proteste im Irak vor sechs Wochen lässt Premierminister Adel Abdul Mahdi auf Demonstranten schießen. Soviel steht fest: von all den Protesten und Aufständen, die es weltweit derzeit gibt, sind die im Irak am blutigsten.

Wer gab den Schussbefehl?

Während die städtische Müllabfuhr die Scherben beseitigt, Bagger die von den Demonstranten als Wurfgeschosse benutzten Pflastersteine mit ihren Schaufeln aufnehmen, ist das Ende des politischen Scherbenhaufens, den diese Proteste hervorgerufen und auch ans Licht gebracht hat, weiterhin nicht abzusehen. Unstrittig ist, wer den Befehl gab, neben Tränengas auch scharfe Munition bei den Protesten einzusetzen und somit den Tod von bislang weitgehend friedlichen Demonstranten zu verantworten hat. Die den Vereinten Nationen angegliederte Menschenrechtskommission spricht inzwischen von 330 Toten seit Beginn der Proteste Anfang Oktober und rund 18.000 Verletzten. Unklar jedoch ist, wer geschossen hat.

Irakische Lehrerinnen demonstrieren auf dem Tahrir-Platz in Bagdad, Irak; Foto: Birgit Svensson
Genug von jahrelanger Misswirtschaft, Korruption und politischem Machtmissbrauch: Seit Anfang Oktober protestieren die Iraker – wie hier auf dem Tahrir-Platz in Bagdad – gegen die Zentralregierung unter Adel Abdul Mahdi. Der Irak wird seit Wochen von einem Aufstand erschüttert, bei denen mittlerweile 330 Menschen ums Leben gekommen sind.

Dhia al-Saadi empfängt in seinem Büro der irakischen Rechtsanwaltskammer auf der anderen Seite des Tigris, gegenüber dem Tahrir-Platz. In der Stadthälfte Kirkh liegt der Regierungsbezirk, sind viele Ministerien angesiedelt, befindet sich der Amtssitz des Premierministers. Aus Kirkh wurde auf die Demonstranten am Tahrir-Platz geschossen.

Der Vorsitzende der Vereinigung irakischer Juristen ist es gewohnt, dass Besucher derzeit verspätet bei ihm eintreffen, wenn sie von der anderen Seite des Tigris kommen. Von den vier Tigrisbrücken, die die Protestbewegung noch vor einer Woche besetzt hielt, sind mittlerweile drei von den Einsatzkräften geräumt worden, aber noch nicht für den Verkehr frei gegeben. Um von Rusafa nach Kirkh zu gelangen, muss man einen Riesenumweg fahren, der viel Zeit beansprucht.

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