Frauenrechte im Jemen

So viel wie möglich erreichen

Jemens Frauenbewegung war nie durchgängig und einheitlich, sondern eher zeitlich beschränkt und zersplittert. Bewegung einte der Kampf der Frauen gegen Menschenrechtsverletzungen oder die Bekämpfung patriarchaler Stammesstrukturen. Von Afrah Nasser

Während meiner frühen Kindheit in Sanaa in den 1990ern war die Idee von der Gleichstellung der Geschlechter verwirrend für mich. Einerseits brachte mir meine Mutter bei, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen müssen, andererseits wurden außerhalb des Hauses Konzepte wie „Gleichstellung der Geschlechter“, oder „Feminismus“ in negativem Licht dargestellt.

Ich erinnere mich daran, dass unsere Lehrerin in der weiterführenden Schule der Klasse erklärte, dass „Gleichheit“ zwischen den Geschlechtern eine vom Westen entwickelte Vorstellung sei, um die arabischen und muslimischen Gemeinschaften zu zerstören.

Ebenso erinnere ich mich daran, wie meine religiöse Nachbarin mich dazu drängte, sie in die nahegelegene Moschee zu einer Koranstudiengruppe nur für Frauen zu begleiten. Dort hörten wir dann einer Sheikha (religiöse Führerin) zu, die erklärte, inwiefern „Gleichstellung der Geschlechter“ und „Feminismus“ gegen den Islam seien, und dass Gott wolle, dass Männer und Frauen unterschiedliche und ungleiche Rollen und Verantwortlichkeiten hätten.

Als ich anfing zu studieren, begegnete ich dann jedoch einem anderen Diskurs zum Thema Frauenrechte. Sowohl die unabhängige Presse, als auch Veranstaltungen zum Thema Frauenrechte, organisiert von lokalen pro-demokratischen zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSOs), öffneten mir die Augen für Jemens feministische Frauen.

Fürsprecherinnen für Frauenrechte in politischen Positionen oder  Führerinnen von CSOs, wie beispielsweise Radhya Shamsheer, Amar al-Alim Alsoswa, Raufa Hassan, oder Amal Basha, die sich wortgewandt zu Aktivismus von Frauen im Jemen äußern, hatten entscheidenden Anteil daran, mein feministisches Bewusstsein zu formen. Sie arbeiteten unter anderem zu Themen wie Kinderheirat, geschlechtsspezifische Gewalt, diskriminierende Gesetze und politische Teilhabe von Frauen.

Widerstand aus Politik und Geistlichkeit

Das Wort Feminismus wurde jedoch nicht immer ausdrücklich verwendet, da es gefährlich war und Widerstand hervorrief.

Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman; Foto: Imago Images
Anwältin für die Rechte der jemenitischen Frau und Advokatin eines friedlichen Wandels: Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman. Frauen werden im Jemen unter Rückgriff auf die Tradition oder vermeintliche religiöse Vorschriften oft als Bürger zweiter Klasse behandelt. Zwangsverheiratungen minderjähriger Mädchen sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Als Bloggerin und Mitbegründerin der Organisation "Journalistinnen ohne Ketten" setzt sich Tawakkul Karman auch für die Belange ihrer Geschlechtsgenossinnen ein. So fordert sie seit langem, mindestens jede dritte öffentliche Arbeitsstelle in ihrem Land mit einer Frau zu besetzen.

So wurde beispielsweise im Jahr 1999 Raufa Hassan, eine führende feministische Persönlichkeit, wegen ihrer Arbeit Opfer eines aggressiven religiösen Angriffs und war schließlich dazu gezwungen, das Land zu verlassen.

Die anti-feministische Gegenreaktion vonseiten einiger einflussreicher religiöser Parlamentsmitglieder und konservativer Geistlicher nötigte die meisten Feministinnen dazu, einen pragmatischeren Ansatz für ihren Aktivismus zu wählen und weniger strittige Bezeichnungen zu verwenden, wie beispielsweise Empowerment von Frauen. Nur eine Handvoll nannte sich furchtlos weiterhin Feministin oder Feminist. Mit Sicherheit waren sie alle am gleichen feministischen Kampf beteiligt.

Die Frauenbewegung in der jüngeren Geschichte des Jemen war nie durchgängig und einheitlich, sondern eher zeitlich beschränkt und zersplittert mit unterschiedlichen Prioritäten. Diese sind beispielsweise der Kampf der Frauen gegen Menschenrechtsverletzungen, oder der feministische Fokus auf die Bekämpfung patriarchaler, Frauen benachteiligender Stammesstrukturen. Sie alle hatten ihren Ursprung im aufrichtigen Interesse an Menschenrechten und Demokratie.

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