Humanitäre Krise im Jemen

Kampf ums Überleben

Im Jemen herrschen Krieg, Hunger und Armut. Millionen Menschen brauchen dringend Lebensmittel und medizinische Hilfe. Besonders betroffen sind junge Mütter und ihre Kinder. Gouri Sharma und Mohamed Hussein berichten.

Eine Mahlzeit pro Tag - mehr konnte Fardous Hamran ihren zwei Kindern in den vergangenen zwei Monaten nicht geben. Die 39-Jährige ist abhängig von Freunden, die ihr Lebensmittel schenken. Ihr neun Jahre alter Sohn Sam und ihre sieben Jahre alte Tochter Mayar bekommen deshalb meistens nur das traditionelle jemenitische Lahoh-Brot und Joghurt. Sie verlieren dadurch rapide an Gewicht. Sam wiegt heute drei Kilo weniger als noch vor ein paar Monaten.

"Ich habe große Angst, dass meine Kinder die nächsten sind, die im Fernsehen als Beispiele für Unterernährung zu sehen sind", berichtet Hamran in ihrer Heimatstadt Sanaa.

Für die fünffache Mutter Safia Abduh werden die Tage, an denen sie alle ihre Kinder zur Schule geschickt hat, zur verschwommenen Erinnerung. Ihr Mann arbeitete für das Elektrizitätsministerium. Er gehörte zu den 500.000 Angestellten im öffentlichen Dienst, deren Gehälter zwei Jahre lang nicht bezahlt wurden. Weil damit das Geld für Privatunterricht fehlte, wechselten die Kinder auf eine öffentliche Schule.

Arbeit statt Schule

Dann wurde Abduhs Mann Opfer der aktuellen Cholera-Epidemie im Jemen. Zwei der Kinder sind nun die Hauptverdiener der Familie. Der 15 Jahre alte Samir bekommt weniger als 1.500 jemenitische Rial (umgerechnet fünf Euro) pro Tag - und das für acht Stunden Arbeit auf einer Khat-Plantage in einem Vorort von Sanaa. Millionen Jemeniten kauen die leicht berauschenden Blätter der Khat-Pflanze.

Infografik Jemens humanitäre Krise; Quelle: Studies and Economic Media Center/SEMC
Grassierende Armut, Zerstörung, Flucht: Die Vereinten Nationen hatten im Oktober 2018 gewarnt, dass im Jemen 14 Millionen Menschen vom Hunger bedroht seien, fast die Hälfte der Bevölkerung. Die UNO spricht von der schwersten humanitären Krise weltweit. Anfang November kündigte das Welternährungsprogramm an, seine Lebensmittelhilfen verdoppeln zu wollen.

Sein 13 Jahre alter Bruder Fadhel sammelt den ganzen Tag auf den Straßen und in Mülltonnen leere Plastikflaschen und verkauft sie an Recyclingfabriken in der Stadt. So kommen sie gerade so auf umgerechnet etwa 130 Euro pro Monat. Für ihre 46-jährige Mutter war die Entscheidung, die Schule zu verlassen, schwer zu verkraften. Aber sie weiß, dass die beiden keine Wahl hatten. "Als sie mir erzählt haben, dass sie nicht mehr zur Schule gehen, konnte ich ihnen das nicht ausreden", sagt sie. "Ich habe ja noch drei andere Kinder, die etwas zu Essen brauchen."

Die Schicksale von Safia Abduh und Fardous Hamran sind keine Einzelfälle im Jemen. Sie werden vielmehr zur Norm in einem Land, das nach Angaben der Vereinten Nationen unter der schwersten humanitären Katastrophe weltweit leidet. Etwa 22 Millionen Jemeniten - das sind 75 Prozent der Bevölkerung - brauchen dringend Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung. Fast zwei Millionen Kinder sind stark unterernährt.

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