Deradikalisierung in Europa

Wege in den Dschihad - und wieder zurück

Was treibt junge Männer in die Arme islamistischer Rattenfänger? Und wie lassen sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern? Das sind drängende Fragen – auch fünf Jahre nach dem Terror von Paris. Von Matthias von Hein

Dresden, Paris, Nizza, Wien. Vier Terroranschläge in gerade mal einem Monat haben deutlich gemacht: Auch fünf Jahre nach der blutigen Nacht von Paris mit 130 Toten ist der Terror im Namen des Islam in Europa noch lange nicht besiegt. Und wieder denken Politiker über stärkere Kontrollen an den Grenzen nach, versprechen eine engere Kooperation der Sicherheitsdienste und fordern ein schärferes Vorgehen gegen islamistische Gefährder.

Die Anschläge zeigen, dass eine besonders große Gefahr von Einzeltätern ausgeht, die in Netzwerke von Gleichgesinnten eingebunden sind. Was sind das für Menschen und was treibt sie an? Das aktuelle Lagebild Salafismus des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen warnt: "Besonderes Augenmerk muss auf das große Potenzial jugendlicher, gewaltorientierter Salafisten gelegt werden. In den vergangenen Jahren wurden Jugendliche stärker und in jüngerem Alter als früher von dschihadistischer Propaganda erreicht und reagierten positiv auf diese."

Auch der französische Islamismusexperte Olivier Roy sieht ganz überwiegend junge Männer, die "von der Gewalt des Dschihad fasziniert sind". Ohne jahrelang den Koran zu studieren, wollten sie bessere Muslime sein als ihre Eltern. Für Roy äußert sich da ein Jugendprotest, der an ein islamistisches Narrativ anschließt. Und dieses Narrativ werde von Organisationen wie Al-Qaida und dem IS geliefert.

Eine besondere "Bewährungsdynamik"

Roy spricht von einem "Kult des Todes". Wenn diese jungen Männer töteten, "erwarten sie, selbst getötet zu werden. Hier geht es weniger um Ideologie als um eine persönliche Laufbahn. Sie haben ein Ziel: als Märtyrer zu sterben und ins Paradies einzugehen".

Online Propaganda der IS Gruppe. Foto: picture-alliance/dpa/R. Peters
Kampf der Narrative: 180-Grad-Wende-Gründer Berrissoun plädiert für eine starke Gegenbewegung in den muslimischen Gemeinden. Sie müsse dafür sorgen, dass islamistische Verführer keinen Raum bekämen; sie dürfe nicht zulassen, dass "Jugendliche auch versteckt über WhatsApp oder Telegram rekrutiert" würden. "Man muss die Jugendlichen vorher erreichen".

Der Frankfurter Soziologe Felix Roßmeißl spricht lieber von einer "Bewährungsdynamik": Junge Männer und Frauen wollten sich an bestimmten Erwartungen beweisen und würden so auch zu Gewalttaten gedrängt.

"Sie stellt eine Alternative zu gängigen Bewährungsdynamiken dar, die in unserer Gesellschaft hauptsächlich mit Berufsarbeit und Bildungserfolg verknüpft sind", analysiert der Mitarbeiter eines Forschungsprojekts zum Thema Dschihad. Deshalb seien junge Menschen mit Problemen beim Übergang zum Erwachsenenleben besonders anfällig für dschihadistische Propaganda.

Grenzen der Deradikalisierung

Thomas Mücke kennt solche Menschen. Er arbeitet mit ihnen. Mücke ist Geschäftsführer des Violence Prevention Network (VPN), das in der Deradikalisierung extremistischer Gewalttäter arbeitet. "Wir wissen natürlich, dass Menschen, die labil sind oder gerade in einer krisenhaften Entwicklung stecken, sehr schnell vom extremistischen Milieu rekrutiert werden können", sagt Mücke.

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