Nach dem islamistischen Anschlag in Wien

Nicht in die IS-Falle tappen

Die islamistischen Anschläge in Frankreich und Österreich zielen darauf ab, die europäischen Gesellschaften zu spalten. Die Dschihadisten wollen die Grauzone gelebter Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Europa zerstören. Von Karim El-Gawhary

Der Anschlag in Wien beweist erneut: Es war stets ein frommer Wunsch, dass der IS, der sogenannte Islamische Staat mit der Rückeroberung seines Kalifats im Irak und in Syrien geschlagen war. 

Auch wenn US-Präsident Donald Trump in seinem Wahlkampf immer wieder betont hat, dass der Sieg über den IS auf seine persönliche Kappe geht. Der IS war immer mehr als ein Territorium, er ist eine Ideologie und seine Anhänger folgen Strategien, die ihnen auch online vorgegeben werden.

Eine dieser Strategien für Europa wurde im inzwischen eingestellten, professionell produzierten IS-Online-Magazin „Dabiq“ beschrieben. In einem dort 2015 veröffentlichten Manifest wurde eine Dynamik beschrieben, die die militanten Islamisten für sich nutzen wollten. Die Idee war relativ einfach: Mit jedem islamistischen Anschlag in Europa wächst dort die antiislamische Stimmung. Die Folge, so hieß es in dem Manifest,  wäre eine Polarisierung und wie es damals hieß, „die Eliminierung der grauen Zone“.

 

 

Mit dieser sogenannten „grauen Zone“ wurde die Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Europa umschrieben, die es zu erschüttern gilt. Mit der Ausgrenzung der Muslime im Westen könnten diese umso leichter in die Arme der militanten Islamisten und ihrer Ideologie getrieben werden und wären damit leicht für den IS zu rekrutieren, schrieben damals die IS-Strategen.

Der Anschlag in Wien passt da genau ins Konzept. Der IS will einen Teufelskreis lostreten, in dem seine Rechnung auch ohne Kalifat aufgeht. Nach jedem seiner Anschläge in Europa, hoffen deren Strategen, dass die dort lebenden Muslime ausgegrenzt werden.

Perfide Strategie der extremen Polarisierung

Das beste IS-Szenario wären dann Folgeanschläge rechtsradikaler, selbsternannter Kreuzritter etwa auf Moscheen, mit denen die Muslime weiter in die Ecke getrieben würden, um sie dann wiederum anfälliger für die IS-Ideologie zu machen. Die beste Strategie gegen den IS ist es also, nicht in diese Falle zu tappen und als Gesellschaft zusammenzustehen.

Österreich Anschlag in Wien - PK Sebastian Kurz (Lisi Niesner/REUTERS)
Das perfide Kalkül der IS-Terroristen erkennen und entlarven: "Der Feind, der islamistische Terrorismus, möchte auch unsere Gesellschaft spalten. Wir werden diesem Hass keinen Raum geben. Dies sei "keine Auseinandersetzung zwischen Österreichern und Migranten oder Christen und Muslimen. Es ist ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei", betonte Bundeskanzler Sebastian Kurz heute in Wien..

Das Manifest der IS-Strategie in Europa hat übrigens vielleicht sogar eine österreichische Verbindung. Die Nahostexpertin Petra Ramsauer weist darauf hin, dass einer der Hauptpropagandisten, der möglicherweise an dem Manifest mitgeschrieben hat, ausgerechnet aus Wien kommt. Mohamed Mahmoud, geboren 1985 in Wien, wurde 2006 ein führendes Mitglied der “Global Islamic Media Front” (GIMF).  2007 wurde er, auch bekannt unter dem Namen Abu Usama al-Gharib in Wien verhaftet, weil er, laut Behörden, begonnen hatte, Bauteile für einen Sprengstoffgürtel zu kaufen.

Außerdem hatte die GIMF ein Video verbreitet, in dem Anschläge auf Ziele in Österreich und Deutschland angedroht wurden. Mohamed Mahmoud saß eine vierjährige Haft ab, in der er auch an dem IS-Manifest über die „Grauzone“ geschrieben haben soll.

Nach seiner Freilassung zog er nach Berlin und später nach Solingen, um sich dann dem IS in Syrien anzuschließen. Im März 2013 erschien er in einem Internetvideo, in dem er seinen österreichischen Pass verbrennt und weitere Anschläge ankündigt.  2018 kam er bei einem Luftangriff der Anti-IS-Koalition in Syrien um.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2020

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