Islamismusprävention in Deutschland

Radikalisierung in Gefängnissen vorbeugen

Die Attentäter von Paris, Brüssel und Berlin haben sich im Gefängnis radikalisiert. In Deutschland gehen Politik und Justiz neue Wege, um zu verhindern, dass aus Häftlingen Extremisten werden. Von Esther Felden und Matthias von Hein

Der von der Decke hängende hölzerne Jesus blickt aus seiner Vogelperspektive auf Milchglasscheiben, die von dekorativen blauen Streifen durchsetzt sind. Dahinter sieht man – ganz schwach - Gitterstäbe durchschimmern. Wären sie nicht da, man könnte glatt vergessen, dass man in der Gefängniskirche der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bochum ist. Das Gefängnis liegt im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW). In NRW gibt es mehr radikale Islamisten als in anderen Teilen der Republik.

Der Raum der Bochumer Gefängniskirche ist groß und hell. Auf dem hölzernen Altar liegt eine aufgeschlagene Bibel, an den Seiten stehen Kerzen. Inzwischen finden hier auch regelmäßig muslimische Gebete statt. Die Tür geht auf, und ein massiger Mann wird hereingeführt. Er ist Mitte, vielleicht auch schon Ende 50: schwarze Baseballkappe, hinten ein kurzer, dünner Zopf, dazu eine Cargohose und Sportschuhe. Er grüßt mit festem Händedruck und schaut seinem Gegenüber in die Augen. Seinen Namen nennt der Strafgefangene nicht. In dieser Geschichte soll er Batuhan heißen.

Jeder vierte Häftling in NRW ist Muslim

Batuhan dürfte in etwa so sein, wie sich die deutschen Behörden den muslimischen Musterhäftling wünschen: Er ist reuig, reflektiert und tolerant. Der gebürtige Türke lebt seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland. Seit März 2014 sitzt er in Haft, verurteilt wegen Betruges. Er habe beruflich mit Autos und Immobilien zu tun gehabt, schildert er. Näher möchte er darauf nicht eingehen.

Batuhan ist einer von rund 15.500 Strafgefangenen, die derzeit in NRW inhaftiert sind. Ein Viertel davon sind Muslime. Zur Mitte vergangenen Jahres saßen 33 Personen "aus dem islamistischen Spektrum" in nordrhein-westfälischen Gefängnissen ein, teilt das Landesjustizministerium auf Anfrage der Deutschen Welle (DW) mit.

Diese sogenannten Gefährder sind auf verschiedene Anstalten verteilt, damit sie sich nirgendwo geballt zu einer radikalen Zelle zusammenfinden können. Auch Bochum gehört dazu. Doch die DW bekommt keinen Zugang zu ihnen. Erlaubt ist nur ein Gespräch mit einem Mann wie Batuhan.

Nationalität und Religion, sagt er, spiele für viele Strafgefangene im Gefängnisalltag eine wichtige Rolle. Auch er selbst fand erst hinter Gittern zu Gott, "weil man hier nicht viel hat außer (seinen) Gruppen."

Gefahr erkannt – aber nicht gebannt

Die Verantwortlichen stellen sich derzeit darauf ein, dass die Anzahl radikaler Islamisten in deutschen Gefängnissen steigen wird. Allein im vergangenen Jahr hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe 855 Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche radikale Islamisten eingeleitet.

Hinzu kommt: Nach der militärischen Niederlage des "Islamischen Staats" (IS) werden in den kurdischen Gebieten Syriens nach Recherchen des öffentlich-rechtlichen Senders WDR mehr als 120 Dschihadisten mit Deutschlandbezug festgehalten. Weitere sitzen in irakischen Gefängnissen in Haft. Sollten sie zurückkehren, wird vielen von ihnen voraussichtlich in Deutschland der Prozess gemacht werden.

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