Libyens langer Weg zum Frieden: Was bringt die Berliner Konferenz?

21.01.2020

In Libyen kämpfen zwei Regierungen um die Macht. Sie erhalten Unterstützung von unterschiedlichen ausländischen Mächten. Das macht den Konflikt so kompliziert. Zudem herrscht großes Misstrauen. Von Jan Kuhlmann und Johannes Schmitt-Tegge

Seit bald neun Jahren tobt in Libyen ein Bürgerkrieg - nun will der Berliner Libyen-Gipfel mit seiner Abschlusserklärung den Weg zurück zu einem politischen Prozess bahnen. Vertreten waren die wichtigsten Mächte, die in dem Bürgerkriegsland mitmischen. Ihr neun Seiten langes Dokument enthält zahlreiche Punkte, die zum Ende der Gewalt führen sollen. Doch schon die Unterzeichner selbst vermeiden jede Euphorie. Sie wissen, dass die Umsetzung des Abkommens schwer werden wird. Ein Realitätscheck.

WAFFENSTILLSTAND: Die Erklärung ruft alle Konfliktparteien auf, ihre Anstrengungen für einen dauerhaften Waffenstillstand zu verstärken. Ein Ende der Kämpfe wäre die Voraussetzung für alle weiteren Schritte. Dabei ist jedoch vor allem fraglich, ob der mächtige General Khalifa Haftar dazu bereit ist. Anders als sein Gegenspieler Fais al-Sarradsch, Chef der international anerkannten Regierung, weigerte er sich bisher, einen Waffenstillstand zu unterzeichnen.

Haftar hatte im Frühjahr vergangenen Jahres eine Offensive auf die Hauptstadt Tripolis begonnen, wo die Sarradsch-Regierung sitzt. Haftars selbst ernannte Libysche Nationalarmee (LNA) konnte seitdem zusammen mit lokalen Verbündeten große Gebiete des Krisenlandes unter Kontrolle bringen. Angesichts der Erfolge dürfte Haftar ohne starken Druck von außen kaum Anreiz verspüren, seine Operation zu beenden. 

KEINE AUSLÄNDISCHE EINMISCHUNG: Die Unterzeichner sagen zu, sich nicht in den Bürgerkrieg einzumischen. Das dürfte der wohl wichtigste Teil der Einigung sein. Zahlreiche Mächte spielen in dem Konflikt mit, was eine Lösung so schwierig macht.

Allerdings gibt es viele unterschiedliche Interessen und mindestens genauso viel Misstrauen. Ein Beispiel: Russland, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) unterstützen zwar Haftar, verfolgen aber nicht unbedingt dieselben Ziele.

So wollte Moskau den General zu einem Waffenstillstand drängen - Ägypten und die VAE sollen sich jedoch quer gestellt haben. Keine Seite dürfte zudem von sich aus anfangen, die Unterstützung zu beenden, ohne dass die Gegenseite dasselbe tut - so will Haftar einen Abzug der türkischen Truppen, die Sarradsch unterstützen. Die Türkei wiederum wird nur dann abziehen, wenn Haftar keine ausländische Hilfe mehr erhält.

AUFLÖSUNG BEWAFFNETER GRUPPEN UND MILIZEN: Diese Forderung ist nicht neu - sie tauchte schon 2015 in einer von den UN vermittelten politischen Vereinbarung auf. Und sie scheint nur schwer durchsetzbar: In Libyen konkurrierten schon vor Haftars Angriff auf Tripolis zahlreiche Gruppen um Macht. Seine Offensive hat zwar Gruppen vereint, die vorher teils offen gegeneinander kämpften. Ihre alten Konflikte über politische, regionale und Stammesgrenzen hinweg könnten aber neu ausbrechen, wenn der gemeinsame Feind auf der jeweils anderen Seite verschwindet. Bei Auflösung einer Gruppe könnten deren unnachgiebige Mitglieder auch neue Bündnisse formen.

UMSETZUNG DES WAFFENEMBARGOS: Das UN-Waffenembargo für Libyen gilt seit 2011, trotzdem verstoßen andere Länder regelmäßig dagegen. Mit der Berliner Vereinbarung soll die Einhaltung nun noch stärker «auf See, aus der Luft und an Land» und durch Satellitenaufnahmen kontrolliert werden. Wirkliche Chancen hätte das Embargo aber wohl erst, wenn der UN-Sicherheitsrat die verantwortlichen Länder bei Verstößen mit harten Sanktionen belegen würde. Das scheint wegen der Differenzen im höchsten UN-Gremium unwahrscheinlich. Auch in Berlin sei «über Sanktionen als solche» nicht gesprochen worden, sagte Kanzlerin Angela Merkel nach Ende der Konferenz.

RÜCKKEHR ZUM POLITISCHEN PROZESS: Dieser soll weiter unter Federführung der UN laufen - und zwar im Rahmen des politischen Abkommens, das libysche Vertreter unter UN-Vermittlung ausgehandelt und im Dezember 2015 unterschrieben hatten. Es führte unter anderem zur Bildung der internationalen anerkannten Sarradsch-Regierung.

Haftar und das mit ihm Verbündete Parlament in der ostlibyschen Stadt Tobruk erkennen dieses Abkommen jedoch nicht an - der General selbst erklärte es im Dezember 2017 für nichtig. Es ist deshalb eine sehr brüchige Grundlage für einen politischen Prozess.

SCHUTZ DER ÖL-INFRASTRUKTUR: Libyen besitzt die größten nachgewiesenen Erdölvorkommen Afrikas, und Öl- sowie Gasexporte sind heute die fast einzig verbleibenden Einnahmequellen des Landes. Seit 2011 werden diese Ressourcen im Machtkampf gewissermaßen als Geisel genommen. Haftars Truppen und Verbündete kontrollieren den Zugang zu den wichtigsten Terminals. Der Schutz der Ölfelder, Pipelines und Exporthäfen hängt nach Einschätzung des Vorsitzenden der Nationalen Erdölgesellschaft (NOC) daher direkt davon ab, ob sich eine Waffenruhe im Land dauerhaft durchsetzen lässt und die Kämpfe enden.

MISSION DER BUNDESWEHR: Ein solcher Einsatz ist nicht Teil des Berliner Abkommens, wird aber diskutiert. Die Bundeswehr könnte - zusammen mit anderen europäischen Armeen - einen Waffenstillstand in Libyen überwachen. Doch die Bundesregierung bremst. Sie verweist darauf, dass dafür zunächst einmal ein Waffenstillstand umgesetzt werden müsste. Auch danach würde eine solche Mission einige Risiken bergen - in einem zersplitterten Land, in dem zahlreiche Milizen um Einfluss buhlen und deren Chaos sich Terrorgruppen zunutze machen. (dpa)

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