Libyenkonflikt

Wird Libyen Russlands neues Syrien?

Gerüchte, dass Russland in Libyen General Haftar unterstützt, werden lauter, je näher dessen Truppen der Hauptstadt kommen. In Syrien hat Russland seine Muskeln spielen lassen, in Libyen hält Moskau sich bedeckt. Noch. Einzelheiten von Emily Sherwin

Der Konflikt in Libyen spitzt sich zu. Die Reaktionen aus Moskau dazu sind kühl und rational. Während eines Besuchs in Ägypten sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow, Russlands Aufgabe sei es "dem libyschen Volk dabei zu helfen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und ein stabiles Übereinkommen zu treffen", um die Seiten miteinander zu versöhnen. Zuletzt sagte auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, dass Russland jede Möglichkeit nutzen werde, um alle Seiten dazu aufzurufen, ein Blutvergießen und zivile Tote zu vermeiden.

Seit Anfang April rücken die Truppen des mächtigen Generals Khalifa Haftar auf die libysche Hauptstadt Tripolis vor. Dort sitzt die international anerkannte Regierung von Premierminister Fajis al-Sarradsch, die Haftar vorwirft, einen Putsch zu planen. Haftar ist Anführer der selbsternannten "Libyschen Nationalarmee", die von einer rivalisierenden Regierung im Osten des Landes gestützt wird.

Russland hat sich in dem eskalierenden Konflikt bisher nicht klar für eine Seite ausgesprochen. "Für Russland ist es eine sehr heikle diplomatische Situation", sagt Wjatscheslaw Matusow, ein langjähriger Diplomat, der jetzt als unabhängiger Nahost-Experte arbeitet.

Haftars wichtigste Verbündete

Die engsten Verbündeten Russlands unterstützen in dem Konflikt verschiedene Seiten: Die Türkei und Algerien zum Beispiel stehen hinter der Regierung in Tripolis, die auch die Vereinten Nationen anerkennen. Ägypten und Saudi-Arabien hingegen unterstützen General Haftar.

Milizionär der  "Libyschen Nationalarmee" (LNA), die von General Khalifa Haftar befehligt wird, auf dem Vormarsch von Bengasi nach Tripolis am 7. April 2019; Foto: Reuters/E.O. Al-Fetori
Auf dem Vormarsch: Khalifa Haftar hatte am 4. April eine Offensive gegen Tripolis angekündigt. Er will die UN-gestützte Regierung der nationalen Einheit aus Tripolis vertreiben, um auch den Westen Libyens zu kontrollieren. Seit Jahren kämpfen etliche Milizen und zwei Regierungen um die Macht. General Khalifa Haftar ist mit dem Parlament im Osten des Landes verbunden und kontrolliert mit seiner sogenannten "Libyschen Nationalarmee" (LNA) große Gebiete im Osten und Süden Libyens. Er gilt als mächtigster Kontrahent von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch.

Ägypten und Algerien sind zwei der wichtigsten Käufer von russischen Waffen. Die Türkei ist für Russland generell ein wichtiger internationaler Partner. Die Länder arbeiten im Syrienkrieg zusammen, und zuletzt bestellte die Türkei sogar Raketen aus Russland. Ein Deal, der zu Unverständnis bei den NATO-Partnern der Türkei sorgt.

Matusow erklärt, der Hauptgrund dafür, dass Russland sich dennoch in dieses diplomatische Durcheinander begibt, sei die Angst vor Chaos in Libyen. Das nämlich könnte zu einem Wiedererstarken des sogenannten "Islamischen Staates" führen und für Russland ein Sicherheitsproblem darstellen.

Auch der unabhängige russische Militäranalyst Pawel Felgenhauer sagt, Libyen sei für Moskau ein diplomatisches Rätsel. "Russland wird in diesem Konflikt sehr vorsichtig vorgehen, und sich nicht offen für eine Seite aussprechen", sagt er. Doch während Matusow betont, dass Russlands neutrale Aussagen die Haltung der Regierung widerspiegeln, erklärt Felgenhauer, es sei "offensichtlich", dass Moskau Haftar unterstütze. Das jedoch bestreitet der Kreml bisher vehement.

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