Bürgerkrieg in Syrien

Kein Frieden mit Assad und al-Qaida

Baschar al-Assad ist kein Bollwerk gegen den Terrorismus, sondern Nutznießer im Syrienkonflikt. Solange er sein Land zerstört, werden sich die Dschihadisten im Chaos einrichten. Nur sein Abgang kann die Syrer im Kampf gegen al-Qaida einen und das Land befrieden, meint Kristin Helberg.

Was müssen wir dieser Tage nicht alles zu Syrien lesen. "Islamisten" kämpfen gegen "Islamisten“, Assad ist ein "kleineres Übel" und als allererstes sollen wir jetzt "den Terrorismus bekämpfen" – den von al-Qaida natürlich, nicht den des Baschar al-Assad. Höchste Zeit daran zu erinnern, worum es in Syrien eigentlich geht und worüber in Montreux deshalb geredet werden muss: die Entmachtung eines mörderischen Regimes. Nicht weil wir im Westen das wollen, sondern weil die Syrer das friedlich gefordert haben und dafür gefoltert, erschossen, bombardiert und ausgehungert werden.

Natürlich ist alles viel komplizierter. Aus der Revolution ist ein regionaler Stellvertreterkrieg geworden, aus Demonstranten sind Kämpfer und aus politischen Aktivisten sind humanitäre Helfer geworden. Deshalb wird am Ende der Friedenskonferenz in Montreux vorerst auch kein Frieden stehen.

Abgekoppelt von der Realität

Das Hauptproblem ist, dass der derzeitige Verhandlungsprozess abgekoppelt von den Ereignissen in Syrien stattfindet. Die eine Seite will, die andere Seite kann den Krieg nicht beenden. Das Regime gibt sich noch immer entschlossen, den "Terrorismus" zu bekämpfen, wird also weiterhin oppositionelle Wohngebiete bombardieren und Kritiker zu Tode foltern.

Und die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte hat keinen Einfluss auf den bewaffneten Widerstand, denn die mit ihr verbündeten Rebellen der "Freien Syrischen Armee" sind zu schwach. Das bedeutet, egal was in Montreux besprochen wird, es wirkt sich nicht auf das Geschehen im Land aus.

Kristin Helberg; Foto: Jan Kulke/photoartberlin
Die Journalistin Kristin Helberg lebte von 2001 bis 2009 als freie Korrespondentin in Damaskus. Ihr Buch "Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land" erscheint Anfang Februar in der 2. aktualisierten und erweiterten Auflage im Herder Verlag.

Hinzu kommen unvereinbare inhaltliche Positionen. Baschar al-Assad sieht keinerlei Grund dafür, Macht abzugeben. Warum sollte er auch – Iran, Russland und die Hisbollah stehen militärisch wie wirtschaftlich an seiner Seite, international hat er sich durch das Chemiewaffenabkommen als Verhandlungspartner rehabilitiert und angesichts des Vormarsches von al-Qaida erscheint er manch westlichem Politiker tatsächlich schon wieder als das "kleinere Übel".

Mörderische Gleichgültigkeit

Die Opposition kann sich dagegen nur auf Verhandlungen einlassen, die eine glaubwürdige Übergangsregierung ohne Assad zum Ziel haben. Alles andere wäre politischer Selbstmord, denn wie soll ein syrischer Oppositioneller Gespräche mit einem Regime rechtfertigen, das zur gleichen Zeit Fassbomben auf Zivilisten schmeißt und Kinder in abgeriegelten Stadtvierteln verhungern lässt, wenn dieses am Ende weitermachen kann wie bisher?

Wer vor einem schnellen Abgang Assads warnt, weil Dschihadisten das Machtvakuum füllen könnten, verkennt die Realität im Land. Es ist nicht der Sturz des Regimes, der al-Qaida womöglich an die Macht bringt. Es ist das anhaltende Morden, das Nichtstun des Westens und die Ignoranz der Welt gegenüber dem Sterben der Syrer, die al-Qaida schon jetzt an die Macht bringen.

Assad selbst hat extremistische Gruppen in der Region groß gemacht. Er hat Syrien so zerstört, dass sich Dschihadisten im Chaos einrichten konnten. Und er profitiert von ihrer Präsenz in Syrien, da sie seine Propaganda vom Kampf gegen den Terror bestätigen und Zwietracht unter seinen Gegnern säen.

Assad als Verbündeten im Kampf gegen al-Qaida zu betrachten, ist deshalb absurd. Seine "Terroristen" sind nicht die Mitglieder des al-Qaida-Ablegers "Islamischer Staat im Irak und in der Levante" (ISIL), sondern unbeugsame oder unbeteiligte Syrer in den Vororten von Damaskus, in Aleppo und Homs.

Kampf an zwei Fronten

In der Realität bekämpft nicht das Regime ISIL, sondern die Rebellen, die in den "befreiten" Gebieten mit den Terroristen konfrontiert sind und ihnen gerade den Krieg erklärt haben. Statt gemeinsam auf den Sturz des Regimes hinzuarbeiten, kämpfen sie jetzt an zwei Fronten: gegen Assad und gegen al-Qaida.

Wer verhindern will, dass Syrien zu einem Rückzugsgebiet des internationalen Terrors wird, muss deshalb den Krieg gegen Assad so schnell wie möglich beenden helfen. Denn nur eine Übergangsregierung auf Konsensbasis kann die Syrer im Kampf gegen den Terrorismus einen.

Einheiten der ISIL im syrischen Tel Abyad; Foto: Reuters
Radikale Islamisten auf dem Vormarsch: Die Gruppe" Islamischer Staat im Irak und in der Levante" (ISIL) entstand aus einer 2003 gegründeten Terrorgruppe. Auslöser war der Einmarsch einer von den USA geführten multinationalen Truppe, die das Regime von Diktator Saddam Hussein stürzte. Der erste bekannte Anführer der sunnitischen Organisation, die in ihren Anfangstagen "Vereinigung für Tawhid und Dschihad" hieß, war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi.

Zugegeben sind Syriens Rebellen ein recht unübersichtlicher Haufen verschiedener Brigaden, von denen sich manche äußerlich und rhetorisch kaum von den al-Qaida-Gruppen unterscheiden. Vor allem die Mitglieder der "Islamischen Front", also Syriens lokal verwurzelte Islamistengruppen, wirken zum Teil ähnlich radikal wie ISIL.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. ISIL will ein Kalifat in der gesamten Region und eine Weltherrschaft des Islam etablieren, die "Islamische Front" will Syrien von Assad befreien und danach einen, wie auch immer gearteten, islamischen Staat errichten. ISIL steht für transnationalen Terrorismus, die Rebellen der "Islamischen Front" dagegen kämpfen für Selbstbestimmung in ihrem Land.

Dass sie zum Teil wie salafistische Hardliner klingen, hat mit ihren Finanziers zu tun. Saudi-Arabien, Qatar, die Türkei und andere Golfstaaten fördern den sunnitischen Islamismus und suchen sich "ihre" Brigaden entsprechend aus. Je islamischer eine Gruppe auftritt, desto mehr Geld und Waffen bekommt sie – so die einfache Regel.

Da der Westen als Unterstützer des bewaffneten Kampfes weitgehend ausfällt, lohnen sich lange Bärte und schwarz-weiße Stirnbänder mit dem islamischen Glaubensbekenntnis in Syrien mehr als glatt-rasierte Gesichter und grüne Uniformen. Zur Schau gestellte Ideologien sind zum jetzigen Zeitpunkt folglich weniger ein Ausdruck verfestigter politischer Überzeugungen, sondern vor allem ein Mittel zur Finanzierung des Kampfes.

"Assad und ISIL sind eins"

Dass die verbliebenen 18 Millionen Syrer weder Assad noch al-Qaida wollen, haben sie Anfang Januar eindrücklich bewiesen, als gleichzeitig mit der militärischen Offensive an vielen Orten im Norden koordinierte Proteste gegen ISIL stattfanden unter dem Motto "Assad und ISIL sind eins". Die Mobilisierung zeigt, dass sich in der syrischen Gesellschaft politisches Bewusstsein und Mut zur Selbstermächtigung entwickelt haben, was vor drei Jahren noch undenkbar schien.

Bombenexplosion in einem Wohnviertel Aleppos; Foto: Reuters
Schockierende Passivität des Westens im Syrienkonflikt: Seit Beginn der Kämpfe in Syrien vor rund zweieinhalb Jahren sind nach UN-Angaben mehr als 100.000 Menschen getötet worden. Rund zwei Millionen Syrer sind nach UN-Angaben aus dem Land geflohen, mehr als vier Millionen sind im eigenen Land auf der Flucht.

Die Syrer werden sich nicht mehr vorschreiben lassen wie sie zu leben haben – weder von ISIL noch von anderen religiösen oder säkularen Tyrannen. Sie werden auch unter widrigsten Umständen darauf bestehen, mitzureden und mitzubestimmen. Die syrische Zivilgesellschaft hat Assad und ISIL überlebt, das macht sie ziemlich unsterblich.

Ziel muss es deshalb sein, den Syrern nicht nur ein Leben in Freiheit und Würde, sondern auch einen politischen Selbstfindungsprozess zu ermöglichen, der weder von einer skrupellosen Machtclique verhindert noch von bewaffneten Dschihadisten torpediert wird. Auf diesem Weg, der steinig und voller Hindernisse sein wird, ist Assads Abgang der erste Schritt.

Eine Lösung mit Assad ist auch deshalb keine Lösung, weil die Kämpfe nicht enden werden, so lange er an der Macht ist. Nach dem Grauen, das die Syrer seit drei Jahren durchleben, werden sie nicht ruhen bis er weg ist.

Wie sehr sich auch die internationale Gemeinschaft für einen Verbleib Assads aussprechen mag – Syriens Rebellen, vom säkularsten Deserteur bis zum radikalsten Dschihadisten, werden ihre Waffen nicht niederlegen bis das Regime gestürzt ist. Alles andere ist Wunschdenken, mit dem Diplomaten in Washington, Moskau, Brüssel und New York nur Zeit verschwenden.

Politische Perspektiven

Was also ist zu tun? Erste Voraussetzung für eine Verhandlungslösung ist, dass die Parteien am Tisch Einfluss auf die Kriegführenden im Land haben. So lange Assad direkt oder indirekt mitverhandelt, werden die Radikaleren unter den Rebellen eine Teilnahme verweigern. Deshalb bleibt nur, die Nationale Koalition und den mit ihr verbündeten Obersten Militärrat zu stärken.

Erst wenn die FSA-Führung in Syrien über die effektivsten Waffen verfügt und militärisch die Oberhand hat, kann sie Brigaden der "Islamischen Front" für sich gewinnen und im Falle einer politischen Einigung zu einem Waffenstillstand bewegen.

Konferenzteilnehmer 'Friends of Syria' in London am 22.10.2013; Foto: Oli Scarff/AFP/Getty Images
"Die bisherige Strategie der 'Freunde Syriens', die Nationale Koalition zwar als legitimen Vertreter des syrischen Volkes anzuerkennen, sie dabei aber machtlos zu lassen, hilft nur Assad in seiner Argumentation, die Oppositionellen seien 'Vasallen des Westens', kritisiert Helberg.

Eine solche Einigung müsste die schrittweise Übergabe von Macht beinhalten und spürbare Zugeständnisse wie ungehinderten Zugang für internationale Hilfsorganisationen oder die Freilassung von politischen Gefangenen mit sich bringen.

Die bisherige Strategie der "Freunde Syriens", die Nationale Koalition zwar als legitimen Vertreter des syrischen Volkes anzuerkennen, sie dabei aber machtlos zu lassen, hilft nur Assad in seiner Argumentation, die Oppositionellen seien "Vasallen des Westens".

Wir sollten folglich Aktivisten und Rebellen, die mit der Nationalen Koalition zusammenarbeiten und dadurch Partner einer Verhandlungslösung sind, mit allem ausstatten, was sie für einen Sieg über das Regime und al-Qaida brauchen.

Dabei geht es nicht um Bodentruppen oder großangelegte NATO-Manöver. Es geht nicht darum, wie in Libyen einen Regimewechsel herbeizubomben. Und es geht auch nicht darum, wie im Irak aus eigenen imperialistischen Interessen einen Krieg zu beginnen.

Schutzverantwortung für Syrien

Nein, in Syrien geht es darum, einen Krieg beenden zu helfen, der den Syrern von ihrem Regime aufgezwungen wurde und der ein Volk zu vernichten droht. Schutzverantwortung nennt sich das – wo, wenn nicht in Syrien, sollte dieses neue völkerrechtliche Prinzip mehr Berechtigung haben?

Waffenlieferungen an die "richtigen" Kräfte innerhalb des Widerstands und Flugverbotszonen könnten in Syrien die entscheidende Wende bringen, aber Europäer und Amerikaner sind nicht bereit, sich ohne UN-Mandat militärisch zu engagieren.

So richtig diese Zurückhaltung im Allgemeinen ist, im Falle Syriens ist sie kurzsichtig und kontraproduktiv. Weil gemäßigte Kräfte, deren natürliche Verbündete wir wären, untergehen. Weil sich der Aufstand wegen seiner islamistischen Finanziers radikalisiert. Und weil sich al-Qaida im zerfallenden Syrien einrichtet.

Das Signal, das der Westen in Syrien aussendet, lautet: Schlimm, was Assad macht, schlimm, was al-Qaida macht, aber fertig werden müsst ihr damit alleine! Und die Lehre, die die Syrer daraus nach drei Jahren ziehen? Auf Europa und Amerika, die Verfechter von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie, ist kein Verlass.

Kristin Helberg

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Kein Frieden mit Assad und al-Qaida

Eine brillante Analyse von Kristin Helberg. Bravo! Die englische Übersetzung sollte man dringend der US-amerikanischen Administration zu lesen geben.

Martina Sabra21.01.2014 | 13:28 Uhr

Die wirklich einende Eigenschaft erscheint mir derzeit die Kombination aus der arabischen Ethnie und der sunnitischen Religionszugehörigkeit zu sein und nicht wie behauptet die Entmachtung Assads. Denn die Entmachtung Assads wünsch(t)en sich bspw. auch die Kurden die mehrheitlich sunnitisch sind aber von den arabischen Sunniten oder sunnitischen Arabern nicht berücksichtigt werden.

So lange die Rebellen den Mosaik Syriens nicht anerkennen, sollten sie keine Chance auf die Unterstützung des Westens haben. Die Frage der Drusen, der Alawiten, der Kurden und all der anderen Minderheiten Syriens kann nicht unter Ausschluss dieser Gruppen gelöst werden. So lange diese Gruppen aber ausgeschlossen werden und es kein ernsthaftes Bemühen um die Unterstützung und Partizipation an der Macht gibt, wird Assad das kleinere Übel nicht angeblich sondern vornehmlich bleiben.

Die einzige wahrscheinliche Lösung die ich sehe, ist ein dreigeteiltes Syrien. In einen kurdisch nationalistischen Nord / Nordosten, den vom Assad Clan dominierten West und Südküsten Bereich und dem restlichen Syrien unter verschiedenen sunnitisch arabischen Gruppen. Bis auf eine relative Ruhe in den kurdischen Gebieten dürfte der Rest auf unabsehbare Zeit weiter verrohen und das Morden weitergehen.

Das Assad Regime ist zwar hauptverantwortlich für die Eskalation, aber Öl ins Feuer gossen die sunnitischen Staaten um Syrien herum mit wirklich dumm-naiver Unterstützung des Westens.

Ismail22.01.2014 | 13:24 Uhr

Auch Montreux wird nichst daran ändern, dass das Morden in Syrien weitergeht. Die Opposition wird es allein nicht schaffen, einen grundlegenden Wandel zu erzielen. Was wir brauchen ist die sofortige Einrichtung einer Flugverbotszone und dann eine militärische Intervention mit anschließendem UN-Mandat.

Ganther, Klaus22.01.2014 | 14:25 Uhr

Also da geht mir bei dem Artikel echt die Hutschnur hoch, wenn jemand abgekoppelt von der Realität in Syrien ist, dann wohl doch die Autorin. Die ach so tolle Freie Syrische Armee ist doch nur ein Schimäre, die es in den Träumen des Westens gibt, aber nicht in der Realität in Syrien. Dort bestimmen andere Kräfte den Alltag und die gehen gnadenlos gegen Andersdenkende vor und ich rede hier nicht von den Anhängern des Assad Regimes, die machen kurzen Prozess mit Andersdenkenden, zu Folterungen kommt es da gar nicht mehr, denn die Leute von ISIL ( Islamic State of Iraq and the Levant) machen kuzen Prozess mit allen Andersdenkenden. Es ist einfach absurd zu glauben, dass eine Lösung des viel größeren Problems dadurch herbei geführt werden kann wenn man das Assad Regime entfernt, das Machtvakuum würde nur durch die radialen sunnitische Kräfte gefüllt werden, weil es keine Freie Armee mehr in Syrien gibt; das sind wirklich realitätsferne Ansichten, die hier verbreitet werden. Viel Spaß sage ich da nur bei einem Konflikt, der in einen Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten mündet, wenn nicht schleunigst Iran mit an Bord geholt wird!

Peter Grametbauer23.01.2014 | 11:59 Uhr

Ein Super-Kommentar. keiner kennt syrien so gut wie Frau Helberg. Wer Assad und sein mörderisches Regime verharmlost, macht sich mitschuldig.

Sami 24.01.2014 | 01:03 Uhr

Assad ist nicht nur irgendein Faktor dieses blutigen Krieges, er ist die URSACHE! Deshalb muss er auch weg vom Fenster. Mal drüber nachdenken, Herr Grametbauer!

Ebi24.01.2014 | 12:16 Uhr

Bashir al-Assad ist ein Teil der Ursache für die syrische Krise, aber bei weitem nicht "die" Ursache. Zu den Ursachen gehören in erster Linie die ökonomischen Verwerfungen, die nicht zuletzt mit der auch von Außen aufgezwungenen Liberalisierung der syrischen Wirtschaft verbunden waren und sind, und die ökonomischen Gräben zwischen Assads Cronies und der Masse der Bevölkerung vom Land und aus den Volksvierteln der Städte vertieft hat. In dieser Situation wurden auch schon immer fehlende Demokratie und brutale Unterdrückung erst so wichtig, dass es zu massiven Protesten kam. Wenn dem nun so ist, dann bleibt die Frage, welche Alternative die von den "Freunden Syriens" mehr oder weniger unterstützte Opposition (bewaffnet und unbewaffnet) anzubieten hat. Auch wenn es stimmt, dass die Politik des Regimes zur Radikalisierung der syrischen Opposition und zur Möglichkerit für internationale Jihadisten, im Land Fuß zu fassen, beigetragen hat, bedeutet das doch nicht automatisch, dass diese Entwicklung durch den Sturz Assads umgekehrt werden könnte. Man kann doch nicht ernsthaft glauben, dass die sunnitischen Takfiris (seien es Syrer oder ausländische Jihadisten) ihr Gesellschaftsprojekt, das mindestens so demokratie- und menschenrechtsfeindlich ist wie das des herrschenden Regimes, aufgeben würden, wenn Assad gestürzt würde (von wem übrigens?). Der Sturz Assads ist aktuell nur militärisch möglich. Die von der Autorin geschätzten scheinbar "gemäßigten" bewaffneten Kräfte (FSA) sind nicht deshalb schwach, weil sie vom Westen nicht entsprechend ausgerüstet wurden, sondern sie wurden vom Westen, der zunächst Assad gerne los geworden wäre, um seine eigenen Leute in Damaskus zu platzieren, nicht entsprechend ausgerüstet, weil es schon bald offenkundig wurde, dass sie ein desperater Haufen sind, der nicht einmal angesichts der blutigen Offensive des Regimes zur Einheit und Disziplin in der Lage ist und der nicht nur kein ernsthafter Gegener für die syrische Armee ist, sondern auch nicht für die Islamisten. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass diese Islamisten, die bereits militärisch gut ausgerüstet sind und über eine Kampfkraft verfügen, mit der die FSA nicht mithalten kann, nach einem Sturz Assads irgendwen (den ominösen Nationalrat, die FSA oder gar die unbewaffnete Bevölkerung) um ihre Meinung über die Gestaltung eines zukünftigen Syriens bitten würde. Wenn in Syrien jemand zu unterstützen wäre, dann die kurdische PYG, heute die einzig relevante Kraft jenseits des Regimes und der vom Ausland finanzierten Opposition. Bezeichnenderweise ist sie aber nicht nach Montreux eingeladen. Sie scheint mir aktuell die einzige bewaffnete sekuläre und nicht-chauvinistische Kraft in Syrien zu sein. Ihr Erfolg wäre deshalb eine unbedingte wenngleich natürlich nicht ausreichende Voraussetzung für eine Demokratisierung im ganzen Land. Die unbewaffnete "Volksbewegung" hingegen hat in Zeiten des Bürgerkriegs leider wenig Möglichkeiten und das umso weniger als auch sie über kein alternatives gesellschaftliches Projekt über den allzuoft so wohlfeilen Ruf nach "Demokratie" hinaus verfügt bzw. über keine anerkannte führende Kraft, die für ein solches gesellschaftliches Projekt eintritt.

Dr. A. Holberg24.01.2014 | 18:20 Uhr

Der obige Artikel ist recht einseitig und von den Mainstream-Medien stark beeinflusst. Schon im Irak wurde nach dem Sturz Saddam Husseins eine "pseudo-demokratische" Übergangsregierung eingerichtet, die später gegen Al-Qaida und Konsorten kaum eine Chance hatte sich zu behaupten und das Land bis heute nicht in der Lage ist zu regieren oder gar zu befrieden. Ein Land, das vor dem Krieg relativ stabil war. Man konnte sich in den Städten frei bewegen ohne entführt oder in die Luft gesprengt zu werden, ein Cafe aufsuchen, Freunde treffen, Freizeitaktivitäten nachgehen etc. All das geht heute im Irak nicht mehr. Was bringt denn die gewaltsame Errichtung einer Demokratie, wenn es danach keine Sicherheit und kein nationales Bewusstsein mehr gibt. Demokratische Prozesse brauchen Zeit und gerade im Nahen Osten geht das auf keinen Fall mit der Brechstange.
Viele Syrer sehen in Iraks Desaster Parallelen zu ihrer eigenen möglichen Zukunft und nur deshalb wird überhaupt die Lösung "Assad bleibt zunächst besser noch eine Weile an der Macht" von der Mehrheit der Syrer und inzwischen auch von anderen Ländern in Erwägung gezogen. Assad ist zwar unbestrittener Weise ein Diktator, aber in keinster Weise vergleichbar mit Diktatoren wie Saddam Hussein, Kim Jong-un oder Ghaddafi, sondern er steht für ein modernes, säkulares und westlich orientiertes Syrien mit starkem Nationalbewusstsein. Nicht zuletzt wegen seiner repräsentablen und sozial engagierten Ehefrau, galt der junge Präsident Assad anfangs sogar als Hoffnungsträger für Syrien.
Assads Armee hat sich - entgegen der Darstellung unserer meisten Massenmedien - in den letzten 6-8 Monaten unter den meisten Syrern eher als Retter in der Not und Befreier gegen die Willkürherrschaft salafistischer und selbsterklärter Oppositions-Gruppen und Terroristen erwiesen und nicht etwa als Schlächter wie in dem Artikel oben behauptet wird. Natürlich waren viele Syrer mit dem alten Assad Regime unzufrieden - viele hatten aber eher unter Assads Vater und seinem Machtapparat zu leiden gehabt - deutlich weniger unter dessen Sohn und Nachfolger, der ja sogar demokratische Reformen in Aussicht gestellt hat, die er aber nicht so schnell wie erwünscht umsetzen konnte, da er ja den alten Machtapparat mit all seinen Ministern und Generälen von seinem Vater quasi geerbt hatte. Diese alte Garde bedrohte Assad ständig und bremste seinen Reformkurs mehr oder weniger aus bzw. sabotierte ihn. Assad Junior war und ist meiner Ansicht nach einfach nicht stark und raffiniert genug gewesen jene mächtigen und korrupten Leute des alten Systems seine Vaters zu entmachten bzw. auf seinen Reformkurs einzustimmen, sondern ist mit der Zeit selbst deren Marionette geworden. Man sollte daher diese Sache immer erst von zwei Seiten betrachten, bevor man vorschnell über Jemanden urteilt.
Das hierdurch natürlich politisch geschwächte Syrien wurde sehr schnell Spielball westlicher Geheimdienste und ein gewaltiger Destabilisierungsplan für Syrien wurde von Qatar, Saudi-Arabien und der USA lange Zeit vor den ersten Demonstrationen in die Wege geleitet (z.B. Errichtung von Terrorcamps entlang der jordanischen und türkischen Grenze unter Leitung saudischer und amerikanischer Geheimdienste und diversen PMCs - ähnlich wie im Afghanistan der 80er Jahre).
Der saudische Geheimdienstchef Bandar bin Sultan spielte dabei ebenfalls mal wieder eine große Rolle (siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Bandar_bin_Sultan). Zusätzlich wurden diese kriminellen Söldner noch mit Ex-Millizionären aus Lybien und dem Kaukasus aufgestockt. Dann, quasi auf Kommando, fielen diese wie Heuschrecken über Syrien her, heizten den Konflikt erst so richtig an und begangen Greueltaten am gesamten syrischen Volk.

Bestimmte westliche Interessengruppen (allen voran die Neocons, Ölmultis und die AIPAC) wollten einfach Syrien mit seiner wichtigen geostrategischen Lage am Mittelmeer (Russische Flotte in Tartus) und seinem möglichen Öl-Pipeline-Durchgangsgebiet zerstören und nicht einfach russischen Öl- und Gaskonzernen überlassen und dabei gleichzeitig den verlängerten Arm Irans via Hisbollah ans Mittelmeer kappen. Um dieses Ziel zu erreichen besannen sich diese Leute mal wieder auf ihre alten u. treuen Waffenbrüder aus dem Hause Al-Qaida und setzten diese mit Geld und Waffen ausgestattet als Söldner gegen Syriens Regierung und sein Volk ein.
Es gab auch bei Ausbruch der ersten Demonstrationen ständig den von unabhängigen und freien Journalisten begründeten Verdacht einer unsichtbaren, dritten Partei, die sowohl auf die Demonstranten als auch auf die Polizisten Assads das Feuer mit Hilfe von Heckenschützen eröffnete und dadurch den Konflikt überhaupt erst so richtig anheizte - bis hin zum erfolgten Giftgaseinsatz, der die militärische und moralische Intervention des Westens im Kampf gegen Assad herbeiführen sollte, und dann, natürlich professionell von den Mainstream-Medien aufbereitet, dem Präsidenten Assad in die Schuhe geschoben wurde. Man darf da auch nicht so naiv sein, immer alles zu glauben, was über diese Mainstream-Medien so an Nachrichten zu uns gelangt. (siehe z.B. die Brutkastenlüge im Irak 1991, oder die Lüge über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, die ebenfalls von Massenmedien verbreitet wurden und sich später als fingiert erwiesen.)
Diese ganze Tragödie wäre meiner Ansicht nach auch ohne Assad erfolgt - so oder so - da die Destabilisierung Syriens von langer Hand geplant war. Von daher ist es wichtig so schnell wie möglich diese Söldnertruppen, die meist gar keine Syrer sind, aus Syrien zu vertreiben. Dies geht mit Assad und Russland als Schirmherr nun mal einfacher und schneller, da Assad seine Armee immer noch weitgehend unter Kontrolle hat und das Volk in den meisten wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch relevanten Gebieten als Verbündete hinter sich weiß. Hinter Assad stehen mit Sicherheit mehr Syrer als hinter dem Nationalkongress oder den Rebellen insgesamt. Auf dieser Konferenz sollte es erst mal um das Aushandeln von Waffenstillständen und die Beendigung externer Einflussnahme gehen. Solange die USA, Qatar u. Saudi-Arabien dort zigtausende Terroristen und kriminelle Söldnerbanden finanzieren (weltweit vermutlich Millionen) kann es sowieso keinen Frieden geben.
Gleichzeitig sollten all diejenigen Staaten (USA, GB, Frankreich, Qatar, Saudi-Arabien u.a.), die ja jene kriminellen Söldner unterstützt haben, per UN-Resolution dazu aufgefordert werden, dies sofort zu unterlassen und sich am Wiederaufbau von Syrien zu beteiligen (Reparationszahlungen an Syrien), da sie maßgeblich an der Zerstörung und Tragödie beteiligt sind.

Danach muss es zu einer Aussöhnung und Amnestie zwischen allen wichtigen und gemäßigt agierenden Parteien kommen.
Assad könnte dann eine Verfassungsänderung einleiten und Neuwahlen abhalten lassen, die vom Westen und Osten gemeinsam beobachtet werden (Wahlbeobachter). Dabei muss die neue Regierung vor allen Dingen den ärmeren Regionen im Osten Syriens schnelle soziale Hilfe zukommen lassen, um sie vor dem Einfluss radikaler Oppositions-Gruppen zu lösen. Aber das geht erst, wenn jene kriminellen Söldner und Terroristen diesen Aussöhnungsprozess nicht permanent durch Anschläge und Greueltaten torpedieren, sonst geschieht das Gleiche wie im Irak. Durch ein noch entschlosseneres Auftreten und Engagement Russlands in dieser Sache könnte eine Art Stabilität durchaus erreicht werden, so dass Syrien bessere Chancen auf einen Frieden hat als der Irak. Gelingt es Syrien zu befrieden, könnte der Funken vielleicht auch auf den Irak überspringen - der zwar auf dem Papier eine Demokratie hat, die aber nicht funktioniert und tagtäglich von denselben radikalen Gruppen wie in Syrien tyrannisiert wird.
Ziel muss es sein Sicherheit und Stabilität in Syrien zu erreichen, um das Sterben zu beenden. Später kann man immer noch über Demokratisierungsprozesse diskutieren - aber nicht auf dem Boden von Gewalt und Banditen, die das Land terrorisieren. Diese sollten keinen Platz in Syrien oder Irak haben.

Sudad Ghadaban25.01.2014 | 10:31 Uhr

an den Kommentarschreiber @Ismail: in der vorliegenden, fundierten Analyse von Frau Helberg geht es in erster Linie um die Genese des Konflikts, um seine Entwicklung und wie Assad, alles machte, damit der friedliche Protest gegen seine Tyrannei militant wird. Und es geht dabei auch darum, dass das Assad-Regime, das seit mehr als 40 Jahren die Syrer brutal entrechtet und mordet, als Ursache alles Übels zu identifizieren. Ich weiß nicht, ob Sie Alawit sind und daher berechtigte Ängste haben vor Syrien nach Assad. Ich sage das, weil ich leider seit Ausbruch der arabischen Revolutionen erlebe, dass arabische Minderheiten demokratischen Volksaufständen in den Rücken fallen und auf diktatorische Militärregime setzen. Diese Haltung ist grundfalsch; denn diese korrupten Militärregime bieten allen Menschen keine Zukunftsperspektiven.

Asia Tamimi26.01.2014 | 11:18 Uhr