Syriens Präsident Assad erhält vom iranischen Präsidenten Ahmadinedschad in Teheran eine Auszeichnung, Foto: AP
Die Rolle Irans im Syrienkonflikt

Assad muss bleiben

Die Führung in Teheran setzt derzeit alles daran, das Regime in Damaskus zu halten. Denn fällt Baschar al-Assad, gerät auch der Iran in eine extrem gefährliche Isolation und wird die Sanktionen kaum überstehen, meint Bahman Nirumand.

Die Islamische Republik ist wohl das einzige übrig gebliebene Land, das ohne Wenn und Aber hinter dem syrischen Regime steht. Selbst Russland und China, die bislang Sanktionen gegen Syrien ablehnen, beginnen allmählich, ihren Kurs zu überdenken.

Teheran hatte zwar seine Bereitschaft erklärt, jeden Friedensplan zu unterstützen, aber nur, wenn Assad an der Macht bleiben würde. Das Bündnis mit dem Assad-Regime scheint für den Iran so wichtig zu sein, dass der iranische Vizestabschef Massud Dschasajeri erklärte, Iran werde einen Regimewechsel in Damaskus durch "böse Regierungen" wie Saudi-Arabien, Qatar oder die Türkei nicht zulassen. Ist Iran demnach sogar bereit, für Assad in den Krieg zu ziehen?

Für die Islamische Republik steht viel auf dem Spiel. Stürzt das Assad-Regime, bricht die gesamte Architektur zusammen, die Iran in den vergangenen Jahren im Nahen Osten mühsam aufgebaut hat.

Religion spielt keine Rolle

Die enge Beziehung zwischen Syrien und Iran begann schon kurz nach der Unabhängigkeit Syriens 1946. Sie wurde im Lauf der Jahre immer intensiver. Dabei ist bemerkenswert, dass nicht religiöse, ethnische oder kulturelle und erst recht nicht politische Gemeinsamkeiten, sondern vielmehr die gemeinsamen Feinde zu der Annäherung führten.

Ein Soldat an einem Grenzposten zwischen Syrien und dem Libanon, Foto:AP
Schützenhilfe für radikale Milizen: Mit iranischer und syrischer Unterstützung konnte die Hisbollah zur dominierenden politischen Kraft im Libanon aufsteigen. Ein Sturz Assads würde diese Machtstellung nachhaltig gefährden.

​​Syrien ist ein arabisches Land mit sunnitischer Mehrheit, im Iran bilden hingegen die Schiiten die Mehrheit. Politisch gehörte Syrien der arabischen Front gegen Israel an und orientierte sich im Kalten Krieg an dem arabischen Nationalismus und Sozialismus und dem Sowjetblock. Iran hingegen hatte bis zur Islamischen Revolution ausgesprochen gute Beziehungen zu Israel und war fest eingebettet in das westliche Bündnissystem. Aber beiden Staaten standen zuerst die irakischen Baathisten feindlich gegenüber.

Mit der Machtübernahme der Islamisten im Iran kam dann Israel hinzu. Von da an gewann die Beziehung für beide Staaten strategische Bedeutung. Zumal beide Länder nun vom Westen, allen voran den USA, angefeindet und bedroht wurden.

Folgerichtig war dann Syrien während des irakisch-iranischen Kriegs (1980–1988) das einzige arabische Land, das den Iran unterstützte. Es blockierte damals den Transport des irakischen Öls durch sein Territorium und erlaubte Iran, Revolutionsgarden auf syrischem Gebiet nahe der libanesischen Grenze zu stationieren. Umgekehrt exportierte Iran Öl im Wert von einer Milliarde US-Dollar gratis nach Syrien.

Nach dem Krieg intensivierten Syrien und Iran ihre wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen. Vor zwei Jahren erreichte der Austausch zwischen den beiden Ländern ein Volumen von fünf Milliarden US-Dollar.

Syriens Brückenfunktion

2006 unterzeichneten die beiden Staaten ein Militärabkommen zur Zusammenarbeit auf Land und See. 2010 baute Iran in Syrien ein modernes Radarkontrollsystem auf, das Syrien befähigte, israelische Raketen zu beobachten und damit die eigene Luftsicherheit und die Libanons sowie Irans besser zu unterstützen.

Hisbollah-Chef Nasrallah und Assad auf einem Plakat im schiitischen Pilgerort Sayyida Zainab, Foto:picture alliance/ZB
Brüder im Geiste: Die schiitische Hisbollah und das Assad-Regime sind seit Jahren engste Verbündete. Syrien fungiert dabei als Landbrücke des Iran in den Libanon, auf der die Miliz mit Waffen versorgt wird.

​​Strategisch wichtig für den Iran ist insbesondere die Brückenfunktion, die Syrien für den Weg der Islamischen Republik zu den Völkern arabischer Staaten hat, nach Libanon, Palästina und zu den schiitischen Minderheiten in den Golfstaaten. In den achtziger Jahren organisierten rund 1.500 Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde den Aufbau der Hisbollah in Libanon und bildeten ihre Milizen aus. Seitdem versorgen sie sie mit Geld und Waffen.

Heute ist die Hisbollah die stärkste Macht in Libanon und fest mit der Islamischen Republik verbunden. Auch die beiden palästinensischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad werden unter anderem vom Iran unterstützt.

Schließlich versucht der Iran, seinen Einfluss unter den schiitischen Minderheiten in den Golfstaaten auszubauen, insbesondere in Bahrain, wo die Schiiten sogar die Mehrheit bilden, aber auch in Saudi-Arabien. Nach dem Sturz von Saddam Hussein und der Machtübernahme der Schiiten zählt auch der Irak zur iranischen Einflusssphäre. Der Iran ist inzwischen zu einer regionalen Großmacht geworden.

Frontstellung gegen die "schiitische Achse"

Genau das fordert die Feindschaft arabischer Staaten heraus, allen voran die Saudi-Arabiens. Auch der Westen sieht seine Interessen am Persischen Golf bedroht. So baute Saudi-Arabien, das nun neben Israel zum wichtigsten Partner des Westens in der Region geworden ist, mit tatkräftiger Unterstützung der USA und auch Deutschlands sein Waffenarsenal aus und bildete eine Front der Golfstaaten gegen das nördliche Nachbarland Iran.

Der saudische König Abdullah Abdul-Aziz in Toronto, Foto:picture-alliance/ZB
Irans größter Widersacher in der Region: Mit Hilfe des Westens rüstet Saudi-Arabien massiv auf, um mit den Golfstaaten ein Gegengewicht zum Iran bilden zu können.

​​Es wurde von einer "schiitischen Achse" gesprochen, der nur eine sunnitische entgegengesetzt wurde. Im Libanon versuchen die Saudis, die Hisbollah auf ihre Seite zu ziehen, im Irak werden die Sunniten im Kampf gegen Schiiten mit Waffen versorgt, und in den Golfstaaten werden Unruhen der Schiiten, wie im vergangen Jahr in Bahrain, brutal niedergeschlagen.

Das große Hindernis bei dem Versuch, Iran zu schwächen und zu isolieren, ist nun Syrien. Kein Wunder, dass die Saudis gemeinsam mit Qatar seit dem Ausbruch der Unruhen die Rebellen in Syrien massiv mit Waffen unterstützen, gefolgt von der Türkei, die in dem Chaos eine Chance für ihre regionalen Großmachtambitionen sieht. Dass dabei auch Terrororganisationen aller Schattierungen mitmischen, scheint weder sie noch den Westen sonderlich zu stören.

Teheran setzt nun alles daran, Baschar al-Assad zu halten. Denn fällt Assad, gerät der Iran in eine extrem gefährliche Isolation und wird den Druck und die Sanktionen kaum überstehen. Auch ein militärischer Angriff gegen iranische Atomanlagen wäre in diesem Fall wesentlich einfacher. Aber der Eintritt in einen Krieg in Syrien wäre für den Iran nicht minder gefährlich.

Dass Assad kurzfristig die Niederschlagung der Rebellen gelingen würde, scheint derzeit so gut wie ausgeschlossen zu sein. Irans Konzept: ein langjähriger, zermürbender Bürgerkrieg, ähnlich wie der Bürgerkrieg in Libanon, der 15 Jahre lang andauerte.

Bahman Nirumand

© Die Tageszeitung 2012

Bahman Nirumand, geboren 1936 in Teheran, ist Publizist und lebt in Berlin. Bei Rowohlt erschien kürzlich seine Autobiografie "Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste".

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de


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