Soldaten der Freien Syrischen Armee in Khalidieh bei Homs, Syrien; Foto: Reuters
Freie Syrische Armee

''Zieht unsere Revolution nicht in den Dreck''

Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL online berichtete, dass die Freie Syrische Armee in der Protesthochburg Homs Militärs und Anhänger des Assad-Regimes gefoltert und hingerichtet haben soll. Im Gespräch mit Sakr El Horea weist Abdel Razaq Tlass, Kommandeur der Al Farouk-Brigade in Homs, die Vorwürfe zurück.

In dem am 26.3.2012 erschienenen Artikel "Der Henker von Bab Amr" erhebt SPIEGEL online schwere Vorwürfe gegen die Freie Syrische Armee in Homs. Sie soll für die systematische Aburteilung, Folter und Hinrichtung von Milizionären, Militärs und Anhängern des Assad-Regimes verantwortlich sein. Der Kommandeur der in Homs operierenden Al Farouk-Brigade weist die Anschuldigungen entschieden zurück. Als einer der ersten Deserteure und Neffe des langjährigen syrischen Verteidigungsministers Mustafa Tlass gilt Abdel Razaq Tlass als wichtige Figur innerhalb der Freien Syrischen Armee.

Werden Vertreter der staatlichen, irregulären Shabiha-Milizen von der Freien Syrischen Armee (FSA) hingerichtet? Wenn ja, sind das Einzelfälle oder finden regelmäßige Hinrichtungen statt, z.B. nach erwiesener Schuld?

Abdel Razaq Tlass, Kommandeur der Al Farouk-Brigade in Homs; Foto: screenshot Al-Jazeera
Die Freie Syrische Armee hat zum Ziel, die Zivilbevölkerung zu schützen, scheut sich aber nicht vor dem bewaffneten Widerstand gegen das Regime.

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Abdel Razaq Tlass: Die Aufgabe der FSA in Homs war es von Anfang an, die Demonstranten zu schützen und die Arbeit der Aktivisten des Lokalen Koordinationskomitees in Homs zu unterstützen. Durch diese Zusammenarbeit konnten wir der Welt Informationen über die Massaker des Regimes liefern. Die Al Farouk-Brigade hat bisher keine Hinrichtung von Shabiha-Milizen oder gefangenen Soldaten durchgeführt. Die Brigade sieht sich nicht als Gericht.

Gibt es in Homs diese im SPIEGEL online-Artikel beschriebene Struktur aus Standgericht, Verhörbrigade und Begräbnisbrigade?

Tlass: Nein. Es gibt weder eine Henker-Brigade noch eine Standgericht-Brigade. Die Al Farouk-Brigade verhört die Gefangenen, ohne psychische und körperliche Folter anzuwenden. Und es gibt auch keine Verhör-Brigade, da die Verhöre meistens von den Führern der Brigade durchgeführt werden.

Wie viele Soldaten der regulären syrischen Armee, wie viele Shabiha und wie viele Assad-Anhänger wurden getötet?

Tlass: Wir müssen zwischen zwei Dingen unterscheiden. Bei Kämpfen zwischen Assad-Truppen und der FSA in Homs, bei der Verteidigung von Zivilisten durch die FSA sowie bei Angriffen auf Militärstützpunkte durch die FSA sind auch viele Soldaten des Regimes getötet worden. Eine genaue Zahl können wir leider nicht angeben. Hinrichtungen jedoch, um einzelne Personen gezielt zu töten, haben wir nie durchgeführt.

Der Zeuge in dem SPIEGEL online-Artikel beschreibt, wie er als Mitglied der Begräbnis-Brigade den von der FSA zum Tode Verurteilten die Kehle durchschneidet.

Tlass: Eine solche Form des Tötens lehnen wir streng ab. Es finden keine Hinrichtungen im Auftrag der FSA statt.

Wie ermittelt die FSA die Schuld von Gefangenen? Wird bei den Verhören durch die FSA Folter eingesetzt? Wenn ja welche?

Tlass: Bei unseren Verhören wird keine Folter eingesetzt.

Angriff der Assad-Truppen auf den Stadtteil Bab Amr in Homs; Foto: EPA
Angriff der Assad-Truppen auf den Stadtteil Bab Amr in Homs: "Die Aufgabe der FSA in Homs war es von Anfang an, die Demonstranten zu schützen und die Arbeit der Aktivisten des Lokalen Koordinationskomitees in Homs zu unterstützen", sagt Abdel Razaq Tlass.

​​Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen dem Lokalen Koordinationskomitee und der Al Farouk-Brigade bei der Verurteilung der Gefangenen?

Tlass: Es gibt keine Verurteilungen von Gefangenen. Die Verhöre dienen der Gewinnung von Informationen sowie zur Beweisaufnahme. Hierzu werden Videos aufgezeichnet, in denen die Gefangenen ihre Taten schildern, als Gegenleistung werden sie freigelassen. Verurteilungen finden hingegen nicht statt.

In dem Artikel wird eine Person namens "Abu Mohammed" als Kommandeur der Rebellen und Vorsitzender des Standgerichts genannt. Eine Person namens "Abu Hussein" vom Koordinationskomitee soll als Beisitzer des Standgerichts fungieren.

Tlass: Es gibt keine Standgerichte. Daraus folgt, dass es auch keine Vorsitzenden oder Beisitzer gibt. Mit den Namen "Abu Mohammed" und "Abu Hussein" können wir nichts anfangen. Es gibt in Syrien Tausende Abu Mohammeds und Abu Husseins.

Sind Ihnen diese beiden Kämpfer bekannt: Der 24-jährige Hussein und ein "hochrangiges Mitglied der Bürgerwehr in Homs" mit Decknamen "Abu Rami", die beide derzeit im Städtischen Krankenhaus in Tripolis behandelt werden und auf deren Aussagen der Artikel überwiegend beruht?

Tlass: Nein, wir kennen diese Personen nicht. Es wundert uns sehr, dass ein seriöses Medium einen solchen Artikel anhand von Informationen einer einzigen Person veröffentlicht. Wir haben in letzter Zeit häufig mit der internationalen Presse zusammengearbeitet. Da ist es normalerweise üblich, dass die befragten Personen genau identifiziert werden und Informationen durch mehrere Personen bestätigt werden.

Anti-Assad-Demo in Baba Amro nahe Homs; Foto: Reuters
Anti-Assad-Demo in Baba Amro nahe Homs: "Es gibt keine Verurteilungen von Gefangenen. Die Verhöre dienen der Gewinnung von Informationen sowie zur Beweisaufnahme. Hierzu werden Videos aufgezeichnet, in denen die Gefangenen ihre Taten schildern, als Gegenleistung werden sie freigelassen", erklärt Abdel Razaq Tlass.

​​Ist das Vorgehen der Farouk-Brigade vergleichbar mit den Geschehnissen in anderen Zentren der Proteste, oder gibt es eine eigenständige Dynamik, die nur für Homs gilt?

Tlass: Alle Truppen der FSA arbeiten nach derselben Moral und nach demselben Prinzip. Wir haben uns für die Freiheit des syrischen Volkes entschieden, damit es seine Regierung und sein Parlament frei wählen kann.

Was machen andere FSA-Brigaden mit ihren Gefangenen?

Tlass: Die Brigaden der FSA, und ebenso die Al Farouk-Brigade, haben ihre Gefangenen immer gegen inhaftierte Aktivisten ausgetauscht. Der beste Beweis dafür ist die Freilassung der iranischen Gefangenen und der Austausch der iranischen Soldaten gegen gefangene syrische Aktivisten. Manchmal wurden die Gefangenen auch ohne Gegenleistung freigelassen - besonders, wenn wir festgestellt haben, dass die Gefangenen unwichtig für das Regime sind. Mit der Freilassung der Gefangenen wollen wir diesen die Chance geben, ihre Entscheidung für das Regime zu überdenken. Oft haben sie sich schließlich der FSA angeschlossen. Wir wissen, dass diese Gefangenen Eltern und Geschwister haben, die auch unter dem Druck des Regimes leiden, und dass sie selber erpresst werden. Wir möchten die Welt – wenn sie uns schon nicht helfen kann – darum bitten, unsere Revolution nicht in den Dreck zu ziehen.

Sakr El Horea

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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