Andrea Hiratas Roman "Die Regenbogentruppe"

Dichtung und Wahrheit auf Malaiisch

In Indonesien dürfte wohl kaum bekannt sein, dass Andrea Hiratas Buch, das als erster indonesischer Roman im Ausland so erfolgreich ist, eine deutlich andere Version ist als die, die man auf Indonesisch gelesen hat. Von Bettina David

Mit 240 Millionen Einwohnern ist Indonesien das viertgrößte Land der Welt, von seiner Literatur ist hierzulande aber kaum etwas bekannt. Umso erfreulicher, dass mit der Übersetzung von Andrea Hiratas "Regenbogentruppe" nun endlich eine größere Leserschaft auch jenseits des kleinen Kreises der Indonesien-Interessierten erreicht wird.

Die lose auf Hiratas Kindheit beruhende Geschichte vom jungen Malaien Ikal und seinen Schulfreunden, die auf der kleinen, vor Sumatra gelegenen Insel Belitung eine ständig von Schließung und Einsturz bedrohte Schule der islamischen Muhammadiyah-Organisation besuchen, eröffnet einen sympathischen Einblick in das multikulturelle Leben Indonesiens. 

Die Grundschüler stammen aus ärmsten Verhältnissen, ihre Eltern arbeiten als Minenarbeiter bei der lokalen Bergbaugesellschaft, als Kulis oder Fischer. Dass die Kinder überhaupt eine Schulbildung erhalten, grenzt an ein Wunder, denn das übliche Schulgeld können sie nicht bezahlen.

"From Zero to Hero"

Zwei engagierte, selbstlose Lehrer, der alte Pak Harfan und die idealistische junge Lehrerin Bu Muslimah, halten den Schulbetrieb allen Widrigkeiten zum Trotz aufrecht und fördern auf vorbildliche Weise den kaum zu stillenden Wissenshunger ihrer Zöglinge.

Buchcover "Die Regenbogentruppe" von Andrea Hirata im Hanser-Verlag
Sympathischer Einblick in das multikulturelle Leben der Inselrepublik: "Mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren ist das Hiratas Roman das meistverkaufte Buch Indonesiens. Angesichts der erfolgreichen internationalen Vermarktung kann man wohl auch vom international meistverkauften indonesischen Roman sprechen", schreibt David.

Die Geschichte, laut Widmung eine nachträgliche Liebeserklärung an Hiratas beide Lehrer, gibt Zeugnis ab von den beeindruckenden Aufstiegsmöglichkeiten, die die Schule ermöglicht: Andrea Hirata hat es von der malaiischen Armenschule auf europäische Universitäten geschafft und ist zum indonesischen Bestsellerautor geworden. Mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren ist die 2005 erschienene "Regenbogentruppe" das meistverkaufte Buch Indonesiens. Angesichts der erfolgreichen internationalen Vermarktung kann man wohl auch vom international meistverkauften indonesischen Roman sprechen.

Die phänomenale Resonanz der "Regenbogentruppe" in einem Land, in dem das Lesen eines Buches nicht gerade zu den üblichen Freizeitbeschäftigungen gehört, legt die Annahme nahe, dass es Hirata gelungen ist, erstmals für weit verbreitete Sehnsüchte und Hoffnungen einen literarischen Ausdruck zu finden.

"Inspirierend" und "motivierend"

Wie die begeisterten Kommentare nicht zu wiederholen müde werden, ist sein Roman vor allem eines: "inspirierend" und "motivierend": Wer es wagt zu träumen und für seine Träume zu kämpfen, dem steht – von tragischen Ausnahmen abgesehen – die ganze Welt offen. 

Dass diese Erzählung nach dem Muster "From Zero to Hero" solch eine Begeisterungswelle ausgelöst hat, zeigt, wie groß das Bedürfnis nach erfolgreichen Vorbildern und inspirierenden Lebensgeschichten ist.

Die gezielte Vermarktung als autobiographische Geschichte scheint dabei maßgebend zu sein, auch wenn bei genauerem Blick vieles unglaubwürdig erscheint und Phantasie und Realität nicht nur im Roman, sondern auch in den Äußerungen des Autors auf teils irritierende Weise ineinander übergehen. So berichtet Hirata auf Lesungen tief berührt von Begegnungen mit seinem ehemaligen Schulfreund Lintang, dem naturwissenschaftlichen Wunderkind, dessen Genialität im Buch mit grandiosen Vergleichen beschworen wird und dessen tragisches Schicksal – ausgerechnet er musste die Schule abbrechen – Millionen Leser rührte.

Doch während der Medienhype um das Buch die Schüler von damals in TV-Talkshows brachte, kann sich außer Hirata niemand an Lintang erinnern, auch nicht die Lehrerin Bu Muslimah.

Idealisierung westlicher Standards?

Von der indonesischen Literaturkritik wurde der Roman weitgehend übergangen – auch bei uns zeichnen sich Bestseller, die den Massengeschmack treffen, nicht unbedingt durch literarische Qualität aus. Nurhady Sirimorok, Sozialwissenschaftler und selbst tätig in abgelegenen Regionen Sulawesis mit ähnlichen Problemen wie Hiratas Heimat, verfasste 2008 ein kleines Büchlein mit dem Titel "Die Träumertruppe", in dem er dem Roman unter anderem eine orientalistische Haltung vorwirft.

Er kritisiert die unhinterfragte Idealisierung von "Fortschritt" und unkritische Übernahme vermeintlich universeller westlicher Standards von Rationalität und Modernität ebenso wie die Darstellung von sozialem Aufstieg, europäischer Universitätsausbildung und beruflichem Erfolg als einzig erstrebenswerter Ideale für ein gelungenes Leben.

Eine Frau wäscht ihr Kind vor ihrer Hütte in einem Slum in der indonesischen Hauptstadt Jakarta; Foto: AP
Mit rund 240 Millionen Einwohnern ist Indonesien das viertgrößte Land der Welt. Die Hauptstadt Jakarta ist nicht nur das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes, sondern auch die bevölkerungsreichste Metropole, die neben Aufschwung auch von bitterer Armut in den Slums geprägt ist.

In der idealisierten Darstellung der Lehrer und der begierigen Identifikation mit westlichem Wissen wird in der Tat die Sehnsucht nach einem intakten moralischen Universum spürbar, das einen bruchlosen Übergang von der traditionellen in die von liberaler Erfolgsideologie geprägte modern-westliche Welt verspricht. Dem Islam bleibt hier die Rolle eines eher allgemein gehaltenen ethischen Kompasses. Das einzige Hindernis auf dem Weg in eine heile Zukunft scheinen traditioneller Aberglaube und die Armut der ausgebeuteten lokalen Bevölkerung zu sein.

Die deutsche Version von Peter Sternagel ist stilistisch tadellos – und wohl einer der wenigen Fälle, in denen eine Übersetzung sprachlich differenzierter und stilistisch ausgewogener ist als das Original. Und doch irritiert sie, denn Original und internationale Übersetzungen haben teilweise nur wenig miteinander gemein.

Sozialkritische Konnotation

Die erste englische Version erschien 2010 bei einem indonesischen Verlag. Andrea Hirata hatte hier mit seiner Übersetzerin Angie Kilbane zusammengearbeitet und, wie auf seiner Webseite erwähnt, einige Stellen aus kulturellen Gründen umformuliert. Stillschweigend übergangen wird jedoch, dass unter anderem ein zentraler Handlungsplot, der geradezu heroische Züge annehmende Kampf gegen die Bergbaugesellschaft, sowie weitere Protagonisten neu eingeführt wurden.

Damit wurde die Geschichte deutlich sozialkritischer, wenngleich keineswegs realistischer – was mag Autor und Übersetzerin nur dazu bewogen haben, das Alter der Lehrerin, im Original Anfang 20, in der internationalen Version auf 15 Jahre herabzusetzen? Auch die deutsche Übersetzung orientiert sich über weite Strecken mehr an der englischen Version als am indonesischen Original.

In dieser Überarbeitung für den internationalen Markt wurde zudem weitgehend das gestrichen, was für das Buch in der indonesischen Version so charakteristisch ist. Getragen von einer Größenphantasie, die einzig von der bitteren Armut durchkreuzt wird, werden die Kinder als autodidaktische Genies dargestellt.

Obsessiv anmutendes "name dropping"

Das Buch ist durchzogen von einem geradezu obsessiv anmutenden name dropping westlicher Berühmtheiten. Eigenes aus der lokalen Welt der Armenschule kann kaum benannt werden, ohne nicht sofort mit westlichen genialen Erfindern gleichgesetzt oder mit naturwissenschaftlichen Begriffen erklärt werden zu müssen. Es ist, als werde die malaiisch-islamische Lebenswelt erst durch durch Verortung innerhalb westlicher Referenzsysteme bedeutsam.

Genau dies mag aber zum Erfolg des Buches beigetragen haben. Die Leser der urbanen Mittelschicht erhalten die Möglichkeit, sich mit Hiratas vorgeblich westlichem Blick auf die ärmlichen Lebensbedingungen zu identifizieren und an der Erfolgsphantasie teilzuhaben: Ohne Armut und Ausbeutung wären wir genauso klug, modern und erfolgreich wie die bewunderten Westler.

Hiratas orientalistischer Blick hat denn auch, und das ist andererseits das Gute an diesem Buch, in Indonesien eine wahre Motivationswelle ausgelöst und unzählige Menschen inspiriert, sich für das Recht auf Schulbildung auch für arme Kinder in entlegenen Gebieten einzusetzen. 

Das Zitieren westlicher Begriffe, mit denen Hirata – wie viele indonesische Gegenwartsautoren – floskelhaft seine Zugehörigkeit zur global-westlichen Welt beschwört, musste in den internationalen Versionen weitgehend weichen. Hier wurde also etwas gestrichen, nicht weil es um allzu fremde Worte oder Vorstellungen ging, sondern weil der Erzähler mit Bruchstücken unserer Sprache auf ganz anders geartete literarische und kulturelle Erwartungshaltungen antwortet. 

Westliche Leser erhalten mit der "Regenbogentruppe" somit eine Geschichte aus Indonesien, aber die indonesische Stimme des Autors hören sie hier nicht mehr.

Und auch in Indonesien ist kaum bekannt, dass das Buch, das als erster indonesischer Roman im Ausland so erfolgreich ist, eine deutlich andere Version ist als die, die man auf Indonesisch gelesen hat – dass es erst umgeschrieben werden musste, um, zugespitzt gesagt, für die Leseerwartungen des Westens "gut" genug zu sein. Das gegenseitige Missverstehen bleibt so aber weiterhin unausgesprochen.

Bettina David

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Andrea Hirata: "Die Regenbogentruppe", aus dem Indonesischen von Peter Sternagel, Hanser Verlag, Berlin 2013

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