Randale ohne religiösen Hintergrund

In Deutschland hält die Diskussion an, ob Unruhen wie in Frankreich auch hier möglich wären. Dabei wird oft mit dem kulturellen Hintergrund der Einwanderer und ihrer Religion argumentiert – zu Unrecht, meint Peter Philipp.

Viele deutsche Politiker und Journalisten werfen die Frage auf, ob ähnliche Unruhen auch hierzulande möglich wären. Dabei wird oft mit dem kulturellen Hintergrund der Einwanderer und ihrer Religionszugehörigkeit argumentiert – zu Unrecht, meint Peter Philipp in seinem Kommentar.

Ausgebranntes Auto vor Hochhaussiedlung in Clichy-sous-Bois, Foto: AP
Zwar sind die Randaleure in Frankreich mehrheitlich Muslime, dies ist aber nicht der Grund für ihren Amoklauf. Die Ursachen liegen vielmehr in deren desolater wirtschaftlicher und sozialer Lage, meint Peter Philipp

​​Die Gewaltwelle, die Frankreich heimsucht, löst auch in Deutschland bange Fragen aus, ob solches hier nicht auch möglich sei. Und wie so oft wird in einigen Medien nach der Devise verfahren: Je reißerischer der Titel und die Aufmachung, desto mehr fördert es die Auflage.

Wobei dies nicht auf Boulevardzeitungen beschränkt bleibt, die ja nach diesem Muster leben. Auch in den anderen Medien melden sich jene zu Wort, die mahnen, auch Deutschland sei gefährdet.

Islam unter Verdacht

Es sind dieselben, die immer schon gemahnt haben: Vor "Parallelgesellschaften", vor "Überfremdung", vor mangelnder Integrationsbereitschaft. Und die vermeintliche Gefahr sehen sie dort, wo sie sie immer schon gewähnt haben: Bei der muslimischen Minderheit.

Davor ist selbst ein so seriöses Magazin wie "Der Spiegel" nicht gefeit: Ein Artikel über die Unruhen in Frankreich wird unter anderem illustriert durch eine Landkarte, in der aufgelistet ist, wie viele Muslime in Frankreich, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden leben.

Dabei steht doch längst fest, dass die Randaleure in Frankreich zwar mehrheitlich Muslime sind, dass dies aber nicht der Grund ist für ihren Amoklauf. Die Ursachen hierfür liegen vielmehr in der desolaten wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Lage dieser Menschen.

So, wie es in den USA immer wieder zu Ausbrüchen der Gewalt in der unterprivilegierten schwarzen Bevölkerung kommt, so wie sich in Großbritannien unterprivilegierte Gruppen gelegentlich gegenseitig bekämpfen und so, wie auch in Deutschland bereits türkische Jugendliche und junge Aussiedler aneinander geraten sind.

Fehlende Chancengleichheit

Hierbei aber geht es nicht um Religion, sondern um mangelnde Chancengleichheit. Und die kann viele Ursachen haben: Mangelnde Schulbildung etwa, die später den Zugang zur Berufswelt versperrt. Oder auch einfach die allgemeine Arbeitslosigkeit. Die Religion ist die sicher geringste davon.

Nur könnten religiöse Fanatiker und Demagogen versucht sein, den aufgestauten Frust für ihre Zwecke zu missbrauchen. Aber das ist – bisher – in Frankreich nicht geschehen. Im Gegenteil: Vertreter der muslimischen Gruppen haben sich ganz offen für eine Beruhigung der Lage eingesetzt.

Verstärkte Integrationsbemühungen statt Panikmache

Zu hoffen gibt deswegen, dass deutsche Politiker anders reagieren als ihre französischen Kollegen: Hatte der französische Innenminister noch Öl ins Feuer gegossen, indem er von "Gesindel" und "Abschaum" sprach. Solche Ausdrücke hätten in Deutschland zum Rücktritt geführt.

In Frankreich lösten sie die Welle der Gewalt erst aus. Selbst "Law-and-Order"-Politiker, wie der bayrische Innenminister Beckstein, fordern demgegenüber, dass in Deutschland die Integrationsbemühungen verstärkt werden sollten.

Es ist dies nicht wieder einer jener Appelle, dass die Minderheiten mehr tun sollten, sondern es geht um Bemühungen der Regierung, der Behörden und der Mehrheitsgesellschaft um die Minderheiten. Solche Erkenntnisse heben sich erfrischend ab vom bisherigen Credo: Dass es nämlich in erster Linie Aufgabe der Zuwanderer sei, sich einzuordnen.

Ein weiterer großer Unterschied ist dabei auch, dass die Zuwanderer in Deutschland nur zum Teil die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben. Was auch nach der Liberalisierung der Gesetze nicht gerade leicht ist. Die anderen werden immer noch als "Gastarbeiter" oder "Migranten" bezeichnet – Begriffe, die glauben machen, diese Menschen seien nur vorübergehend in Deutschland.

Frankreichs Einwanderer als Bürger zweiter Klasse

In Frankreich hingegen wurden die Zuwanderer zu "immigrés" deklariert – zu "Eingewanderten". Und sie sind längst in ihren "banlieues" aufgewacht und haben festgestellt, dass sie dort als Bürger zweiter Klasse leben.

Eine Analogie lässt sich in Deutschland bestenfalls bei jungen Aussiedlern (aus der ehemaligen Sowjetunion) feststellen: Sie gelten als Deutsche – und erscheinen deswegen in keiner "Ausländer"-Statistik – aber sie haben sich hier nicht oder nur unter sehr großen Schwierigkeiten eingelebt.

Ein Türke, Grieche, Italiener oder Iraner, der sich aktiv um Integration bemüht hat, dem ist das in der Regel auch gelungen. Auch wenn ihm dabei nichts geschenkt wurde.

Die meisten dieser Zuwanderer werden schließlich in Deutschland auch nicht mehr wirklich als "Ausländer" empfunden. Diese zweifelhafte "Ehre" bleibt meist den Muslimen vorbehalten. In Deutschland in erster Linie Türken. Sie werden von Skeptikern als "kulturell zu fremd" bis "nicht integrierbar" betrachtet, dabei steht längst fest, dass zur Integration zwei gehören.

Die Mehrheitsgesellschaft muss auch dazu bereit sein und die nötigen Rahmenbedingungen schaffen – etwa auf dem Bildungssektor. Wenigstens diese Notwendigkeit könnte die Lehre sein, die Deutschland aus den Unruhen in Frankreich zieht. Gefragt ist jetzt Ruhe und Besonnenheit, Panikmache ist fehl am Platz.

Peter Philipp

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

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