Streit um Mohammed-Karikaturen

Ein Sturm im Twitter-Glas

Die Äußerungen von Frankreichs Präsident Macron, wonach Mohammed-Cartoons nach wie vor veröffentlicht werden dürfen, schlagen in einer Reihe muslimischer Staaten hohe Wellen. Der türkische Präsident Erdogan zählt zu den lautstärksten Kritikern. Karim El-Gawhary informiert.

Es sind die üblichen Verdächtigen, die aus den Äußerungen des französischen Präsidenten zu den Mohammad-Karikaturen versuchen, in der islamischen Welt Nutzen zu ziehen. Der türkische Präsident Erdogan bezeichnete Emmanuel Macron als „Krankheitsfall“, dessen geistiger Zustand überprüft werden müsse.

Außerdem rief er in einem Aufruf der Nation seine Landsleute dazu auf, keine als französisch gekennzeichneten Waren zu kaufen. Muslime seien einer ähnlichen Lynchkampagne ausgeliefert,  wie früher die Juden in Europa, behauptete er. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) bekräftigte am Montag in Berlin die deutsche Solidarität mit Frankreich und nannte Erdogans persönliche Angriffe auf Macron einen „neuen Tiefpunkt“ und „völlig inakzeptabel“.

Boykottaufrufe und Islamophobie-Vorwürfe

Hintergrund sind Aussagen Macrons vom vergangenen Mittwoch als Reaktion auf die Ermordung des Lehrers Samuel Paty, in denen er die kontroversen Mohammed-Karikaturen und die säkularen Werte Frankreichs verteidigte und forderte, gegen radikale Formen des Islam vorzugehen.

Doch während Erdogan die Gunst der Stunde nutzte, um viele offene Rechnungen mit Macron zu begleichen, wie etwa beim Streit um die Öl- und Gasvorkommen im Mittelmeer, bei dem sich Frankreich am vehementesten gegen die Türkei auf die Seite Griechenlands gestellt hat, reagieren andere islamische Länder nicht mit Boykottaufrufen, aber verurteilten die Worte Macrons.

Pakistans Premier Imran Khan; Foto: picture-alliance/AA
Vorwurf der Islamophobie im Zusammenhang mit dem neu aufgeflammten Karikaturenstreit: Pakistans Premierminister Imran Khan schrieb auf Twitter: „Präsident Macron hat die Gefühle von Millionen von Muslimen in Europa und auf der ganzen Welt angegriffen und verletzt.“

Pakistans Premierminister Imran Khan warf ihm Islamophobie vor. „Präsident Macron hat die Gefühle von Millionen von Muslimen in Europa und auf der ganzen Welt angegriffen und verletzt“, schrieb er auf Twitter. Er forderte zudem ein Verbot islamophober Inhalte auf Facebook. In der Erklärung des Golfkooperationsrates bezeichnete dieser Macrons Worte als „unverantwortlich“ und erklärte, dass sie „darauf abzielen, eine Kultur des Hasses zwischen den Menschen zu verbreiten“.

„Französische Attacken gegen Muslime“

Die Organisation Islamischer Staaten hat die „französischen Attacken gegen Muslime“ und „beleidigenden Karikaturen“ gegen sie verurteilt. Ahmed al-Tayyeb, der Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der wichtigsten Rechtsautoritäten des sunnitischen Islam sprach von einer systematischen Kampagne, die den Islam in politische Kämpfe drängen solle.

Zuvor hatte die Al-Azhar den Mord an dem französischen Lehrer Paty verurteilt, aber auch gesagt, dass die Beleidigung von Religionen im Namen der freien Meinungsäußerung, eine Einladung zum Hass darstellten. Die meisten dieser Erklärungen sind Verurteilungen der Karikaturen und derer Verteidigung.

Proteste gegen Macrons Äußerungen in Istanbul; Foto: AP/dpa
Wut auf Macron: In Istanbul waren Plakate zu sehen, die Macron mit Schuhabdruck zeigen. Frankreichs Präsident Macron hatte im Streit um die Mohammed-Karikaturen die Meinungsfreiheit verteidigt und einen Sturm der Entrüstung in mehreren islamischen Staaten ausgelöst. Einige arabische Länder riefen gar zum Boykott französischer Produkte auf.

Der Rest des neu heraufbeschworenen Kulturkampfes findet vor allem in der Blase der Sozialen Medien statt. Es ist sozusagen ein Sturm im Twitter-Glas, um präzise zu sein im islamistischen Twitter-Glas. Da werden fleißig französische Flaggen durchgekreuzt und zum Boykott der französischen Supermarktkette Carrefour aufgerufen. Irgendwo in Qatar oder in Kuwait werden Videos gezeigt, in denen französische Käsesorten mit lachenden Kühen aus dem Regal genommen werden und Boykott-Zeichen ans Regal angebracht werden.

Islamistische Blasen in den Sozialen Medien

So wie westliche Medien gerne einen erneuten Kulturkampf an die Wand malen, werden sie von islamistischen Blasen in den Sozialen Medien freundlich bedingt. Noch ist unklar, wer diesen Boykottaufrufen wirklich folgt. Ein kurzer Blick auf den vollen Parkplatz von Carrefour zeigt, dass das mit dem Leben der meisten Menschen in der arabischen Welt wenig zu tun hat. Da ist es wichtiger, dass die französische Kette billigere Produkte verkauft als die benachbarte amerikanische. Laut UN-Statistiken leben Zwei Drittel der Araber unter der Armutsgrenze oder sind kurz davor, in diese zu abzustürzen. Sonderangebote sind allemal attraktiver als ein Kulturkampf.

Zudem gibt es Stimmen wie die der “Muslim World League“, die das Pferd anders aufsatteln. „Karikaturen können den Propheten weder verletzten noch beleidigen, denn er ist größer und heiliger, als dass er beleidigt werden kann“.

Das „Sekretariat hochrangiger saudischer Islamischer Rechtsgelehrte“ hat eine Erklärung veröffentlicht, laut der „eine Beleidigung von Propheten diese nicht verletzen kann, sondern einzig und allein als Aufruf zur Radikalisierung dient“.  Der Islam rufe, dazu auf, die Ignoranten zu ignorieren, heißt es weiter dort. Andere, wie der saudische Autor Turki Al-Hamad sehen das Ganze nicht als einen Streit zwischen Frankreich und den Muslimen. Es sei die Muslimbruderschaft, die aus Macrons Worten eine Kampagne gegen den gesamten Islam schmieden möchte“, schreibt er.

„Macrons ‚Krise des Islam‘ ist langweilig“, twittert dagegen der ägyptische Soziologe Amro Ali. Die wirkliche Krise der muslimischen Welt werde dadurch verstärkt, „dass Macron den dortigen Diktatoren seine Waffen verkauft“, schreibt er. Tatsächlich gehörten die arabischen Autokraten in Qatar, Saudi-Arabien und Ägypten im letzten Jahr zu den größten Kunden der französischen Waffenindustrie.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2020

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