Saudi-Arabiens Energiepolitik im Wandel

MBS' radikale neue Ölstrategie

Die Entscheidung Saudi-Arabiens, seine Ölförderung anzukurbeln, stellt einen dramatischen Meinungsumschwung im Hinblick auf seine bisherige Haltung gegenüber Energiemärkten dar. Vorbei sind die Zeiten, in denen saudische Ölreserven umsichtig verwaltet wurden. Von Bernard Haykel

Nun, da das Königreich nicht mehr an einem bestimmten Ölpreisrahmen festhält und auch keine freien Produktionskapazitäten zurückhält, verabschiedet sich das Land aus seiner angestammten Rolle als Swing-Produzent auf dem Markt.

Dieser Sinneswandel ist Ausdruck der Ansicht von Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS), wonach Saudi-Arabien über ein relativ enges Zeitfenster verfügt, seine großen Ölreserven zu Geld zu machen. Statt zu versuchen, die Preise festzusetzen, verfolgt er nun eine Politik des Ausbaus von Marktanteilen und bricht auch in dieser Hinsicht mit langjährigen Strategien, die er für nicht mehr für sinnvoll hält.  

Hält MBS an dieser Politik fest, könnte er damit die Dynamik des weltweiten Energiemarkts  erheblich verändern. Mit der dauerhaften Senkung der Preise verdrängt Saudi-Arabien nicht nur kostspieligere Formen der Ölproduktion vom Markt, sondern erschwert es auch erneuerbaren Energieträgern, mit fossilen Brennstoffen zu konkurrieren – zumindest auf kurze Sicht. 

Größter Eintagesrückgang seit 1991

Die neue Strategie wurde am 7. März, einem Samstag, deutlich, als Saudi-Arabien beschloss, den offiziellen Verkaufspreis zu senken und seine Ölproduktion auf über zehn Millionen Barrel pro Tag zu steigern, wobei die Produktion im April deutlich höher liegt. Im Vergleich dazu wurden in den letzten Monaten 9,7 Millionen Fass täglich gefördert.  Als die Märkte am darauffolgenden Montag wieder öffneten, mussten die Ölpreise ihren größten Eintagesrückgang seit 1991 hinnehmen.

Offiziell galt die saudische Vorgehensweise als Reaktion auf die Weigerung Russlands, bei einem OPEC+ -Treffen am 6. März freiwilligen Kürzungen der Ölproduktion zuzustimmen. Seit 2016 koordinieren Russen und Saudis ihre Produktion, um die Preise etwa auf einem Niveau von 50 bis 60 US-Dollar pro Barrel zu halten.

Der Nettoeffekt dieser Zusammenarbeit bestand jedoch darin, dass man der US-Schieferölindustrie half, Produktion und Umsatz zu steigern und damit den größten Teil der weltweit steigenden Nachfrage zu decken. Nachdem die Saudis seit 2016 unter rückläufigen Exporten zu leiden hatten, hofften sie wahrscheinlich, dass eine geringere Produktion die Preise in einer Zeit stützen würde, in der die weltweite Nachfrage aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus nachlassen würde.
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