Rumis Todestag in Konya
Sufismus zwischen Tradition und Lifestyle 

1925 ließ Mustafa Kemal Atatürk die Sufi-Orden schließen. Heute wirbt in Konya die Stadtverwaltung mit den drehenden Mevlevi-Derwischen. Marian Brehmer über islamische Mystik in der Türkei. 

Konya — einst Hauptstadt des Seldschuken-Reiches und mit über zwei Millionen Einwohnern eines der größten Zentren Anatoliens — ist ein komplexer Ort. In kaum einer anderen Stadt im Land, so raunen die Menschen im Westen der Türkei, seien die Menschen so streng der Religion verhaftet, so konservativ eingestellt und “zurückgeblieben”.

Über viele Jahre fuhr die Regierungspartei AKP hier haushohe Ergebnisse ein. Im November kündigte der türkische Präsident Erdogan auf einer Kundgebung im Stadtzentrum an, 18 Milliarden türkische Lira (etwa 950 Millionen Euro) in die Stadt investieren zu wollen, unter anderem zum Bau einer neuen Waffenfabrik.  

Doch Konya ist auch die Stadt eines der bedeutendsten Friedensbotschafter der Weltgeschichte, namentlich Mevlana, wie die Türken den berühmten Sufi-Meister und Dichter Dschalaluddin Rumi (geb. 1207 in Balch, Afghanistan, gest. 1273 in Konya) nennen (“Mevlana” ist die türkische Schreibweise des arabischen Ehrentitels maulana, der so viel wie “unser Herr” bedeutet).

Rumi als Touristenmagnet

Mevlanas Mausoleum, über Jahrhunderte Schulungszentrum und Hauptsitz des Derwisch-Ordens der Mevlevis, ist heute ein Tourismusmagnet mit jährlich Millionen von Besuchern. Besonders zur Feier der şeb-i arus oder “Hochzeitsnacht”, wie Rumis Todestag seit Jahrhunderten genannt wird, lässt sich die grenzüberschreitende Anziehungskraft des Heiligen spüren. Aus diesem Anlass pilgern jedes Jahr Tausende aus der ganzen Welt nach Konya. 

Obwohl die Gebetszeremonie zu Rumis Todesminute erst um kurz nach vier am Nachmittag beginnt, ist der Teppichboden vor dem Sarkophag im Inneren des Mausoleums bereits Stunden zuvor bis auf den letzten Zentimeter besetzt.

Nächtliches Musikertreffen in Konya zu Rumis Todesnacht; Foto: Marian Brehmer
Sufi-Musiker treffen sich zur Todesnacht von Rumi in Konya: Bei der Feier der şeb-i arus oder “Hochzeitsnacht”, wie Dschalaludin Rumis Todestag (gestorben am 17. Dezember 1273) seit Jahrhunderten genannt wird, lasse sich die grenzüberschreitende Anziehungskraft des Heiligen spüren, schreibt Marian Brehmer. Sein Mausoleum, über Jahrhunderte Schulungszentrum und Hauptsitz des Derwisch-Ordens der Mevlevis, ist heute ein Tourismusmagnet mit jährlich Millionen von Besuchern.

Manche der Besucher schwatzen in kleinen Grüppchen — neben weiteren Sprachen sind Türkisch, Persisch, Arabisch und Englisch deutlich herauszuhören — ein Kreis junger Iraner liest aus dem Diwan-e Schams, ein Sufi-Meister unterrichtet eine Schar von aufmerksam lauschenden Schülern, eine ältere Frau murmelt mit wiegendem Oberkörper Koransuren vor sich hin. Bald macht sich einer der Schreinwächter, gekleidet in einen beigen Wollmantel, daran, mit einem langen Feuerzeug die Kerzen in den Gläsern über den Köpfen der Wartenden anzuzünden.   

Um 16.05 Uhr tönt "Yā Hazret-i Mevlānā“ aus den Lautsprechern. Alle sind nun auf den Beinen, um mit diesem jahrhundertealten Ritual den Segen zu empfangen. Es folgt eine Koran-Lesung, eine Zeremonie mit Gebeten und eine ekstatische dhikr-Rezitation, die in immer schneller werdenden "Allah“-Rufen endet. Kurze Zeit später strömen alle Pilger auf einmal durch das Portal nach draußen, während manche noch in stiller Meditation verweilen. Anschließend verwandelt sich Konya in ein Festival-Areal. An verschiedenen Orten rund um das Grabmal, in Hotels, Kulturzentren, dergahs (Sufi-Schreinen) oder unter freiem Himmel wird bis tief in die Nacht gesungen, gebetet, Poesie vorgetragen und Rumis gedacht.  

Eine der beliebtesten Zusammenkünfte findet jedes Jahr in einer großen Halle statt, die hinter einem unscheinbaren Souvenir-Laden liegt. Die holzverkleideten Wände sind mit Teppichen in allen Farben und Mustern behängt. Die Musik in dieser Nacht ist eine Mischung aus türkisch-spiritueller Volksmusik und Sufi-Gesängen, auch ilahi (“göttlich”) genannt, sowie persischen Rumi-Hymnen.

Den Rhythmus geben kreisrunde Rahmentrommeln vor. Als die Musik sich ihrem Höhepunkt nähert, springt eine junge Frau aus dem Publikum auf und beginnt, sich im Kreis zu drehen. Dabei stellt sich der Saum ihres bunten Rocks auf.  

Mystische Erfahrung für alle

Die Drehung der Teilnehmerin ist spontan und hat wenig gemeinsam mit dem ausgefeilten sema-Ritual des Mevlevi-Ordens, welches einem vorgeschriebenen Ablauf sowie einer bestimmten Fußstellung und Körperhaltung folgt. Der Teilnahme am sema, das inzwischen zu einer Art Aushängeschild des Sufismus avanciert ist, ging traditionell ein langer Schulungsprozess voraus, der aus Jahren des Küchendienstes und der geistigen Vorbereitung bestand. Doch viele in der türkischen Sufi-Szene argumentieren heute, dass mystische Ekstase eine Erfahrung sei, nach der sich jedermann sehnt. Jetzt sei es an der Zeit, Institutionen und Regeln zurückzulassen. 

Drehende Derwische bei einer Vorführung im Irfan-Kulturzrentrum in Konya; Foto: Marian Brehmer
Zur Folklore verkommen? Das sema, der Drehtanz der Derwische, wird inzwischen auch in Restaurants oder auf Istanbuler Ausflugsdampfern aufgeführt. Die Stadtverwaltung von Konya verwendet Rumi und die drehenden Derwische als Visitenkarte. Im Westen gehören Workshops im “Whirling” in den Yoga-Studios und esoterischen Zentren großer europäischer Städte mittlerweile zum Programm. Diese Abkopplung von Sufi-Ritualen aus ihrer traditionellen Herkunft und die Vermischung mit spirituellen Praktiken anderer Kulturen wird von manchen Forschern als “Lifestyle-Sufismus” bezeichnet.   

Während die Mevlevis heute kritisieren, dass das sema, welches inzwischen auch in Restaurants oder auf Istanbuler Ausflugsdampfern aufgeführt wird, als “Tanz” bezeichnet wird, ist der “Drehtanz der Derwische” im Westen bereits in aller Munde. Workshops im “Whirling” gehören in den Yoga-Studios und esoterischen Zentren großer europäischer Städte mittlerweile zum Standard-Programm. Diese Abkopplung der Sufi-Ritualen von ihrer traditionellen Herkunft und die Vermischung mit spirituellen Praktiken anderer Kulturen wird von manchen Forschern als “Lifestyle-Sufismus” bezeichnet. 

In der Türkei ist der Hunger nach spiritueller Praxis besonders unter jenen Menschen groß, die sich vom zunehmend ideologisierten Islam in der türkischen Politik entfremdet fühlen. Die Stärkung religiöser Lebensformen im öffentlichen Raum unter der AKP-Regierung in den letzten zwanzig Jahren hat zu einem allmählichen Comeback der Sufis geführt, sodass etwa im Fernsehen Meister zu einem Millionenpublikum sprechen und öffentlich zu Zeremonien eingeladen werden.

Gleichzeitig gibt es in der heutigen Türkei neo-sufistische und ultrakonservative Abspaltungen von traditionellen Orden wie etwa die Menzil-Gemeinde oder die Süleymancılar-Bewegung, deren Führer in der Vergangenheit auch enge Kontakte zu Regierungskreisen pflegten. 

Im Osmanischen Reich war die religiöse Praxis weiter Teile der Bevölkerung jahrhundertelang durch Sufi-Kultur geprägt. Tekkes oder Sufi-Logen fungierten nicht nur als Orte der geistigen Erziehung, sondern auch als soziale Treffpunkte, die Bibliotheken betrieben oder karitativen Zwecken dienten. Mystische Bruderschaften wie die Bektaschiyya und Nakschbandiyya besaßen im Osmanischen Reich zum Teil großen gesellschaftlichen und politischen Einfluss, weshalb Mustafa Kemal Atatürk die Orden als Symbol für Rückständigkeit und als Hindernis auf dem Weg der Anpassung an Europa ansah.  

 

Zwei Jahre nach der Gründung des türkischen Staates ließ Atatürk die Sufi-Orden schließen und verbot ihre Praktiken. Manche Sufi-Führer lehnten diesen Schritt ab und zogen mit ihren Gemeinden in ehemalige Staaten des Osmanischen Reichs, darunter Albanien und Syrien. So lebte etwa der Çelebi oder geistige Führer der Mevlevis — ein Amt welches seit Rumis Tod in Erbfolge weitergegeben wird — zunächst in Aleppo, wo unter den Osmanen eines der wichtigsten mevlevihanes (Sufi-Zentren) bestanden hatte. Andere Sufis schlossen sich den Kemalisten an und bekleideten Posten im öffentlichen Dienst. 
 

Bruch mit dem spirituellen Erbe 

Gleichzeitig führte die Umstellung des türkischen Alphabets von der arabischen auf die lateinische Schrift im Zuge der Buchstabenreform von 1928 zu einem Bruch mit der spirituellen Kultur vorheriger Generationen: Das Lesen von osmanischer Sufi-Dichtung war bald nur noch Spezialisten vorbehalten. Heute besitzt in der Türkei kaum jemand mehr Zugang zu den Originalwerken der Sufis, diese bedürfen zunächst einer Übersetzung ins moderne Türkisch. In den letzten Jahren wurden immer mehr Sufi-Werke ins Neutürkische übersetzt, wobei Istanbuler Verlage wie Sufi Yayinları federführend sind.  

Aufgrund des Verbots gingen manche Sufis jahrzehntelang in den Untergrund, gaben ihre Rolle als spirituelle Schulungszentren auf und fungierten nur noch als Kulturvereine, etwa für mystische Musik. Selbst in Konya war das sema bis in die 1950er Jahre verboten. 1953 wurde es dann wieder genehmigt — als strikt säkulare Aufführung vor unbeteiligten Zuschauern.  

Heute hingegen verwendet die Stadtverwaltung Rumi und die drehenden Derwische als Visitenkarte und bezeichnet sich selbst als “Stadt der Herzen”. In Konyas Werbefilm für die diesjährige şeb-i arus heißt es: “Werde zum Freund, damit du den (göttlichen) Freund schauen kannst”. Um allerdings zu begreifen, das dies nicht so einfach ist, wie es ein YouTube-Film suggerieren mag, genügt ein Blick in Rumis Lehre oder in die strenge Ausbildungspraxis der Mevlevis.  

Marian Brehmer

© Qantara.de 2022

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