Rassistischer Anschlag von Hanau

Vorkämpfer der Vernichtung

Die Schablone des geistig verwirrten Amokschützen passt nicht. Der Mörder von Hanau hat sich selbst klar in die Tradition des Nationalsozialismus gestellt, meint Stefan Buchen in seiner Analyse.

"Am 30. Januar sind in Deutschland die Würfel gefallen. Und ich glaube nicht, dass die Gegner, die damals noch gelacht haben, heute auch noch lachen." Das sagte, nein schrie, Adolf Hitler im Sommer 1933 vor einer begeisterten Menge zehntausender Deutscher. Sein Gesichtsausdruck war dabei besonders verbissen. Kaum etwas versetzte ihn und Joseph Goebbels mehr in aufrichtige Rage als der Gedanke, jemand könne sich über sie lustig gemacht haben. In Wahrheit taten das nur ganz wenige Deutsche.

Hitler und Goebbels hatten es geschafft, den Nationalsozialismus zu einer Sache des tierischen Ernstes zu machen. Dies war eine wichtige psychologische Vorbedingung für ihren politischen Aufstieg und die Festigung der eroberten Macht. Anders formuliert: ohne die Ausschaltung des Lachens und des Humors als Formen ethischer Kontrolle hätte der Nationalsozialismus gar nicht an die Macht kommen können.

Am 20. Februar 2020 war im Internet ein Video von Tobias Rathjen abrufbar. In der Nacht zuvor hatte der 43-Jährige studierte Betriebswirt in Hanau neun Menschen nichtdeutscher Abstammung erschossen und dann seine Mutter und sich selbst umgebracht. In der Videobotschaft, die in sachlich-überlegtem Ton gehalten ist, sagt Tobias Rathjen:

Vorbote einer neuen Machteroberung

"Es gibt ein berühmtes Zitat, das möchte ich hier etwas umwandeln: 'Ich glaube nicht, dass die Leute, die damals gelacht haben, heute auch noch lachen.' Ich möchte das abändern, indem ich sage: Ich glaube nicht, dass Leute, die heute lachen, in Zukunft noch lachen werden."

Auf wen sich der Mörder von Hanau beruft, ist eindeutig. Ebenso unzweifelhaft lässt sich die geschichtliche Stellung erkennen, die der Attentäter sich selbst zuweist. Er sieht sich als Wegbereiter, als Vorbote einer neuen Machteroberung. Auf diesem Weg müssen zunächst der Bürgerkrieg entfesselt und die Demokratie sturmreif geschossen werden. Der Täter kann weder ausschließen noch verhindern, dass manche Leute jetzt über ihn und seine Äußerungen lachen. Aber in Zukunft werde allen das Lachen vergehen.

Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier (l.) während einer Trauerkundgebung in Hanau nach dem Attentat von Tobias Rathjen; Foto: Reuters
Trauer und Bestürzung nach dem Attentat von Hanau: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in Hanau, der "brutale Terroranschlag" in der hessischen Stadt mache "fassungslos, traurig und zornig". Er rief dazu auf, der Sprache der Gewalt Einhalt zu gebieten, die gleichsam den Weg für solche Taten bereite. "Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir stehen zusammen gegen rechten Terror."

Als "wirr" und "grotesk" haben Medien die Äußerungen des zehnfachen Mörders bezeichnet. In seinen Botschaften spricht Rathjen auch von seiner Überwachung durch einen mächtigen Geheimdienst, davon, dass fremde Mächte sich von fern in seine Gedankengänge "einklinken" und von einer Doktorandin mit kurzen blonden Haaren und großer Oberweite. Als "offenbar psychisch krank" und "Einzeltäter" wurde er eingestuft.

Aber die Gleichgesinnten, wovon es in Deutschland eine wachsende Zahl zu geben scheint, haben seine Botschaft genau verstanden. Da darf man sich ganz sicher sein. Es ist eine nationalsozialistische Botschaft. In dieser Vorstellungswelt steht Tobias Rathjen jetzt auf der Ehrenliste der gefallenen Vorkämpfer.

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