Nordsyrien-Konflikt

Erdoğans syrische Kämpfer

Die Türkei hatte bei ihrer bisherigen Offensive in Syrien auch syrische Rebellen eingesetzt. Viele davon sind radikale Islamisten, die Gräueltaten begehen. Wer sind diese arabischen Verbündeten Ankaras, und was versprechen sie sich von dem militärischen Pakt? Informationen von Nermin Ismail

Im Internet kursieren Videos aus Nordsyrien von Gräueltaten im Zusammenhang mit der bisherigen Offensive der Türkei. In einem dieser Videos ist ein Soldat zu sehen, der dabei gefilmt werden möchte, wie er mit seinem Gewehr aus kurzer Distanz auf einen Mann schießt, der gekrümmt am Boden liegt. Zusammen mit anderen Kämpfern ruft er lautstark: "Schweine!" Die verwackelten Bilder aus dem Kampfgebiet im Nordosten Syriens zeigen die Ermordung eines kurdischen Gefangenen.

Die Authentizität des Videos konnte noch nicht unabhängig bestätigt werden. "Seit Jahren finden im Krieg Desinformationskampagnen auf allen Seiten statt, um der jeweils anderen Partei Menschenrechtsverletzungen unterzuschieben. Da gab es auch immer wieder Fälschungen. Aber solche Videos sind stets schwer zu verifizieren", erklärt der Wissenschaftler Heiko Wimmen von der Internationalen Crisis Group aus Beirut.

In der umkämpften Grenzstadt Ras al-Ain an der Hauptstraße haben die syrischen Rebellen einen Kontrollpunkt errichtet. Hier soll die kurdische Politikerin Hevrin Khalaf, Generalsekretärin der Partei "Zukunft Syriens", angehalten und dann gemeinsam mit ihrem Fahrer erschossen worden sein. Nach Angaben des Militärbündnisses SDF waren Mitglieder der syrischen Hilfstruppen der Türkei die Täter. Bei diesen Kämpfern handelt es sich um ehemalige Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA). "Es sind Überreste der FSA, die nun vollständig unter der Kontrolle der Türkei stehen. Sie werden seit Jahren von Ankara finanziert", so Heiko Wimmen.

Brutale Milizionäre

Keiner könne die genaue Zusammensetzung der Gruppierungen bestimmen. Ein Teil sei im Laufe des Krieges ins islamistische Lager abgedriftet, ein anderer Teil sei eher moderat. "Diese Kämpfer werden schon seit 2016 von der Türkei ausgebildet und ausgerüstet. Ihre Hoffnung ist, einen Teil Syriens, der vom Assad-Regime kontrolliert wird, zu befreien", meint der Experte.

In einem Video, das bewaffnete Männer bei der Durchsuchung eines leeren Fahrzeugs mit zerschossenen Scheiben zeigt, fallen die Worte "Nationale Armee" und "Sultan Murat". In der von der Türkei gegründeten "Nationalen Armee" kämpfen unter anderem Mitglieder der syrischen Miliz Sultan Murat. Diese überwiegend islamistischen Gruppen sind schon seit der Eroberung der kurdischen Region Afrin für ihre Brutalität bekannt. Ankara setzte sie 2018 ein. Seitdem machten die Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen die Rebellen für mehrere Kriegsverbrechen verantwortlich.

Mitglieder der sogenannten Miliz "Ahrar al-Sharqia" ("Die Freien Männer des Ostens") sind besonders berüchtigt. 2016 wurden sie von ehemaligen Mitgliedern Al-Qaida-naher Milizen gegründet. In jedem Konflikt gebe es paramilitärische Hilfstruppen, die keiner strikten Armeedisziplin unterliegen und nicht als Soldaten ausgebildet seien, so Nahost-Experte Wimmen. "Das sind immer die Ersten, die Menschenrechtsverletzungen begehen. Dass die Türkei solche Leute einsetzt, ist sehr problematisch." Innenpolitisch jedoch helfe es der Türkei, eine solche Offensive zu rechtfertigen, da auf diese Weise keine türkischen Soldaten ums Leben kommen könnten. So lasse sich das Vorgehen der Türkei in Nordsyrien besser verkaufen.

Atempause für den IS

Zu den syrischen Truppen, die Ankara zu Diensten stehen, gehören auch Gruppen wie die Hamasa-Division, die als moderater gelten. Schon Monate bevor die türkische Offensive startete, gab es eine regelrechte Kampagne gegen das von Kurden geführte Militärbündnis SDF. Syrische Milizionäre produzierten zahlreiche Videos, in denen angebliche kurdische Soldaten folterten und exekutierten. Doch viele dieser Produktionen konnten als gefälscht entlarvt werden. Umgekehrt gab es auf der anderen Seite Versuche, die syrischen Rebellen als bestialisch mordende Terroristen darzustellen.

"Die kurdische Arbeiterpartei PKK wird schon lange in der türkischen Medienlandschaft als Feindbild dargestellt. Und auch die Syrer folgen einer Propaganda, die Kurden als Feinde darstellt, weil sie angeblich Araber vertreiben wollen und den syrische Diktator Baschar al-Assad unterstützen", sagt Heiko Wimmen Die Hemmschwelle scheint auf beiden Seiten überwunden zu sein.

Die Türkei behauptete am letzten Sonntag auf Twitter, ihre Truppen seien bereits 30 Kilometer tief in Syrien eingedrungen. Nach schweren Gefechten mit der YPG soll die türkische Armee und ihre Verbündete das Zentrum der Grenzstadt Tal Abyad eingenommen haben, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Die in Großbritannien ansässige Nichtregierungsorganisation "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" berichtete, die Stadt befinde sich fast vollständig unter türkischer Kontrolle. In Ras al-Ain gebe es weiterhin schwere Gefechte, trotz der vereinbarten Waffenruhe. Es ist genau jenes Chaos, das dem IS eine Atempause verschafft. Der Druck auf die Terrormiliz lässt nach; so nutzten letzten Sonntag IS-Familienmitglieder den Kontrollverlust und flohen aus dem Internierungslager in Ras al-Ain.

Nermin Ismail

© Deutsche Welle 2019

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