Nachruf auf den türkischen Schriftsteller Yaşar Kemal

Dichter, Rebell und Volksheld

Er galt als eine der wichtigsten Stimmen der türkischen Gegenwartsliteratur. Sein Leben lang hat sich Yaşar Kemal für Menschenrechte und Frieden eingesetzt. Jetzt ist der bekannte Autor gestorben. Ein Nachruf von Sabine Damaschke

Über 90 Jahre ist er alt geworden. Eine lange Zeit für einen Mann, der so oft um sein Überleben kämpfen musste, der in Armut groß wurde und mehrfach im Gefängnis saß. Wie alt genau Yaşar Kemal war, wusste er selbst nie genau. Vermutlich kam er im Oktober 1923 zur Welt, als die Türkische Republik ausgerufen wurde. Erst Jahre später wurde sein mutmaßliches Geburtsdatum in einer Amtsstube registriert.

Yaşar Kemal wuchs im kleinen ostanatolischen Dorf Hemite auf. Diese Hochebene zwischen Mittelmeer und Taurusgebirge wurde später immer wieder zum Schauplatz seiner Romane. Anatolische Erzähler, die mit ihren Geschichten von Dorf zu Dorf zogen, hinterließen einen großen Eindruck bei Kemal. Er habe gedichtet, bevor er lesen und schreiben gelernt habe, erzählte er später. Als einziges Kind in seinem Dorf besuchte er eine Schule.

Literatur in der Sprache der Bauern

Kemal-Plakat auf der Frankfurter Buchmesse 2008; Foto: Murat Çelikkafa
Fürsprecher der türkischen Kurden: Yaşar Kemal hat die Kurden-Politik seines Landes immer wieder kritisiert. Im Jahr 1996 wurde er wegen "Volksverhetzung" zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Weil er Mordanschläge von Rechtsradikalen fürchtete, lebte er zeitweise in Schweden, bevor er nach Istanbul zurückkehrte.

In seiner Kindheit war er von Schicksalsschlägen verfolgt. Der Schriftsteller musste die Ermordung seines Vaters in einer Moschee im Alter von nur fünf Jahren verkraften. Bei einem Unfall verlor er ein Auge. Als Landarbeiter, Hirte und Treckerfahrer hielt er die Familie über Wasser. Schließlich wurde er Straßenschreiber und verfasste für die Bauern Briefe, Bittschriften und Dokumente. Und sammelte dabei alte Geschichten, Epen, Klagelieder.

"Ich war ein kleiner, schmächtiger Junge in schwarzen Pluderhosen mit gelben Heften in der Hand, der alles aufschrieb, was da gesungen wurde", hatte Yaşar Kemal einmal erzählt. Aus politischen Gründen floh er später nach Istanbul und veröffentlichte dort 1951 erste Erzählungen und Reportagen. In der Sprache der Bauern schrieb er über das Leben auf dem Land, über Armut, Hunger und die Unterdrückung der Bauern durch die Großgrundbesitzer. Schnell wurde er bekannt, denn so etwas hatte es in der türkischen Literatur noch nicht gegeben.

Internationaler Durchbruch mit moderner Robin-Hood-Saga

Als 1955 sein erster Roman "Mehmet, der Falke" erschien, wurde Yaşar Kemal auf einen Schlag international berühmt. Die moderne Robin-Hood-Saga ist angesiedelt in der Cukurova-Ebene im Südosten der Türkei, wo der Räuber und Rebell Memed gegen den Großgrundbesitzer Abdi Aga kämpft. In über 40 Sprachen wurde der Roman übersetzt. Kemal schrieb noch drei Folgebände über seine Leitfigur, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung zur Wehr setzt.

Weniger bekannt sind die anderen mehr als vierzig Bücher des Schriftstellers. In vielen ging er hart mit der türkischen Regierung ins Gericht. Er setze sich für die Rechte der Kurden ein, bekannte sich zum Sozialismus. Dafür wurde er mehrmals angeklagt, gefoltert und ins Gefängnis gebracht.

Türkischer Staatspreis für unliebsamen Rebell

Außerhalb der Türkei erhielt Kemal für sein politisches Engagement und seine Literatur dagegen viel Anerkennung. 1973 wurde er zum ersten Mal für den Literaturnobelpreis nominiert, erhalten hat er ihn - im Gegensatz zu seinem Schriftstellerkollegen Orhan Pamuk – aber nie. 1997 nahm er stattdessen in Frankfurt am Main den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Die Laudatio hielt damals Günter Grass. Mit seiner Kritik an der Kurdenpolitik der Bundesregierung löste er eine kontroverse öffentliche Debatte aus - und gewann Kemal als Freund.

Yasar Kemal mit seinem langjährigen Freund Günther Grass in Istanbul; Foto: Müslüm Bayburs/KF
Altmeister der türkischen Literatur und Weggefährte Günther Grass': 1997 nahm Yaşar Kemal den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Die Laudatio hielt damals Günter Grass. Mit seiner Kritik an der Kurdenpolitik der Bundesregierung löste er eine kontroverse öffentliche Debatte aus - und gewann Kemal als Freund.

Im gleichen Jahr schwor der kurdische Autor nach der Verhaftung eines Schriftstellerkollegen: "Ich werde dem türkischen Staat nie verzeihen." Als die Regierung ihm elf Jahre später mit der Verleihung des höchsten türkischen Kulturpreises entgegenkam, nahm Kemal ihn an, mahnte aber: "Ich will diese Ehrung als Zeichen dafür sehen, dass in der Türkei der Kampf für Frieden und Menschenrechte nicht mehr marginalisiert wird."

Kämpfer für Frieden und Menschenrechte

Ein Kämpfer für Menschenrechte, Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und Frieden blieb Kemal bis zuletzt. Wäre er nicht schon so krank gewesen, hätte er wohl in vorderster Front an den Massenprotesten gegen die türkische Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2013 teilgenommen. Der große, alte Mann der türkischen Literatur schloss keinen Frieden mit dem Staat.

"Dieses Land ist das Land großer Schmerzen und Massaker", betonte Kemal damals und fügte entschlossen hinzu: "Doch es gibt die Mühe der Menschheit, sich des Drecks zu entledigen. Die heiligste Mühe ist es, gegen Feindseligkeit anzutreten und Widerstand für den Frieden zu leisten." Dieses Erbe hinterlässt er nicht nur den Menschen in der Türkei. Yaşar Kemal starb am 28.02.2015 im Alter von vermutlich 91 Jahren.

Sabine Damaschke

© Deutsche Welle 2015

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