Katar und die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2022
Die Grenzen der Liberalisierung

Katar steht als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022 international im Rampenlicht. Auch die innerpolitische Debatte um gesellschaftliche Reformen wird davon beeinflusst. Welche nachhaltigen Fortschritte konnten bislang verzeichnet werden? Von Alainna Liloia

In wenigen Tagen beginnt die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Während des Turniers vom 20. November bis zum 18. Dezember erwartet Gastgeber Katar eine große Zahl von Zuschauern und Touristen. Die westlichen Medien führen im Vorfeld der Veranstaltung vor allem Debatten über queere Besucher, die Behandlung von Arbeitsmigranten und die Regeln für Alkoholkonsum. Gleichzeitig experimentieren führende Politiker in der gesamten Golfregion mit Initiativen zur gesellschaftlichen und wirtschaftlicher Liberalisierung. Vor diesem Hintergrund ist die bevorstehende WM und der daraus resultierende internationale Druck ein Lackmustest für Reformen und gesellschaftlichen Wandel in Katar.

Als Staat setzt Katar seit jeher auf die Wahrung einer islamischen nationalen Identität und sieht in der konservativen Gesellschaftspolitik das Symbol für ein Bekenntnis zum Islam. Gleichzeitig vertritt der Staat zunehmend eine gemäßigte Islamauslegung, die eine Liberalisierung erleichtert. Offiziell gilt, dass ein Bekenntnis zum Islam einen gesellschaftlichen Wandel und eine Modernisierung nicht ausschließen muss.

Das bevorstehende Turnier zeigt, wie viel Wandel Katar toleriert. Westliche Menschenrechtsgruppen äußerten heftige Kritik an der Behandlung von Arbeitsmigranten auf den Baustellen für die WM-Stadien sowie an den Gesetzen des Landes zur Strafbarkeit von Homosexualität. Logistische Fragen zum Alkoholkonsum während der Spiele haben zudem öffentliche Debatten ausgelöst. Katar sah sich dazu veranlasst, Unterkünfte vorzusehen, in denen Besucher in ausgewiesenen Bereichen Alkohol konsumieren dürfen.

Der Turnier-Geschäftsführer der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar, Nasser al-Khater (Foto: AA/picture-alliance)
„Ein sicheres und tolerantes Land für alle.“ WM-Organisationschef Nasser Al Khater sagte mit Blick auf die „Kritik“ an seinem Land: Wenn das Turnier ein Katalysator für Veränderungen ist, sind wir alle dafür." Jüngst bekräftigte Al Khater diese Haltung, als er auf Fans angesprochen wurde, die die Regenbogenflagge zeigten: „Jeder ist hier willkommen... Wir bitten die Menschen lediglich darum, unsere Kultur zu achten.“

Emirat auf schmalem Grat

Wie Katar auf Kritik reagiert, zeigen auch  die Bemühungen des Emirats um einen Ausgleich zwischen dem konservativen Druck und dem Bemühen, Soft Power aufzubauen und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. So unternimmt die Regierung seit 2017 Anstrengungen, das System der Arbeitsmigration zu reformieren. 2020 wurden unter anderem ein gesetzlicher Mindestlohn für Arbeitsmigranten festgelegt und die Pflicht abgeschafft, bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes die Einwilligung des Arbeitgebers einzuholen.

Mittlerweile reagieren auch katarische Offizielle auf Sorgen um die Sicherheit queerer Fans und Sportler bei dem Turnier. Nachdem ein offen homosexueller australischer Fußballspieler Bedenken wegen seiner Teilnahme geäußert hatte, bezeichnete der WM-Organisationschef Nasser Al Khater sein Land als tolerant und sicher für alle.

Mit Blick auf die „Kritik“, der sein Land ausgesetzt ist, sagte er: „Wenn das Turnier ein Katalysator für Veränderungen ist, sind wir alle dafür.“ Jüngst bekräftigte Al Khater diese Haltung, als er auf Fans angesprochen wurde, die die Regenbogenflagge zeigen: „Jeder ist hier willkommen. Wir bitten die Menschen lediglich darum, unsere Kultur zu achten.“

Westliche Medien kritisierten die Reaktion Katars zwar als ausweichend, aber dass katarische Offizielle LGBTQ+-Themen offen ansprechen, ist ein Novum und zeigt, dass man die WM als diplomatische Chance nutzen will. Konservative Kräfte, die die Reformen ablehnen, lassen allerdings den Spielraum schrumpfen, den die Führung des Landes bei der Umsetzung von Veränderungen nutzen kann.

So hat beispielsweise eine Bürgerinitiative eine Infografik auf Twitter veröffentlicht, mit der Touristen aufgefordert werden, die katarische Kultur zu achten und von „Alkoholkonsum“, „unsittlichem Verhalten“ und „Homosexualität“ abzusehen.

 

 

Die politische Führung Katars bezeichnete den Beitrag umgehend als Desinformation. Viele gehen jedoch davon aus, dass die Regierung den Beitrag vorher genehmigt hatte. Dessen ungeachtet gibt es in der katarischen Öffentlichkeit eine wachsende Debatte über gesellschaftliche Fragen. Manch einer wünscht sich eine fortschrittlichere Politik. 

Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft hat der internationale Druck noch nicht bewirken können, dass Katar beim gesellschaftlichen Wandel über eine vordergründige Rhetorik und kosmetische Reformen hinausgeht. Im Rampenlicht der WM rückte vielmehr die Aufmerksamkeit auf das Ringen zwischen den konservativen Kräften und der politischen Führung Katars in den Vordergrund, die vornehmlich diplomatische Interessen verfolgt. Ein Ringen, das wahrscheinlich auch nach der Abreise der Fußballfans am 18. Dezember nicht zu Ende sein wird.

Alainna Liloia

© sada | Carnegie Endowment for International Peace 2022

Alainna Liloia ist Wissenschaftlerin und Autorin mit den Schwerpunkten Menschenrechte und Frauenbelange in den Golfstaaten. Sie wurde vor kurzem an der University of Arizona in Tuscon, USA, in Nahost- und Nordafrikastudien promoviert.

 

Lesen Sie auch:

Frankreich, Katar und die Fußballweltmeisterschaft: Das Eigentor von Qatar Airways  

Fußball und die Politik der Golfstaaten: Spielball im Golf-Konflikt

Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar: Viel heiße Luft

Qantara-Dossier: Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022

Die Redaktion empfiehlt