Kaouther Adimis Roman „Dezemberkids“

Aufstand der Nachgeborenen in Algerien

In ihrem jüngsten und dritten Roman erzählt die in Paris lebende algerische Autorin Kaouther Adimi auf fast schon prophetische Weise vom Aufstand einer Handvoll Kinder gegen das verkrustete System in ihrer Heimat. Claudia Kramatschek hat das Buch für Qantara.de gelesen.

Wer je im Februar in Algier war, der weiß: In dieser Jahreszeit versinkt die „weiße Stadt“ nicht nur in Sturzbächen von Regen und Schlamm, die von den höher gelegenen Vierteln hinabfließen und ganz Algier überfluten. In dieser Jahreszeit befällt eine melancholisch-gereizte Endzeitstimmung die Stadt, da ihre Bewohnerinnen und Bewohner einmal mehr auf drastische Weise vor Augen geführt bekommen, wie wenig der Staat sich um ihr Wohlergehen kümmert.

Auch Kaouther Adimi – der Shooting Star der algerischen Literatur, von der die Zeitung Le Figaro schwärmt, sie bringe den „Wind der Freiheit in die Literatur“– siedelt die Ausgangsszene ihres jüngsten Romans „Dezemberkids“ in einem nassen Februar in Algier an. Wir befinden uns im Jahr 2016; die Menschen in der Cité des 11. Dezember – einer kleinen Siedlung in Dely Brahim, einem Vorort westlich von Algier und der Schauplatz des Romans – fluchen angesichts des Regens leise vor sich hin.

Einzig drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, freuen sich: Endlich einmal gehört der Bolzplatz in der Mitte der Cité, deren Grundstücke sämtlich im Besitz von Armee-Angehörigen sind, nicht den älteren Jugendlichen, sondern nur ihnen. Im Tor steht wie immer die elfjährige Ines – sie ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter und die Enkelin einer weit über Algier hinaus bekannten einstigen Unabhängigkeitskämpferin. Und wie immer hält Ines alle Bälle ihrer beiden zehnjährigen Freunde Dschamil und Mahdi. Glücklich und erschöpft gehen die drei am Abend des 2. Februar 2016 nach Hause. Einen Tag später aber steht ganz Algerien Kopf: Zwei Generäle tauchen auf dem Bolzplatz auf, reklamieren ihn als ihr Eigentum – und werden kurzerhand von einer aufgebrachten Truppe Jugendlicher verprügelt und verjagt.

Roman „Dezemberkids“ von Kaouther Adimi. Foto: (Lenos Verlag / Deutschlandradio)
Algerische Revolution gestern und heute: Wie sehr Kaouther Adimi mit ihrem Roman den Nerv der Zeit trifft, beschreibt die Übersetzerin Regina Keil-Sagawe eindrücklich in ihrem Nachwort: „2019 ist das Jahr der weltweiten Klimabewegung Fridays for Future. Ist aber auch das Jahr des friedlichen algerischen Jugendprotests, des Hirak (›Bewegung‹): jener algerischen Variante der Fridays for Future, die sich für politischen Klimawandel starkmacht, für einen radikal demokratischen Neubeginn Algeriens. (…)

Hinter dem märchenhaften Plot steht eine wahre Begebenheit

Im postkolonialen Algerien ist das selbstredend eine Ungeheuerlichkeit. Im Roman ist es der Auftakt zu einem Aufstand gegen das verkrustete System des Landes – und diesen Aufstand wird ausgerechnet die elfjährige Ines anführen. Das klingt erst einmal zu schön, um wahr zu sein. Einem Fußball spielenden Mädchen gelingt im patriarchalen Algerien in kürzester Zeit, wovon die Vätergeneration seit Jahrzehnten vergeblich träumt.

Doch Kaouther Adimi, die 1986 zur Welt kam und selbst in Dely Brahim groß geworden ist, hat ihren Roman auf Grundlage einer realen Begebenheit geschrieben. 2016 ist sie, die seit 2009 in Paris lebt, wieder einmal im Land ihrer Geburt – und stößt auf eine Zeitungsnotiz: Jugendliche hätten sich eine Schlägerei mit ranghohen Offizieren geliefert, die den Fußballplatz der Cité des 11. Dezember kaufen und dort ihre Villen errichten wollten.

Im Roman wiederum liefert sie – ausgehend vom Kampf der Kids um den Bolzplatz, der symbolisch für ganz Algerien und die Frage danach steht, wem dieses Algerien eigentlich gehört – ein so genaues wie facettenreiches Porträt des Landes: Kleptokratie, Korruption, Vetternwirtschaft, die Übermacht des Militärs, die gescheiterten Träume von einem freien und wirklich geeinten Algerien – all das findet, verpackt in kleine Episoden und Seitenstränge, beiläufig Platz in diesem Roman.

Anschreiben gegen Vergessen und Verschweigen

Aufgrund der Beiläufigkeit, mit der Adimi nicht zuletzt an diesen Wurzeln des algerischen Übels rührt, könnte man Gefahr laufen, „Dezemberkids“ als oberflächlich oder gar gefällig abzutun. Doch unter seiner eingängigen Oberfläche brodelt der Roman. Denn wie nebenbei rollt Adimi im Spiegel ihrer Figuren auch noch einmal die lange, blutige und opferreiche Geschichte Algeriens seit der Unabhängigkeit auf.

Algerien: Proteste gegen die Regierung. Foto Reuters/R.Boudna
Bruch zwischen den Generationen in Algerien: Die preisgekrönte algerisch-französische Jungautorin Kaouther Adimi schreibt über die lähmende Angst, die das Land jahrzehntelang traumatisiert hat und einen „Arabischen Frühling“ in Algerien lange undenkbar machte – sowie über die Generation der Väter, die erst zu jung waren für den Kampf um die Unabhängigkeit und sich dann resigniert mit dem System arrangiert haben.

Sie tut das ebenfalls mit Leichtigkeit. Es ist die Leichtigkeit – und der Scharfsinn – einer Nachgeborenen, die aus der zeitlichen sowie räumlichen Distanz heraus kritisch und ohne Rücksicht auf ideologische Verbindlichkeiten noch auf jene, die einst die Unabhängigkeit des Landes erkämpft haben, Rückschau halten kann. Sie mahnt ihr Land dabei, die eigene Geschichte weder zu idealisieren – wie lange geschehen – noch sie zu vergessen, wie es unter Präsident Bouteflika an der Tagesordnung war, der eine ungeschönte Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit noch 2017 erneut zum Tabu erklärt hat.

Adimi spricht deshalb in ihrem Roman bewusst über die Rolle von und mit den Stimmen der Frauen, die einst, wie im Roman etwa Ines‘ Großmutter Adila, für die Freiheit des Landes kämpften – und die anschließend, wie Ines‘ Mutter, selbst durch einen immer rigider werdenden islamischen Sozialkodex von den Befreiern unterdrückt wurden, der sie den Männern unterwarf.

Adimi schreibt über die lähmende Angst, die das Land jahrzehntelang traumatisiert hat und einen „Arabischen Frühling“ in Algerien lange undenkbar machte – sowie über die Generation der Väter, die erst zu jung waren für den Kampf um die Unabhängigkeit und sich dann resigniert mit dem System arrangiert haben. Und nicht zuletzt schreibt sie über die Rolle der sozialen Medien, die den jahrzehntelang praktizierten Filz von Unrecht und Verschweigen allmählich auch in Algerien unmöglich machen.

Dokument eines Bruchs zwischen den Generationen

„Dezemberkids“, fabelhaft übersetzt und mit einem instruktiven Nachwort versehen von Regina Keil-Sagawe, ist insofern auch das so hoffnungsvolle wie wagemutige Dokument eines Bruchs zwischen den Generationen. Denn die elfjährige Ines steht nicht nur für das Aufbegehren der algerischen Frauen. Sie steht für alle, die nun – wie im Fall der „Hirak-Bewegung“ – in Algerien sagen, „es reicht“. Und die einen veritablen Wandel wollen, der zudem nicht mehr mit Gewalt, sondern mit friedlichen Mitteln erwirkt werden soll.

Ihnen verleiht „Dezemberkids“ rückwirkend eine Stimme. Rückwirkend: Denn als die „Hirak“-Bewegung anfing, im Februar 2019 auf die Straße zu gehen, hatte Kaouther Adimi ihren Roman mehr oder weniger bereits zu Ende geschrieben. Das beweist umso mehr: Die Autorin ist nah am Puls des Lebens in Algerien. Und dort ist der Wandel – auch wenn die Covid19-Pandemie den Drive des „Hirak“ erst einmal ausgebremst hat – unübersehbar und mit Händen zu greifen.

Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2021

Kaouther Adimi: Dezemberkids. Roman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Regina Keil-Sagawe. Lenos Verlag, Zürich 2020, 256 Seiten.

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