Schirin Amir-Moazami ist Professorin am Institut für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin
Islam in Deutschland

"Demokratie und Menschenrechte sind leere Worthülsen"

Was sind unsere Werte und wie können wir sie Geflüchteten vermitteln? Die Islamwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami im Interview mit Markus Mayr.

Frau Amir-Moazami, bisher gab es widersprüchliche Aussagen dazu, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Was denken Sie?

Schirin Amir-Moazami: Ich denke, dass die Frage falsch ist. Die Frage, ob der Islam nun zu Deutschland gehört oder nicht, katapultiert den Islam von Vornherein als Fremdkörper hinaus. Selbst wenn wir wohlwollend argumentieren und sagen, der Islam gehöre zu Deutschland - ein solches Willkommensbekenntnis im Gestus der Gastfreundschaft knüpft an tradierte Vorstellungen von Eingewanderten als Gästen an, die willkommen geheißen und zugleich in die legitimen Schranken der Gastfreundschaft verwiesen werden. Zudem wissen wir ja gar nicht, was bei dieser Frage mit dem "Islam" gemeint ist. Deshalb ist die Frage an sich schon ein bisschen schief.

Akzeptiert. Dann gehen wir einen Schritt weiter. Führende AfD-Kader erklären immer wieder, dass der "Islam in einem Spannungsverhältnis mit der freiheitlich-demokratischen Werteordnung" stehe, quasi im Clinch mit der vielfach beschworenen "Leitkultur" liege. Ist das so? Gibt es Lesarten dieser Religion, wonach es zu Konflikten mit dem Grundgesetz kommen könnte?

Schirin Amir-Moazami: Auch da haben wir ein Definitionsproblem. Diese Werte und Normen des Grundgesetzes stehen nicht ein für allemal fest. Sie sind wandelbar und es wird heftig über sie gestritten, immer schon. Wenn wir "Biodeutsche" wie die AfD-Angehörigen fragen würden, was sie sich genauer unter ihrer beschworenen Leitkultur vorstellen, kämen sie selbst zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Gesetzt den Fall, der Definition sei Genüge getan. Gibt es Menschen, die grundlegend diese Werteordnung nicht akzeptieren?

Schirin Amir-Moazami: Ja, da gibt es viele. Darunter finden sich rechtsextreme Bewegungen genauso wie islamistische. Das sind Bewegungen aus ganz unterschiedlichen Lagern, die nicht unbedingt dem Islam zugeordnet sind. Der einseitige Fokus auf Muslime hat meiner Meinung nach vor allem die Funktion, Vielfalt auszuklammern - eben auch die Vielfalt von radikalisierenden Mechanismen. Ich bin auf jeden Fall skeptisch, wenn diese Werteordnung als einheitlich und unbeweglich beschworen wird.

Lassen Sie uns diese Werteordnung so deuten, wie sie Ihr Fachkollege Bassam Tibi definiert hat. Er hat eben diese "Leitkultur" definiert durch Demokratie, Menschenrechte und Laizismus. Reicht das aus?

Schirin Amir-Moazami: Eher nicht. Diese Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte, das sind leere Signifikanten - Worthülsen, wenn man so will. Die muss man füllen, und zwar im Austausch mit ganz unterschiedlichen Akteuren einer Gesellschaft, eingeschlossen Muslimen. Wenn man diese Worthülsen aber füllt, merkt man auch, dass unterschiedliche Menschen sie ganz unterschiedlich füllen.

Und was Bassam Tibis Laizismus angeht - ein ganz wichtiges Element bei ihm -, den finde ich hochgradig problematisch. Wenn wir uns das Beispiel Frankreich angucken, dann weiß ich nicht, ob das das Modell ist, das wir hier in Deutschland auch annehmen sollten. Die Religionsneutralität des Staates hat ja in der Praxis dort nie funktioniert.

Bundespräsident Joachim Gauck
Konflikte sind kein Zeichen für gescheiterte Integration: "Ganz im Gegenteil, Gesellschaften erneuern sich im konstruktiven Streit und sie sind umso friedlicher, je offener über Probleme gesprochen wird.“ Eine Einwanderungsgesellschaft sei deshalb immer auch eine Aushandlungsgesellschaft. Dieses Feld dürfe nicht den "Populisten und Rassisten" überlassen werden, sagte der Bundespräsident.

Das sagten sie bereits in einem früheren Interview. Dass die Politik in diesem Modell, obwohl der Staat frei von Religion sein soll, diese immer zugleich reguliert. Die AfD fordert jetzt etwas ganz Ähnliches: das Verbot von Vollverschleierung und die Schließung von Koranschulen. Seit Jahren beschäftigen Sie sich damit. Wollen Sie diesen Vorstoß überhaupt noch bewerten?

Schirin Amir-Moazami: Bewerten kann ich diesen Vorstoß so: Er ist alarmierend und stigmatisiert eine komplette Bevölkerungsgruppe. Diese Forderung ist nicht nur islamfeindlich, sie ist offenkundig rassistisch. Man muss aber auch sagen: Die AfD ist nicht die einzige Partei, die dafür eingetreten ist, islamische Symbole aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Die CDU hat auch schon verschiedene Vorstöße dazu gemacht.

Aber die AfD ist sozusagen gerade die öffentliche Fratze. Aber zugleich wissen wir auch, dass ziemlich viele Leute in diesem Land insgeheim oder auch recht offenkundig in etwas abgemilderter Form durchaus ähnliche Aversionen teilen. Das ist das Beängstigende daran.

Die Bösen sind die, die ihre Religion offen leben

Die "öffentliche Fratze" ist mit ihren Gedanken schon in weite Teile der Gesellschaft vorgedrungen. Echte Ausgrenzung von Anderen passiert oder ist nicht mehr weit. Aus verschiedenen Ecken wird gewarnt, dass Parallelgesellschaften entstehen, sollte die Integration scheitern. Wie sehen Sie das?

Schirin Amir-Moazami: Der Begriff Parallelgesellschaft ist zu Recht mehrfach hinterfragt worden. Weil er davon ausgeht, dass es ein einheitliches unmarkiertes Ganzes gibt und daneben markierte Andere. Das an sich finde ich schon problematisch. Denn wenn wir genauer hingucken, ist unsere Gesellschaft voller unterschiedlicher Parallelgesellschaften, die nicht nur von Menschen muslimischen Hintergrunds gebildet werden. Parallelgesellschaft wird hierzulande aber immer sofort mit kultureller, religiöser oder ethnischer Andersartigkeit assoziiert.

Die Bundesregierung hat sich unlängst auf ein Integrationsgesetz geeinigt, das demnächst verabschiedet werden soll. Läuft das eher darauf hinaus, dass von den Ankommenden Assimilation statt Integration gefordert wird?

Schirin Amir-Moazami: Das Gesetz hat zwei Seiten. Einerseits zeigt es den guten Willen der Regierung, den Neuankömmlingen - und ich rede hier jetzt nicht von Muslimen sondern von Geflüchteten allgemein - hier einen Raum zu bieten, sie dauerhaft aufzunehmen. Das scheint gerade in diesem Moment ein wichtiges Signal zu sein.

Andererseits hatte die Integrationspolitik der Regierung in den letzten Jahren immer zwei Gesichter. Der Assimilationsgedanke steckte da immer auch drin, selbst wenn das nicht der offizielle Begriff ist. Zum Beispiel ist in diesem neuen Gesetz erneut von der "Leitkultur" die Rede. Ich würde von den Leuten, die immer noch von der "Leitkultur" sprechen, sehr gerne wissen, welche Kultur sie rehabilitieren wollen - angesichts aufgeweichter Grenzen, globaler Migration und interkultureller Verflechtungen.

Deutschland, Tag der offenen Moschee, im Gebetsraum der Merkez-Moschee in Duisburg (Foto: Monika Skolimowska/dpa)
Verteidigung der Offenen Gesellschaft: „Trotz des aufgeheizten Klimas, in dem wir hier gerade leben, sehe ich auch Signale der Hoffnung. Ich glaube, es gibt hier eine Vielzahl von Menschen, die diesem vergifteten und vergiftenden Klima entgegenwirken, indem sie sich dazu äußern und das dann eben auch diskreditieren“, meint Professorin Schirin Amir-Moazami.

Ihr Fachkollege Bassam Tibi spricht auch von der Leitkultur und dem sogenannten "Euro-Islam", der an sie angepasst sein soll und eine säkularisierte Form des Islam sein soll.

Schirin Amir-Moazami: Es gibt unterschiedliche Versionen vom Euro-Islam. Bassam Tibi war nur der wortstärkste und willkommenste, der dieses Konzept genau so propagiert hat, wie Sie es gerade formuliert haben. Er war demnach auch ziemlich scharf in seiner Einteilung in gute und schlechte Muslime. Die sogenannten "aufgeklärten" Muslime, wie er zum Beispiel - und er hat sich immer gerne selbst gern so genannt - fallen in das Register der guten Muslime; und die, die sich organisieren, die ihre Religiosität nach außen tragen, das sind die Bösen.

Dieses Schema geht aber völlig an der Realität vorbei. Der Islam ist schon seit langer Zeit sichtbar. Muslime sind hier sichtbar. Ihre Religiosität kann sich nicht privatisieren und verschwinden. Es ist paradox zu sagen: Sprecht als Muslime, aber werdet unsichtbar oder werdet so, wie wir gern wären. Genau das aber steckt in Tibis Konzept des Euro-Islam.

Daneben gibt es aber auch Visionen von anderen islamischen Denkern, die das Verhältnis von Europa und Islam sehr viel verflochtener betrachten, sehr viel dynamischer und interaktiver. Ein Beispiel ist Tariq Ramadan, der aber von politischen Autoritäten in Europa weitaus weniger hofiert wird, weil er sich auch an islamischen Diskurstraditionen orientiert.

Wie schätzen Sie es ein: Wird die Integration von Hunderttausenden Muslimen in Deutschland funktionieren?

Schirin Amir-Moazami: Falls Sie jetzt die Geflüchteten meinen, so sollten wir an dieser Stelle vielleicht nicht zu allererst auf Religion gucken und die Flüchtlingsfrage erneut zu einer muslimischen Frage machen. Da läuft jetzt schon wieder einiges falsch.

Ich denke, wir sollten jetzt erstmal gucken, wie diese Leute sich hier eine Existenz aufbauen können. Vorerst geht es gar nicht um die Frage, ob das Muslime sind oder welche Form von Islam sie leben. Diese Fragen lassen sich jetzt noch gar nicht wirklich klären. Dafür wissen wir noch nicht genau, wer überhaupt alles hier bleiben wird und will.

Wird die AfD mit ihrem Anti-Islam-Kurs Erfolg haben?

Schirin Amir-Moazami: Trotz des aufgeheizten Klimas, in dem wir hier gerade leben, sehe ich auch Signale der Hoffnung. Ich glaube, es gibt hier eine Vielzahl von Menschen, die diesem vergifteten und vergiftenden Klima entgegenwirken, indem sie sich dazu äußern und das dann eben auch diskreditieren.

Das lässt hoffen. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Amir-Moazami.

Interview von Markus Mayr

© Süddeutsche Zeitung 2016

Schirin Amir-Moazami ist Professorin am Institut für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin. Sie forscht unter anderem zu Religionspolitiken und der islamischen Bewegung in Europa

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Leserkommentare zum Artikel: "Demokratie und Menschenrechte sind leere Worthülsen"

Ich sehe das ebenso, dass es gar nicht um die Frage gehen kann, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. In Deutschland leben Muslime und das Grundgesetz garantiert ihnen, ihre Religion frei (innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes) auszuüben. Damit ist doch eigentlich alles gesagt. Die Frage, ob der Islam oder die Muslime zu Deutschland gehören, qualifiziert Muslime zu Fremdkörpern, die erst noch beweisen müssen, dass sie zu Deutschland gehören, selbst wenn sie hier geboren sind und/oder die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Auch der Begriff der "Leitkultur" ist nicht zielführend. Kultur ist etwas, das sich beständig verändert und innerhalb einer Gesellschaft kann es unterschiedliche Kulturen geben. Der Versuch, eine einheitliche Leitkultur zu definieren, die dann für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten soll, kann nur scheitern. Was genau soll denn unsere Leitkultur sein?

Andreas13.05.2016 | 15:27 Uhr