Iranisch-amerikanischer Konflikt

Das lange Duell

Die iranische Bevölkerung wird zur Geisel der Konfrontation zwischen den USA und dem Regime in Teheran. Ob die Kultur des Landes an diesem High Noon ohne Ende wachsen kann, fragt sich Stefan Buchen in seinem Essay.

Diese Form der Kontinuität findet man selten. Es gibt einen antiken, einen mittelalterlichen und einen modernen Iran. Obwohl sich die iranische Geschichte über mehr als 5.000 Jahre erstreckt, leitet die heute dort lebende Gesellschaft ihre Kultur von den Anfängen her. Auf eine Art ist der Iran seit den Ursprüngen der Zivilisation immer derselbe geblieben.

Der Gedanke mag zwar dogmatische Anti-Essentialisten auf die Palme bringen. Aber der bewährteste zeitgenössische iranische Historiker und Soziologe, Homa Katouzian, schafft es, die Idee schon im kurzen Titel seines 2010 erschienenen englischsprachigen Buchs auf den Punkt zu bringen: "The Persians: ancient, medieval and modern Iran". Mit anderen Worten: irgendwie sind die Perser über die Jahrtausende immer Perser geblieben.

Das ist umso erstaunlicher, als das Land mehrere gewaltige Invasionen und rücksichtslose Übergriffe fremder Mächte über sich hat ergehen lassen müssen. Alexanders Griechen, die gerade muslimisch gewordenen Araber, die türkischen Seldschuken, die Mongolen unter Tamerlan (Teymur Lang), der britische und der russische Imperialismus, um die historisch wichtigsten zu nennen.

Jeder Übergriff hat seine Spuren hinterlassen, Land und Gesellschaft verändert. Aber so epochemachend die Einmärsche auch waren, es gab immer eine Gegenbewegung, eine Selbstbehauptung der Landesbewohner. Die bekannteste und historisch wohl bedeutsamste ist der Erhalt der persischen Sprache nach dem arabisch-islamischen Eroberungsfeldzug. Die neue herrschende Schicht des Landes wurde zwar muslimisch und führte für den religiösen Ritus das Arabisch des Koran ein, aber die Sprache des Landes blieb persisch, geschrieben nun mit arabischen Buchstaben. Der Schah-Nameh, das Buch der Könige, die Legendensammlung von Ferdousi, steht nicht nur für diese kulturelle Selbstbehauptung, er hat sie überhaupt erst vollbracht.

Spirale der zyklischen Eskalation

Was ist heute anders? Die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten von Amerika, die seit 70 Jahren dauert und seit dem mutwilligen Sturz des Ministerpräsidenten Mohammad Mosaddegh durch die CIA im August 1953 eine Spirale der zyklischen Eskalation durchläuft, folgt einem neuen Muster und zeitigt Folgen einer neuen Kategorie.

Zu einem offenen amerikanischen Einmarsch ist es bislang nicht gekommen. 1953 schickte Washington Spione, 1980 schickte man, nach dem erfolgreichen Volksaufstand gegen den pro-amerikanischen Schah, Saddam Husein vor und im Sommer 2003 schreckte George W. Bush vor einem Durchmarsch von Bagdad nach Teheran zurück. Er hätte ein durchgehend amerikanisch besetztes Gebiet vom Irak bis Afghanistan geschaffen. Stattdessen begannen die USA einen Wirtschaftskrieg, eine Blockade, die Iran vom normalen Außenhandel abschneidet. Auf dem Weg zur Arbeit starben immer mal wieder iranische Nuklearforscher, eine amerikanisch-israelische Schadsoftware ließ hunderte Zentrifugen zur Urananreicherung buchstäblich durchdrehen, und Anfang Januar starb Qassem Soleimani.

Wie verhält sich der Iran in dieser Konfrontation? Von einem kollektiven, mehr oder weniger einheitlichen Verhalten kann man nur in Bezug auf die Erinnerung an Mosaddegh, die Revolution von 1979 und die Bereitschaft zum Krieg gegen die kurz danach im Südwesten einmarschierten irakischen Truppen sprechen. Bald entfremdeten sich dann große Teile der Gesellschaft von der neuen, islamisch-theologisch legitimierten Staatsführung. Viele Menschen fühlten sich von der nun herrschenden schiitischen Geistlichkeit nicht repräsentiert, vor allem nicht im kulturellen Sinn.

Die Mullahs und Ayatollahs gehörten zwar seit Jahrhunderten zur iranischen Kultur und ihre gesellschaftliche Rolle war weithin akzeptiert, aber dass sie nun politisch herrschen sollten, und das auch noch uneingeschränkt, das erschien einer Mehrheit zunehmend absurd, weil unzeitgemäß.

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