Interview mit der muslimischen Schriftstellerin Sadia Dehlvi

Kampf um die Seele Indiens

Modis neues Staatsbürgerschaftsgesetz gewährt Angehörigen verfolgter Minderheiten aus Nachbarstaaten die indische Staatsbürgerschaft, Muslimen jedoch nicht. Dagegen entstand eine landesweite Protestwelle. Darüber hat sich Marian Brehmer mit Sadia Dehlvi unterhalten.

Frau Dehlvi, die aktuellen Proteste wurden international aufmerksam verfolgt. Ihre Familie ist seit Jahrhunderten Teil des sozialen Gefüges in Delhi. Wie haben Sie die Atmosphäre in Ihrem Umfeld in den letzten Tagen und Wochen erlebt?

Sadia Dehlvi: Ich stamme aus einem liberalen und säkular eingestellten muslimischen Umfeld. Meine Freunde und ich unterstützen die Proteste. Obgleich unsere Familien hier seit vielen Generationen wohl etabliert sind, fühlen wir uns im heutigen Indien langsam an den Rand gedrängt und dazu genötigt, Bürger zweiter Klasse zu werden.

Wieso demonstrieren jetzt so viele Menschen gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz?

Dehlvi: Dieses diskriminierende Gesetz ist dazu gemacht, weite Teile der muslimischen Bevölkerung zu entrechten. Es wird vielen von ihnen erschweren, ihre Staatsangehörigkeit nachweisen zu können. Dabei müssen Sie wissen, dass weite Teile der indischen Bevölkerung ohne Papiere leben. Wie sollen diese Menschen denn ihre Staatsangehörigkeit nachweisen? Wo sollen sie hin und was sollen sie tun, wenn die Regierung sich dazu entscheiden sollte, sie ins Visier zu nehmen? Das Gesetz wurde bereits verabschiedet. Die Menschen sind wütend, denn die Regierung geht die wirklichen Probleme der indischen Bevölkerung nicht an, nämlich die schwache Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit. Um davon abzulenken, bedient sich die politische Führung einer spalterischen Politik. Doch die Bevölkerung will sich nicht auf der Grundlage ihrer Religion spalten lassen.

Was hat Sie bei diesen Protesten überrascht?

Dehlvi: Noch nie zuvor habe ich so große und spontane Proteste erlebt. Sie finden in vielen Städten überall im Land statt. Die Menschen sind wie aufgeschreckt, denn sie haben erkannt, dass dieser Schritt der Regierung zu weit geht. Obwohl Delhi zurzeit von einem besonders kalten Winter heimgesucht wird, gehen - der Kälte zum Trotz - dennoch Demonstranten zu Tausenden auf die Straße. Zudem viele Frauen an der Spitze der Proteste, selbst auf dem Campus der Jamia Millia Universität [einer traditionellen islamischen Hochschule], wo die Polizeigewalt zuletzt eskalierte.

Zum ersten Mal seit Modis Machtantritt haben die Muslime gesagt: "Genug ist genug!" Das Wunderbare daran ist, dass sich Menschen aller Religionen den Muslimen angeschlossen haben. Die Proteste sind daher mehr als nur eine rein muslimische Angelegenheit, weil die Leute begriffen haben, dass uns dieses Gesetz in eine faschistische Richtung führt.

Wie geht die Regierung mit diesem plötzlichen und anhaltenden Widerstand um?

Dehlvi: Man kann sagen, dass sie überrascht wurde. Solch Stärke und Resilienz hatte man von den Studenten nicht erwartet. Diese Regierung schien ja bislang mit allem davonzukommen: Die Entmonetarisierung [Außerkurssetzung], die Lynchmorde an Muslimen durch extremistische BJP-Unterstützer, die Abriegelung der Kaschmir-Provinz. Die Menschen hatten das hingenommen. Es gab zwar auch zuvor Proteste, aber nichts im Vergleich zu dem, was wir jetzt beobachten. Vielleicht dachten die BJP-Politiker, dass man ihnen auch dieses neue Gesetz durchgehen lassen würde. Doch inzwischen verstehen selbst Durchschnittsbürger, dass solch eine Ausgrenzung von Muslimen ein ganz und gar entzweiender Impuls darstellt. Es ist so, als ob sich nun das wahre Gesicht der BJP-Regierung offenbart. Daher macht das Volk von seinem legitimen Demonstrationsrecht Gebrauch. Ihnen dies nicht zu gestatten, wäre undemokratisch.

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