Interview mit dem Dichter SAID

"Ich habe meine Religiosität vor der Islamischen Republik verteidigt"

Seit 1965 lebt der iranische Dichter SAID im deutschen Exil. Er hat in der deutschen Sprache eine neue Heimat gefunden. In seinem neuem Essay-Band verstrickt SAID Morgenland und Abendland in ein Gespräch über gemeinsame kulturelle Wurzeln. Mit ihm hat sich Eren Güvercin unterhalten.

​​Sie sind in Iran aufgewachsen und mussten später flüchten. Ihre Biographie ist eine Verstrickung vom Morgenland und Abendland. Was halten Sie von der heute vorherrschenden "reinen" Trennung zwischen Orient und Okzident – gestützt auf die kulturwissenschaftliche These des Kampfs der Kulturen?

SAID; Foto: Stefan Weidner
Ein erklärter Gegner der Islamischen Republik der Mullahs: Der iranische Dichter SAID.

SAID: Ich finde diese Trennung tödlich. Aber ich bin auch überzeugt, dass sie nicht auf den 'Kampf der Kulturen' zurückzuführen ist. Das ist ja ein Slogan, der erst vor ein paar Jahren Mode geworden ist. Ich denke eher, dass es auf die Arroganz der Europäer und die Ignoranz der Orientalen zurückzuführen ist. Die Europäer glauben, dass alles ihnen gehört und alles von Europa aus bestimmt werden muss. Im Orient dagegen glaubt man oft, die Europäer sind dumm und denken nur an Geld, wir aber haben die Mystik und die schönen Werte. Beides ist natürlich falsch. Goethe hat ja bereits gezeigt, dass es anders geht.

Sie schreiben in Ihrem Essayband Das Niemandsland ist unseres, dass Sie dank ihrer Kindheit eine freie Haltung zu Religionen haben. Sind Sie ein religiöser Mensch, oder haben Sie aufgrund Ihrer Erlebnisse im Iran eine Distanz zur Religion?

SAID: Im Iran hat 1979 eine Religion direkt die Macht ergriffen. Ich sage immer über mich, dass ich meine Religiosität verteidigt und bewahrt habe gegen die Islamische Republik, was nicht leicht war. Ich gebe mich dafür nicht her – ich als erklärter Gegner dieser Republik – gegen den Islam ins Feld zu ziehen oder gegen das Christentum. Das ist nicht meine Sache. Das, was jetzt geschehen ist, gepaart mit dem Terrorismus, der vom Iran aus finanziert und unterstützt wird, ist eine politische Angelegenheit. Wir müssen die politische Variante bekämpfen. Während im Libanon die Hizbullah auf diese Art und Weise wütet, haben wir in direkter Nachbarschaft Jordanien, wo eine liberale Regierung an der Macht ist und gute Beziehungen zu Israel unterhält. Das kann also nicht mit dem Islam zu tun haben, sondern mit der Struktur der Gesellschaft. Und diesen Fehler begehen einige Europäer, indem sie den Islam verurteilen. Ein fataler Fehler!

Ayatollah Chomeini in Mehrabad; Quelle: Wikipedia
"Ich sage immer über mich, dass ich meine Religiosität verteidigt und bewahrt habe gegen die Islamische Republik", so SAID.

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Das Problem ist also, dass zwischen Islamismus als moderne politische Ideologie und der Religion Islam nicht differenziert wird?

SAID: Ich mag den Begriff "Islamismus" nicht. Aber der islamische Terrorismus ist aus nationalistischen Gründen geboren, nämlich nach dem Krieg von 1967. Die arabischen Armeen haben in diesem Krieg total versagt. Nasser hatte jahrelang gepredigt "Wir werden siegen!", und dann haben die Menschen gesehen, wie diese Politiker versagt haben und dass sie nichts taugen. In der Geschichte ist es sehr oft vorgekommen, dass sich die Menschen – wenn sie keine anderen Möglichkeiten haben – zurück zur Religion wenden; das ist eine ganz normale Entwicklung. Die Ursachen müssen wir in den Nationalstaaten und in den Nationalregierungen sehen, nicht in der Religion selbst, denn jede Religion – das gilt sowohl für den Islam als auch das Christentum – lebt von Interpretationen.

Sie sagen, dass Sie ihre Religiosität vor der Islamischen Republik bewahrt haben. Was hat die so genannte "Islamische Revolution" im Iran, die sich auf Gott beruft, für Auswirkungen auf den Glauben der Menschen dort gehabt?

SAID: Die Islamische Revolution hat der Mehrheit der iranischen Bevölkerung den islamischen Glauben ausgetrieben. Nirgends in der islamischen Welt sind die Moscheen so leer wie im Iran. Die Menschen sind müde und geben sich für anti-islamische Haltung her. Das ist eine große Gefahr. Denn gerade im Iran ist nach der Islamischen Revolution die Stunde des iranischen Nationalismus gekommen, was verheerend ist. Noch nie hat die iranische Geschichte diese Art von aggressivem, arrogantem Nationalismus gekannt. Dies geschieht aus Trotz gegen den Islam, allerdings sollte es sich gegen die Islamische Republik richten. Ich glaube, dass die Islamische Republik den Islam sehr geschwächt hat, nicht nur im Iran.

In Ihrem neuen Buch haben Sie dem persischen Dichter Hafis ein Kapitel gewidmet. Zwischen den Dichtern Goethe und Hafis gab es eine besondere Beziehung, wie man im "West-Östlicher Diwan" Goethes sehen kann. Was für ein Stellenwert hat für Sie Hafis?


Divan von Hafiz 1585; Quelle: Wikipedia
Die Begeisterung SAIDs für den persischen Dichter Hafiz ist fast grenzenlos: "Er ist ein Prophet", sagt SAID.

​​SAID: Er ist der Prophet. Ein Beispiel: Als die Islamische Revolution ausbrach, haben die Intellektuellen unter den Mullahs Hafis als Weintrinker angegriffen. Dann brach der Krieg aus, und Irak überfiel den Iran. Die Wochenzeitung hatte der Revolutionsgardisten hatte ein Motto. Das Motto war von Hafis. Sie konnten an diesen Mann nicht vorbei. Diese Regierung hat alles getan, um Hafis zu besiegen. Es ist ihnen aber nicht gelungen. Hafis ist eine mystische Größe. Die Menschen brauchen einen Halt und Hafis ist heute ein Halt für die Leute. Es existieren Hunderte Ausgaben von seinem Diwan. Selbst der Führer der Revolution rühmt sich heute damit, dass er ein sehr guter Hafiskenner sei. Das ist derselbe Hafis, den sie abschaffen wollten.

Kommt dem "West-Östlichen Diwan" heute eine besondere Bedeutung zu, in Zeiten, wo Ideologen auf beiden Seiten im Anderen ein Feindbild sehen?

SAID: Ich glaube kaum, dass die islamische Welt im Augenblick davon Notiz nimmt. Kulturell haben die Herrschaften, die an der Macht sind, großen Schaden zugefügt. Die Zahl der Bücher und die Höhe Auflagen sinken rapide. Ich glaube, die große Masse im Iran beschäftigt sich wenig damit. Man beschäftigt sich mit großer Bewunderung mit den europäischen technischen Errungenschaften. Wie konnte Hafis, der sein Heimatdorf Schiras nie verließ, Menschen in der ganzen Welt mit seinen Versen verzaubern?

SAID: Das ist die Kraft der Mystik. Bekanntlich sagt Hafis, er heiße Hafis, weil er den Koran auswendig könne. Seine Ausgangsposition war also der Koran. Er sagt in einem Gedicht, wenn du wie ich 13 Versionen vom Koran auswendig kennst, dann schreist du vor Liebe. Er endet also ausgehend vom Koran bei der Liebe. Das ist heute fatal im Iran, weil niemand den Koran so interpretiert. Die, die es tun, sitzen im Gefängnis. Die iranischen Gefängnisse sind im Augenblick voll von Religiösen, nicht von Linken oder Liberalen. Sie werden verhaftet, weil sie von ihrer Koraninterpretation ausgehend gegen diese Regierung vorgehen. Das ist der Anfang von Ende dieses Regimes. Das kann sehr lange dauern, ich bin nicht blauäugig, aber zum ersten Mal kommen Mullahs auf die Demonstrationen gegen die Regierung. Das ist ein Unikum.

Sie sagen von sich, dass sie kein religiöser Mensch sind, aber Wert auf Religion legen. Braucht der Mensch Religionen, um seine Demut nicht zu verlieren?

SAID: Was der Mensch braucht, weiß ich nicht. Ich bin kein Prophet. Ich übe keine Religion aus und habe auch nie eine ausgeübt. Ich habe meine Religiosität mit Mühe und Not gegen die Barbaren gerettet, die im Namen eines Gottes regieren. Aber ich glaube, dass der Mensch etwas in diese Richtung braucht. Man kann es Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber "religiösen Musikalität" nennen. Ein Schwingen, etwas was in uns ist, und auf etwas anderes zielt. Ein Hauptproblem Europas ist das Fehlen dieser Demut. Ich war den Tränen nahe, als der amerikanische Präsident, von dem man sagt, er sei der stärkste Mann, mit den Worten begonnen hat, "mit großer Demut stehe ich hier vor den Problemen". Demut ist ja nicht Unterwürfigkeit, es ist etwas ganz anderes.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2010

1965 kam SAID siebzehnjährig als Student nach München. Nach dem Sturz des Schahs 1979 ging er kurzzeitig in den Iran. Die dort durch die Mullahs neu begründete Theokratie aber veranlasste ihn, wieder in das deutsche Exil zurückzukehren. Mehrfach wurde er für sein schriftstellerisches Werk, aber auch für sein Engagement für politisch Verfolgte ausgezeichnet. SAID erhielt u.a. den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2002) und die Goethe-Medaille (2006), offizieller Orden der Bundesrepublik Deutschland.

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