Gülen-Bewegung

Gülen-Anhänger in Deutschland: Auf der Flucht vor Erdogan

Hayal und ihr Mann gelten in der Türkei als Terroristen - nur weil sie den Idealen des islamischen Predigers Fethullah Gülen folgen. Doch auch in Deutschland sind sie auf der Hut. Von Judith Kubitscheck

Die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 wird Hayal (Namen aus Sicherheitsgründen geändert) nicht vergessen. "Stundenlang saßen wir vor dem Fernseher und konnten nicht glauben, was wir sahen", sagt die 40-Jährige, die aus Izmir stammt. Bei dem gescheiterten Putsch gegen die türkische Regierung waren damals nach offiziellen Angaben mehr als 200 Menschen getötet worden.

Ermittlungsbehörden und staatliche Stellen machten den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger als Drahtzieher für den Putsch verantwortlich. Dadurch veränderte sich auch das Leben von Hayal und ihrer Familie, die in der Gülen-Bewegung aktiv sind: Ihr Mann, der an einer Universitätsklinik arbeitete, verlor nur wenige Wochen später seine Arbeit - so wie viele andere Zehntausende Staatsbedienstete wurde er per Dekret wegen vermeintlicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation seines Dienstes enthoben. Sein Name stand nun auf einer öffentlich zugänglichen Festnahmeliste. "Von einem Tag auf den anderen galten wir als Terroristen", erinnert sich die zweifache Mutter.

Ihr Mann Bahadir tauchte unter - gerade noch rechtzeitig: Wenige Tage später stürmten um zwei Uhr nachts sechs Polizisten das Haus und wollten ihn festnehmen. Hayals Tochter Mariam verfolgte alles mit aufgerissenen Augen. "Das mit den Polizisten bleibt unser Geheimnis", bläute die Mutter ihrer verängstigten Tochter ein, als sie diese am nächsten Morgen in den Kindergarten verabschiedete.

Ein Jahr lang versteckte sich ihr Mann vor den Behörden, wohnte in einer Wohnung, die ein Freund für die Familie gemietet hatte. "Nur einmal im Monat trafen wir uns heimlich", erinnert sich Hayal. Immer mehr litt sie unter der sozialen Isolation: Seit dem Putsch grüßten nur noch wenige Nachbarn sie auf der Straße, weil sie Angst hatten, sie könnten auch mit FTÖ ("Fethullahistische Terrororganisation") in Verbindung gebracht werden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Veranstaltung Ende Mai in Istanbul (Foto: picture-alliance/AA/O. Coban)
Die türkische Führung unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan geht seit Jahren gegen mutmaßliche Anhänger des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen vor. Seine von Ankara als Fetö bezeichnete Organisation steht in der Türkei auf der Terrorliste.

Selbst ihre Schüler, zu denen sie ein herzliches Verhältnis hatte, trauten sich nicht mehr, ihr per Messenger zu schreiben. Als es ihrer krebskranken Schwester dann in dieser Zeit auch noch immer schlechter ging, war das für die sonst so fröhliche und optimistische Frau zu viel: "Immer wieder lief ich alleine durch die Straßen und weinte", erinnert sie sich.

So konnte es nicht weitergehen: Die Familie entschied, auf dem Landweg über den türkisch-griechischen Grenzfluss Evros zu fliehen. "Wir gehen campen", versprachen sie ihrer Tochter und dem kleinen, fast zweijährigen Sohn. Denen gefiel der "Abenteuerausflug" aber nicht: Mitten in der Nacht wurden sie in einem kleinen Schlauchboot über den Fluss gebracht, bevor sie die griechische Polizei im Wald in der Grenzregion aufgabelte.

Da sie davon gehört hatten, dass der lange Arm des türkischen Geheimdienstes auch ins benachbarte Ausland reicht, wollten sie nicht in Griechenland bleiben und flogen mit gefälschten Papieren im September 2017 als Touristen von Rhodos nach Düsseldorf, wo sie ihren Asylantrag stellten.

Nur zwei Wochen später erfährt Hayal von ihrer Mutter am Telefon, dass ihre Schwester an Krebs gestorben ist. Und sie konnte nicht von ihr Abschied nehmen! Tränen steigen in ihre Augen, als sie das erzählt. Wenige Tage später bekommt sie mit, dass die Polizei im elterlichen Haus war, um sie festzunehmen, weil sie als Lehrerin an einer Gülen-Schule gearbeitet hatte. "Gott sei Dank war ich da bereits im Ausland."

Bei anderen ging es nicht so glimpflich ab: Eine damals schwangere Freundin von ihr wurde zu neun Jahren Haft verurteilt und ist nun seit zwei Jahren mit ihrem Baby im Gefängnis. Sie ist kein Einzelfall. Auch heute noch, vier Jahre später, werden Haftbefehle gegen Unterstützer der Gülen-Bewegung ausgestellt und Verdächtige festgenommen, erzählt sie.

Seit mehr als zwei Jahren wohnt die vierköpfige Familie nun in einem Dorf in der Nähe von Stuttgart. Die Eltern lernen fleißig Deutsch, um möglichst bald arbeiten zu können. Doch auch dort ist die Familie auf der Hut: Die örtliche Ditib-Moschee besuchen sie nicht, weil die meisten der Besucher dort Erdogan-Anhänger sind und sie Angst haben, dass diese ihre Namen in der Türkei melden.

Stattdessen besucht die Familie lieber ein Gülen-Zentrum in der Umgebung. "Ich teile Gülens Ideale, weil er Bildung und Hilfsbereitschaft als hohes Gut sieht", erklärt sie. Ihr Mann ergänzt: "Gülen lehrt den Respekt vor dem Anderen, egal ob er Alevit, Kurde oder Kemalist ist. Eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hätte es bei ihm nicht gegeben."  (epd)
 

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Das Stichwort: Gülen-Bewegung

Die Gülen-Bewegung geht auf den 1941 geborenen Fethullah Gülen zurück. Der muslimische Gelehrte, der seit 1999 in den USA lebt, sieht sich in der Tradition Said Nursis (1876 -1960) und hat eine große Bildungsbewegung gegründet, die in zahlreichen Ländern der Welt Schulen gebaut hat. Er ist für sein Motto "Baut Schulen statt Moscheen" bekannt. Die Anhänger Gülens arbeiten weltweit als Netzwerk unter der türkischen Bezeichnung "Hizmet", was auf deutsch "Dienst" bedeutet.

Der türkische Präsident Erdogan sieht in ihm den geistigen Vordenker des Putschversuchs vom 15. Juli 2016, was Gülen jedoch vehement zurückweist.

Die Gülen-Bewegung wurde von der AKP-Regierung Erdogans zur Terrororganisation erklärt und ihre Anhänger verfolgt, weshalb immer mehr Gülen-Anhänger im Exil leben. Ansprechpartner der Gülen-Bewegung in Deutschland ist die "Stiftung Dialog und Bildung" in Berlin.

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