Frauen in Saudi-Arabien

Gefangen in einem System der Gender-Apartheid

Keine Ausbildung, kein Arztbesuch, keine Klage ohne männliche Zustimmung. Die jemenitisch-schweizerische Politologin Elham Manea beschreibt, wie Frauen in Saudi-Arabien leiden.

Ich werde niemals die Worte meines Vaters vergessen, als er Mitte der 1980er Jahre das Angebot ausschlug, an unserer, jemenitischen Botschaft in Saudi-Arabien zu arbeiten: "Ich habe eine Tochter!"

An diesen Satz musste ich denken, als sich am 26. Oktober 2013 erstmals medienwirksam mehr als 60 saudische Aktivistinnen hinter das Lenkrad ihres Autos setzten, um gegen das Fahrverbot für Frauen im Königreich zu protestieren. Ihre Forderung brachte es gut auf den Punkt, was es bedeutet, heute als Frau in Saudi-Arabien zu leben: ewig unmündig in einem System der Gender-Apartheid.

Saudi-Arabien ist weltweit das einzige Land, das Frauen das Autofahren unter Strafe stellt. Und ja, einer Frau das Recht zu nehmen, Auto zu fahren, dient dem Zweck, ihre physische Mobilität zu beschränken und nimmt ihr damit Unabhängigkeit. Dennoch ist daran zu erinnern, dass das Recht zu fahren nur eine Facette eines viel umfassenderen Problems darstellt.

Saudi-Arabien verletzt grundlegende Rechte der Frauen

Frauen im Königreich Saudi-Arabien - so konstatierte es ein Bericht der Organisation Human Rights Watch im Jahr 2008 - werden systematisch wie Minderjährige behandelt, mithilfe eines vom Staat installierten Systems, das ihre grundlegenden Rechte verletzt.

Um es anschaulicher zu machen: Jede erwachsene saudische Frau, unabhängig von ihrem sozialen Status, darf ohne zuvor eingeholte Zustimmung ihres männlichen Vormundes weder arbeiten, noch reisen, studieren, ärztliche Hilfe suchen oder heiraten.Außerdem ist es ihr untersagt, auch nur die banalsten Entscheidungen zu treffen, die ihre Kinder betreffen. Gefördert wird dieses System durch eine fast hundertprozentige Trennung der Geschlechter, die es den Frauen praktisch unmöglich macht, am öffentlichen Leben in bedeutsamer Weise teilzuhaben.

Die Geschlechtertrennung wird strikt überwacht und zwar durch die von der Regierung eingesetzte Kommission zur Förderung der Tugend und zum Schutz vor dem Laster, also der Religionspolizei. Die ungesetzliche Vermischung der Geschlechter führt zu einem Arrest der Gesetzesbrecher und zu einer Strafanzeige.

Die Verzweigungen dieses Systems der männlichen Vormundschaft und Geschlechtertrennung bekommen Frauen in Saudi-Arabien jeden Tag aufs Neue zu spüren. Im Bildungsbereich ist der ganze bildungspolitische Rahmen darauf ausgerichtet, die bestehende Geschlechterdiskriminierung festzuschreiben und das, was die Autoritäten als geeignet für "die weibliche Natur und ihre zukünftige Rolle als Ehefrau und Mutter" ansehen. Hinzukommt, dass für Mädchen und Frauen schon der Zugang zur Bildung vom guten Willen ihrer männlichen Vormünder abhängt, deren Zustimmung erforderlich ist, wenn sie sich einschreiben wollen.

Bevormundung bei Arbeitssuche und im Krankenhaus

Wollen Frauen im privaten oder im öffentlichen Sektor eingestellt werden, müssen sie ebenfalls fast immer die Einwilligung eines männlichen Vormundes vorweisen. Arbeitgebern ist es möglich, ihnen zu kündigen oder sie zur Kündigung zu zwingen, falls "ihr Vormund entscheidet, dass sie aus irgendeinem Grund nicht mehr außerhalb von Zuhause arbeiten sollten." Notwendig ist die Einwilligung des Vormundes nicht mehr bei Jobs in Kleidungsgeschäften, Vergnügungsparks, in der Nahrungszubereitung und an Kassen. Dennoch wird auf eine strikte Geschlechtertrennung im Arbeitsbereich geachtet und weiblichen Angestellten ist der Umgang mit Männern verboten.

Verschleierte Frau in Jiddah passiert ein Café, in dem Männer sitzen; Foto: picture-alliance/dpa
Frauen gesellschaftlich außen vor: Jede erwachsene saudische Frau, unabhängig von ihrem sozialen Status, darf ohne zuvor eingeholte Zustimmung ihres männlichen Vormundes weder arbeiten, noch reisen, studieren, ärztliche Hilfe suchen oder heiraten.

Das System der männlichen Vormundschaft greift auch im Gesundheitssystem. Je nach Grad ihrer religiösen Strenge verlangen Mitarbeiter in Krankenhäusern selbst in Notfällen eine Einwilligung des männlichen Vormundes. So geschah es beispielsweise vor kurzem, dass nach einem Autounfall, bei dem der Fahrer starb, seine Frau und seine Tochter in kritischem Zustand ins König Fahd-Krankenhaus in Baha gebracht wurden und die notwendige Amputation der Hand der Frau nur deshalb verschoben wurde, weil sie keinen männlichen Vormund dabei hatte, der diese Operation hätte erlauben können.

Frauen als Opfer häuslicher Gewalt

Frauen in Saudi-Arabien ist es auch nicht möglich, eigenverantwortlich vor Gericht zu klagen – außer ein männlicher Vormund nimmt sich ihrer an. So haben Opfer häuslicher Gewalt kaum jemals die Möglichkeit, eigenständig um Schutz oder rechtliche Hilfe nachzusuchen; die Polizei besteht in der Regel darauf, dass Mädchen und Frauen auch für das Einreichen einer Strafanzeige eine Autorisierung durch den Vormund benötigen, selbst wenn diese sich gegen den Vormund selbst richtet.

Als letzter Punkt sei angeführt, dass in Saudi-Arabien dem männlichen Vormund das alleinige Recht zusteht, sein Mündel zu verheiraten oder ihre Ehe aufzulösen, wenn sie ihm in irgendeiner Weise unpassend erscheint.

All das macht die Allianz zwischen der saudischen Dynastie und dem wahhabitischen Establishment erst möglich. Das Regime lässt im Tausch für die eigene Legitimität, dem religiösen Establishment freie Hand, seine konservativen und reaktionären Lehren im Bereich der sozialen Normen durchzusetzen, was insbesondere die Frauen trifft.

Das Überleben des Königtums bedeutet Abhängigkeit vom wahhabitischen Klerus. Zwar mag die Regierung einzelne Erleichterungen verfügen, die das Leben der Frauen "weniger einschränken", aber der Kern der Geringschätzung bleibt doch der gleiche. Das Königtum fürchtet zudem, dass die Forderung der Frauen nach mehr Geschlechtergerechtigkeit sich zu einer allgemeineren gesellschaftlichen Bewegung für politischen Wandel entwickeln kann.

Angesichts der beschämenden Bilanz des Königreiches in Sachen Bürger- und Menschenrechte, Demokratie und verantwortungsbewusster Regierungsführung ist diese Sorge sicher berechtigt. Schon deshalb ist ein wirklicher Wandel in der saudischen Geschlechter-Apartheid für die Zukunft nicht sehr wahrscheinlich. Frauen werden weiterhin diejenigen sein, die die Folgen zu tragen haben - als ewig Unmündige zu leben, durch das Gesetz von ihren männlichen Mitbürgern getrennt. Es scheint, dass mein Vater wirklich Recht hatte: Als Frau lebt man besser anderswo.

Elham Manea

© Qantara.de 2013

Dr. Elham Manea hat die jemenitische und die schweizerische Staatsangehörigkeit. Sie arbeitet als Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Zuletzt erschien ihr Buch "The Arab State and Women's Rights: The trap of Authoritarian Governance".

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Gefangen in einem System der Gender-Apartheid

Wie waer es denn mal damit - no woman, no drive: http://www.youtube.com/watch?v=aZMbTFNp4wI
Selten so gelacht... Zum Piepen!

Ingrid Wecker24.12.2013 | 19:23 Uhr