Saudische Frau steigt in einen PKW ein; Foto: dpa
Frauen in Saudi-Arabien

Leben in einem versteinerten System

Nirgendwo sonst werden Moderne und Frauenrechte dermaßen als Problem wahrgenommen als in Saudi-Arabien. So ist es Frauen noch immer untersagt, selbst ein Auto zu fahren. Wenn sie sich an das Verbot nicht halten, müssen sie mit drakonischen Strafen rechnen, wie Mai Yamani berichtet.

Sie gingen jeden Tag erneut nach vorn – eloquent und unverblümt, mit Karikaturen von Diktatoren in der Hand und laut die demokratische Veränderung fordernd. Motiviert von sozialen Zielen und eigenen Interessen gingen sie zu Fuß, fuhren mit Bussen und Eselskarren, telefonierten und twitterten mit Gleichgesinnten.

Der Kontrast zwischen diesem dynamischen und offenen Protest und der Situation in Saudi-Arabien könnte kaum größer sein. Dort leben Frauen in einem versteinerten System. Die Gesichter der königlichen Familien sind allgegenwärtig, die Gesichter von Frauen sind verschleiert und gewaltsam versteckt.

Nirgendwo sonst wird Moderne dermaßen als Problem wahrgenommen. Aus dem Wüstenboden erheben sich Wolkenkratzer, aber in ihren Aufzügen dürfen Frauen nicht gemeinsam mit Männern fahren. Frauen dürfen nicht auf die Straße gehen, keine Autos fahren und ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds das Land nicht verlassen.

Im Visier der religiösen Tugendwächter

Auf dem Höhepunkt der ägyptischen Revolution hat mir Fatima, eine junge Frau aus Mekka, eine E-Mail geschickt: "Vergiss die Rufe nach Freiheit. Ich kann nicht einmal ein Kind gebären, ohne auf dem Weg zum Krankenhaus von einem mihrim (männlichen Vormund) begleitet zu werden."

Manal al-Sharifs Kampagne Women2Drive
Mitte Mai hatten die saudischen Behörden Manal al-Sharif festgenommen und wegen "Anstachelung von Frauen zum Autofahren" angeklagt. Die 32-jährige hatte mit einem Youtube-Video ihre Autofahrt im Osten des Landes dokumentiert.

​​Weiter schrieb sie: "Und die mataw'a (eine Religionspolizei, die offiziell als 'Kommission für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters' bezeichnet wird und deren Vorsitzender Ministerrang besitzt) hat das Recht, uns öffentlich zu demütigen." In der Tat wurde die Macht der mutaw’a durch Anordnung von König Abdullah im März noch vergrößert, nachdem sie bei der Unterdrückung von Protesten mitgeholfen hatte.

Aber Globalisierung kennt keine Grenzen, nicht einmal solche, die von den islamischen Sittenwächtern aufgestellt wurden. Neunjährige Saudi-Mädchen chatten online, obwohl ihnen durch fatwas von Wahhabi-Klerikern der Zugang zum Internet ohne die Überwachung eines männlichen Vormunds verboten wurde.

Viele Frauen sitzen heimlich vor den Satellitenprogrammen und sehen ihren Geschlechtsgenossinnen auf den öffentlichen Plätzen in Ägypten und im Jemen zu, die sich außerhalb ihrer Reichweite, aber nicht außerhalb ihrer Fantasie befinden.

Aktiv gegen Fahrverbote

Am 21. Mai durchbrach eine mutige Frau namens Manal al Sharif das Schweigen und die Apathie und traute sich, das Autofahrverbot für Frauen zu durchbrechen. Die Woche darauf verbrachte sie in einem saudischen Gefängnis.

Aber innerhalb von zwei Tagen nach ihrer Verhaftung sahen 500.000 Zuschauer das YouTube-Video von ihrer Autofahrt. Frustriert und gedemütigt von dem Verbot, schworen tausende saudischer Frauen, am 17. Juni einen "Autofahrtag" zu veranstalten.

Saudi-Arabien ist das einzige Land in der Welt, in dem es Frauen verboten ist, Auto zu fahren. Die Haftstrafe für dieses Vergehen wird weder durch islamische Texte noch durch die Natur der facettenreichen Gesellschaft gerechtfertigt, über die die Al Saud und ihre Wahhabi-Partner herrschen. Tatsächlich ist sie sogar in der restlichen arabischen Welt beispiellos – was im Zusammenhang mit den massiven sozialen Unruhen fast überall in der Region offensichtlich wird.

Erzwungene Segregation

In fast jedem Bereich saudischen Lebens findet erzwungene Segregation statt. 50 Prozent des studentischen Lehrplans besteht aus Religionskunde. Daher sind alle Haushalte des Landes vom Wahhabi-Dogma durchsetzt.

Die Schulbücher – rosa für Mädchen und blau für Jungen, mit jeweils unterschiedlichem Inhalt – enthalten die Regeln, die von Imam Muhammad bin Abdul Wahhab aufgestellt wurden, einem Kleriker aus dem 18. Jahrhundert und Gründer des Wahhabismus.

Frau in Riad beim Einstieg in einen Wagen; Foto: dpa
Kampagne gegen Fahrverbote: Einige Dutzend Frauen hatten sich am 17. Juni in Saudi-Arabien ans Steuer gesetzt, nachdem Aktivistinnen im Internet zum "Tag des Autofahrens" aufgerufen hatten.

​​Eines der stärksten Hindernisse für Frauen ist das saudische Rechtssystem, das auf islamischen Interpretationen zum Schutz eines patriarchischen Systems basiert. Es ist nicht nur so, dass die richterlichen Entscheidungen das System stützen, sondern auch das Gegenteil ist wahr: das Patriarchentum wurde zur Triebkraft des Rechtswesens.

So ist Frauen keine juristische Tätigkeit erlaubt, streng nach der Wahhabi-Regel, dass es "der Frau an Geist und Religion mangelt". Anders ausgedrückt, beruht das saudi-arabische Rechtssystem auf Frauenfeindlichkeit – nämlich dem gesetzlich vorgeschriebenen umfassenden Ausschluss der Frauen vom öffentlichen Raum.

Die saudischen Führer haben bekannt gegeben, dass Demonstrationen haram sind – eine Sünde, die mit Gefängnis und Auspeitschen bestraft wird. Und einige Kleriker haben nun das Autofahren von Frauen ebenfalls als aus dem Ausland gefördertes haram bezeichnet und die gleichen Strafen dafür angedroht.

"Wir alle sind Manal al Sharif!"

Trotz solcher Drohungen sind tausende saudischer Frauen der Facebook-Gruppe "Wir alle sind Manal al Sharif" beigetreten, und seit deren Verhaftung wurden auf YouTube zahllose weitere Videos Auto fahrender Frauen veröffentlicht.

Wie Mamal wurden auch sie inhaftiert, und die Regierung scheint entschlossen, sie zu verurteilen. Aber Wajeha al Huwaider, Bahia al Mansour, Rasha al Maliki und viele andere Aktivistinnen bestehen weiterhin auf ihrem Recht, Auto zu fahren, und fordern vehement den Abbau der Restriktionen und das Ende der Abhängigkeit von Frauen.

Der revolutionäre Mut von Rosa Parks, die sich 1955 in Montgomery/Alabama, weigerte, sich im Bus in die letzte Reihe zu setzen, trug zum Beginn der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bei. Ob der Widerstand von Manal al Sharif gegen die systematische Unterdrückung von Frauen durch das Saudi-Regime einen ähnlichen Effekt haben wird, werden wir bald sehen.

Mai Yamani

© Project Syndicate 2011

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de 2011

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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