Ein Jahr nach der Ermordung Jamal Khashoggis

Ungesühnt und folgenlos

Die saudischen Schlüsselfiguren im Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi sind einer Verurteilung bisher entkommen. Doch obwohl die Bemühungen der UN um Gerechtigkeit ins Stocken geraten sind, bleiben die unbequemen Fragen zur Aufklärung des Verbrechens auf der internationalen Agenda. Von Tom Allinson

Die schaurigen Details des Mordes an Jamal Khashoggi – und die Anschuldigungen gegen Personen, die dem saudischen Königshaus nahestehen – trüben noch immer das Bild von Kronprinz Mohammed bin Salman als Reformer und belasten die Beziehungen des arabischen Königreichs zu seinen westlichen Verbündeten.

Zwar bekennt sich der Kronprinz in einem Interview mit dem US-Sender CBS als Regierungsmitglied zur "vollen Verantwortung", bestreitet aber, den Mord angeordnet zu haben. Das Verbrechen bezeichnet er als "skrupellose" Operation saudischer Offizieller. Hingegen sind UN-Ermittler der Auffassung, dass der Mord "von Beauftragten des Staates Saudi-Arabien geplant und begangen wurde".

Untersuchungen der CIA und der Vereinten Nationen zufolge flog ein Kommando von 15 Saudis mit Diplomatenstatus nach Istanbul, darunter ein Gerichtsmediziner mit einer Knochensäge im Gepäck. Die Gruppe fing Khashoggi ab, als er das saudische Konsulat betrat, um eine Urkunde für seine geplante Heirat abzuholen.

Erstickt und zerstückelt

Mitgeschnittene Tonaufnahmen des türkischen Geheimdienstes, die von den UN-Ermittlern eingesehen, aber nicht authentifiziert wurden, lassen darauf schließen, dass man Khashoggi im Konsulat ein Beruhigungsmittel verabreichte. Danach wurde er offenbar erstickt und zerstückelt. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Nach Angaben der Ermittler wurde der Tatort zudem forensisch gereinigt, bevor die türkischen Behörden Zugang erhielten.

Von der CIA eingeweihte US-Senatoren verwiesen auf eine Reihe von belastenden Telefonaten zwischen Kronprinz Mohammed bin Salman, seinem engen Berater Saud al-Kahtani und einem Mitglied des Tötungskommandos. UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard erklärte, es gebe glaubhafte Hinweise für eine Anordnung des Verbrechens seitens der saudischen Regierung. Sie empfahl eine strafrechtliche Untersuchung auch gegen Kronprinz Salman.

Prozess in Saudi-Arabien unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Der Prozess in Saudi-Arabien gegen Khashoggis mutmaßliche Mörder stößt auf heftige Kritik. Die saudische Justiz hat in einem Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit elf Personen vor Gericht gestellt. Fünf von ihnen droht die Todesstrafe. Al-Kahtani und andere Hauptverdächtige gehören jedoch nicht dazu. Laut Callamard entspricht der Prozess nicht den internationalen Standards.

"[Der Prozess] findet hinter verschlossenen Türen statt. Die eigentlichen Drahtzieher sind nicht angeklagt. Es ist nicht bekannt, warum gerade diese elf Personen und keine weiteren angeklagt sind, zumal an dem Tötungskommando fünfzehn Personen plus der Komplizen in Riad beteiligt waren", so Callamard. "Der Prozess richtet sich nicht gegen Saud al-Kahtani, obwohl der Staatsanwalt ihn in einer öffentlichen Erklärung als denjenigen benannte, der als treibende Kraft hinter dem Kommando zur Ermordung von Khashoggi stand."

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