Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi

Trump und die Händler des schönen Scheins

Der grausame Mord an Jamal Khashoggi müsse zu einer Distanzierung von Saudi-Arabien, zu "einer harten Reaktion", führen, ist von westlichen Medien und Politikern zu hören. Das wird nicht passieren, meint Stefan Buchen. Denn der mächtigste Mann im Westen ist Donald Trump, einer der besten Freunde des Mörders.

In vielem hat sich Politikneuling Mohammad bin Salman verkalkuliert. Er dachte, er könne in einem gut bewachten Konsulatsgebäude in Istanbul einen weltbekannten Kritiker von seinen Getreuen abschlachten lassen, ohne dass der Mord Aufsehen erregt. Er meinte, im Notfall den Mordverdacht einfach zurückweisen und behaupten zu können, er wisse nicht, wo Jamal Khashoggi steckt.

Der saudische Thronfolger war sich sicher, gleichzeitig in seiner Hauptstadt Riad einen glitzernden Investitionsgipfel mit den Wirtschaftsmagnaten der Welt abhalten zu können und dafür von den internationalen Leitmedien beklatscht und bewundert zu werden. In all diesen Punkten lag der 33-jährige neue starke Mann Saudi-Arabiens komplett falsch.

Jetzt spekuliert er darauf, dass seine Erklärung, Jamal Khashoggi sei bei einem "Faustkampf" im Konsulat ums Leben gekommen, die Gemüter beruhigen und die Sache aus der Welt schaffen wird. Auch da täuscht er sich, wie die Reaktionen vieler Medien und einiger Regierungen zeigen.

Aber auf eines scheint Mohammad bin Salman sich tatsächlich verlassen zu können: auf sein Bündnis mit Donald Trump. "Glaubwürdig" sei die offizielle saudische Erklärung zum Hergang des Todes von Jamal Khashoggi, ließ der Präsident der Vereinigten Staaten wissen. Eine Brücke zur rettenden Version hatte der 72-jährige amerikanische Politiker seinem jungen arabischen Freund da schon gebaut: Das könnten nur eigenmächtig handelnde "rogue killers" gewesen sein, keine Mörder im staatlichen Auftrag, verkündete Trump im Weißen Haus. Dann war es dem Geschäftsmann Trump noch wichtig anzumerken, dass Amerika an dem Plan festhalten werde, Waffen im Wert von 110 Milliarden Dollar nach Saudi-Arabien zu verkaufen.

Die Wirklichkeit findet nicht statt

Man muss sich die Tragweite klar machen: Der amtierende amerikanische Präsident schafft mit Worten die himmelschreiende Realität ab und setzt eine neue ein, eine Ersatzwirklichkeit. Wir kennen das Muster der "alternativen Fakten" zwar seit Beginn seiner Präsidentschaft. Aber jetzt wendet Trump es erstmals auf einen internationalen Kriminalfall an, in dem der Mörder sein enger Verbündeter ist.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (l.) im März mit Donald Trump im Weißen Haus
Erst das Geschäft, dann die Moral: „In der Trump-Welt ist es möglich, einen Mord zu relativieren, indem man schlecht über das Mordopfer redet. Sprache verliert so ihre wesentliche Funktion als ein Mittel zur Beschreibung von Realität und zur Verständigung über moralische Maßstäbe, schreibt Stefan Buchen.

Die Wirklichkeit wird öffentlich benannt, vom "Spiegel" bis zur "Washington Post": Mohammad bin Salman ist ein Mörder. Die näheren Umstände, die Sache mit der Knochensäge, sind gruselig. Die ferneren Umstände sind wenig schmeichelhaft für Amerika: Anfang des Jahres wurde der saudische Thronfolger triumphal in Washington, New York, im Silicon Valley, in Hollywood und Seattle empfangen.

Mohammad bin Salman wurde als tatendurstiger Reformer gefeiert, der das etwas angestaubte islamische Königreich Saudi-Arabien modernisieren wolle. Er hat Frauen das Autofahren erlaubt und Kinos zugelassen, wurde gejubelt. PR-Agenturen in Washington haben ein Vermögen - das Magazin "Foreign Policy" spricht von "Milliarden" - an der Pflege dieses Reformer-Images verdient.

Risse in der Hochglanzwelt

In diesem schönen Schein kamen der Krieg im Jemen, die Blockade gegen Katar, die kurzzeitige Entführung des libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri und die Unterstützung von radikalen Islamisten im Syrienkrieg ebenso wenig vor wie das rabiate Vorgehen gegen Kritiker im Inneren, von Journalisten bis zu unliebsamen Mitgliedern der Herrscherfamilie Al Saud.

Jetzt könnte man sagen, dass das schöne Werk der hochbezahlten PR-Profis mit ihren Abschlüssen von Universitäten in Stanford, Princeton, Yale und natürlich Harvard an einem einzigen Oktobernachmittag im saudischen Konsulat in Istanbul zunichte gemacht wurde. Und dass keine Image-Kampagne der Welt die Sache mit der Knochensäge verklären kann. Aber so denkt wohl nur, wer an einem tradierten und gewöhnlichen Begriff von Wahrhaftigkeit festhält.

Täuschen wir uns nicht: Die Händler des schönen Scheins passen perfekt in die Trump-Welt. Sie schaffen eine alternative Realität. Und sie machen schon weiter. So sei Jamal Khashoggi gar nicht "der Gute" gewesen, ist plötzlich zu hören. Er habe ja "mit Islamisten" sympathisiert. Kein Wunder, dass so jemand dem Reformdrang des saudischen Thronfolgers in die Quere kommen musste!

In der Trump-Welt ist es möglich, einen Mord zu relativieren, indem man schlecht über das Mordopfer redet. Sprache verliert so ihre wesentliche Funktion als ein Mittel zur Beschreibung von Realität und zur Verständigung über moralische Maßstäbe.

Vorsichtig muss man deshalb auch die Erklärungen der amerikanischen Wirtschaftsbosse bewerten, die ihre Teilnahme an der Investorenkonferenz in Riad abgesagt haben. "Vorsichtig" nicht in dem Sinne, dass Amazon-Chef Jeff Bezos, Blackrock-Chef Larry Fink und Dara Khosrowshahi, der CEO von Uber, trotzdem heimlich diese Woche zu Mohammad bin Salman ins "Davos in der Wüste" reisen werden.

Vorsicht drängt sich vielmehr insofern auf, als die Absagen keineswegs bedeuten, dass diese Unternehmen künftig keine Geschäfte mehr mit Mohammad bin Salman machen werden. Die Unternehmensbosse werden es nicht schaffen, der Verlockung des bequemen Windschattens zu widerstehen, den Trump ihnen auf dem Weg ins neue Saudi-Arabien unter Mohammad bin Salman bietet.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.