Der afghanische Paschtu-Dichter Rahman Baba

Philosoph und Dichter der Herzen

Rahman Baba ist wohl der bekannteste afghanische Sufi-Dichter. Auf seinen Schrein in Peschawar wurde vor kurzem ein Anschlag verübt, vermutlich durch die Taliban. Rochsana Soraya hat sich mit Mohammad Zarin Anzor über Leben und Werk des Volksdichters unterhalten.


Der beschädigte Schrein Rahman Babas in Peshawar; Foto: AP
Am 5. März wurde Rahman Babas Grab bei einem Anschlag zerstört. Der Schrein wurde schwer beschädigt.

​​ Herr Anzor, Sie sind einer der renommiertesten afghanischen Literaturkritiker und haben auch schon während Ihres Journalistikstudiums akademische Schriften zu Rahman Baba publiziert. Wie würden Sie diesen Dichter einem internationalen Publikum vorstellen?

Mohammad Zarin Anzor: Rahman Baba ist einer der großen afghanischen Dichter des 17. Jahrhunderts, der sich in seinen Schriften der Gotteserkenntnis und der islamischen Mystik, dem Sufismus widmet. Meiner Meinung nach hat kein anderer klassischer Dichter unter den Paschtunen so viel Beliebtheit erlangt wie er. Er wird gefeiert, geliebt und verehrt: Daher wird er Baba, also Väterchen, Großvater, genannt. Dieser Titel wird nur verehrungswürdigen Älteren in unserer Gesellschaft verliehen.

Rahman Baba ist zudem ein hervorragender Vertreter der Liebe und Zuneigung und seine Dichtung ist sowohl bei Geistlichen und Derwischen beliebt, als auch bei Frauen, Jugendlichen und lebensbejahenden Personen aller Art. In der Dichtung von Rahman Baba ist auch das Weltbild der Paschtunen aus jener Zeit enthalten. Das dürfte für die Menschheit von großem Interesse sein.

Was unterscheidet Rahman Baba von anderen großen Paschtu-Dichtern?

Mohammad Zarin Anzor; Foto: Rochsana Soraya
In Rahmans Dichtung gibt es einen unterschwelligen Rhythmus und eine Musikalität, die man im Original gehört und gefühlt haben muss, um sie zu beschreiben, so Mohammad Zarin Anzor.

Anzor: Neben Rahman Baba gibt es noch viele andere große Sufi-Dichter wie Mirza Khan Ansari, Daulat Luani, Wasel Rokhani, Mullah Arzani (16. Jahrhundert), Abdul Qader Khattak (17. Jahrhundert), Pir Mohammad Kaker (18. Jahrhundert), um nur einige zu nennen. Die Themen Mystik und Erkenntnis begleiten die Paschtu-Literatur bis in die Moderne. Rahman Babas mystische Dichtung ist im Gegensatz zu den anderen Autoren indessen nicht ausschließlich Gott gewidmet, sondern reflektiert die Wünsche der Menschen seiner Zeit.Rahman Baba widmet sich nämlich auch sozialen und anderen wichtigen Themen, die jeden Menschen berühren. In seinem Diwan heißt es zum Beispiel…: "Größer als die Kaaba von Abraham aufzubauen Ist es, das verletzte Herz anderer zu heilen."

Was sind die typischen Merkmale seiner Dichtung? ​​

Anzor: Rahman sieht Gotteserkenntnis als einen Teil der Evolution des Menschen an. Wie kann sich der Mensch aus der animalischen Welt befreien und einen hohen geistigen Status einnehmen. Ein weiteres Merkmal ist die moralische Seite seiner Dichtung, von der Menschen Beispiele für ihr eigenes Leben ableiten. Die meisten seiner Gedichte sind "Ghazals", er hat sich fast immer an diese Form gehalten, egal welchen Inhalt er beschrieben hat. Es gibt einige wenige Beispiele für "Mokhamas" (Fünfzeiler) und "Qasida" (Gedichte mit über 15 Versen). Rahman Babas Dichtung ist deshalb so beliebt bei den Menschen, weil sowohl die Sprache als auch die Bilder und Metaphern sehr einfach sind. Erst das Gesamtgedicht beschreibt ein sehr komplexes philosophisches Weltbild.

Orientalisten, die Rahmans Werke übersetzt haben, wie zum Beispiel Major Raverty im 19. Jahrhundert oder Annemarie Schimmel ein Jahrhundert später, betonen die Komponente der göttlichen Liebe und Lobpreisung in seinen Gedichten. Inwieweit lässt sich Rahman Baba auch als ein sozialkritischer Dichter bezeichnen?

Anzor: Rahman Baba hat wie Khoshal Khan in der Zeit der Mogul-Herrschaft gelebt und gedichtet. Khoshal hat nach seiner Gefangenschaft bei den Moguln gegen diese gekämpft und einen Aufstand gegen die Mogulherrschaft angezettelt. Diesem Thema hat er auch einen Teil seiner Dichtung gewidmet. Rahman Baba ist hingegen kein Dichter des nationalen Aufstands. Er hat sich auch nie einem Herrscher untergeordnet, gearbeitet oder für einen solchen geschrieben. Er hat alle sozialen Probleme seiner Zeit kritisch beäugt. Er gehörte dem Stamm der Momand an, doch in einem seiner Verse heißt es … "Ich bin ein Liebender und beschäftige mich unentwegt mit Liebe Ich bin kein Khalil, kein Daudzai und kein Momand" Für Rahman stand ganz einfach die Menschlichkeit und nicht die mehr oder weniger willkürliche Zuordnung zu einer Gruppe im Mittelpunkt seiner Gedanken.

Westliche Wissenschaftler setzen Rahmans Dichtung oft in die Tradition der persischsprachigen Sufi-Dichtung von Jalaluldin Rumi. Die Themen und die Art des Ausdrucks, die Rahman in seine Dichtung setzt, wirken zeitlos und universell. Kann man daher in seiner Dichtung nicht auch schon Werte einer geistig-philosophischen Entwicklung erkennen, die später in Europa als Humanismus bekannt wurde?

Anzor: In der Dichtung des Orients, besonders im Bereich der Gotteserkenntnis und Mystik gibt es zwischen der arabischen, persischen, türkischen, indischen und afghanischen Lyrik gemeinsame Werte und Metaphern, die auch der westlichen Dicht- und Schreibkunst nicht fremd sind. Manche dieser Metaphern zählen zum Kulturgut der Menschheit. Hier Grenzen zu ziehen, wäre ein Verstoß gegen jene Prinzipien und Werte, die die islamische Mystik und Liebespoesie prägen.

Welchen literarischen Wert hat der Diwan des Dichters Rahman mit Blick auf eine internationale Leserschaft? Handelt es sich um ein Stück Weltliteratur, das es noch zu entdecken gilt?

Anzor: Der Diwan von Rahman Baba ist neben seiner Wichtigkeit für die Paschtu-Literatur auch für die internationale Öffentlichkeit von großem Wert. Aber nicht nur dieser Diwan, sondern auch die Werke, die vor und nach Rahman Baba entstanden sind, sollten ebenfalls zur Kenntnis genommen werden. Man wird erkennen, dass die Afghanen in der Lage waren, ein komplexes Wertesystem und gedankliche Tiefe zu entwickeln. Dadurch würde die Welt ein Stück zusammenwachsen und ein weißer Fleck auf der literarischen Landkarte der Welt getilgt. Die ganze Welt schaut auf die Paschtunen und dennoch beschäftigt sich kein Mensch mit ihrem geistigen Erbe.

Interview: Rochsana Soraya

© Qantara.de 2009

Mohammad Zarin Anzor ist afghanischer Journalist, Literaturkritiker und Publizist und lebt zurzeit in Deutschland. Er studierte Journalistik und Paschtu-Literatur an den Universitäten Kabul und Peschawar.

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.