Das Leid der Kinder im Jemen

Minderjährige als Zielscheibe

Eine UN-Studie belegt das Leid der Kinder im Jemen. Zugleich nimmt UN-Generalsekretär Antonio Guterres die von Saudi-Arabien geführte Kriegskoalition von einer Schwarzen Liste. Die Entscheidung ist umstritten. Von Kersten Knipp und Lewis Sanders

Zu Beginn vergangener Woche geriet in der Provinz Saada im Nordwesten des Jemen ein Fahrzeug unter Beschuss. Aus der Luft wurde es von Kräften der von Saudi-Arabien angeführten Internationalen Koalition angegriffen. Die Attacke forderte 13 Todesopfer, unter ihnen vier Kinder.

Der Angriff erfolgte nur wenige Stunden, nachdem UN-Generalsekretär Antonio Guterres die Internationale Koalition von einer jährlich erneuerten Schwarzen Liste der Vereinten Nationen entfernt hatte. Auf ihr finden sich politische Akteure wieder, die Gewalt gegen Kinder praktizieren.

Auf diese Liste werden Länder oder Gruppen gesetzt, die Kinder töten, verletzen oder missbrauchen. Akteure, die Kinder entführen oder zum Kriegsdienst rekrutieren, werden dort ebenso erfasst wie solche, die Kindern den Zugang zu Hilfsgütern verweigern, Schulen oder Krankenhäuser attackieren. Die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition im Jemen stand drei Jahre lang auf dieser Liste.

 

Die Koalition werde "nach einem anhaltenden signifikanten Rückgang von Tötungen und Verstümmelungen" von der Liste genommen, begründete Guterres die Entscheidung, das saudisch angeführte Bündnis dort nicht mehr aufzulisten. Er fügte allerdings hinzu, dass die Koalition ein Jahr lang überwacht würde. Jedes "Versäumnis", die Opferzahl von Kindern weiter zu senken, werde dazu führen, dass die Koalition im kommenden Jahr erneut auf die Liste gesetzt werde.

Kritiker hingegen spekulieren über einen Zusammenhang damit, dass Saudi-Arabien - obwohl es selbst aktiv kriegsführende Partei ist - Anfang des Monats erstmals offiziell als Partner an der Seite der UN federführend eine internationale Geberkonferenz für den Jemen mit ausrichten durfte.

Hauptopfer des Krieges

"Nach fünf Jahren Krieg leiden die jemenitischen Kinder unter allen Betroffenen am meisten", sagt Yousra Semmache, Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation der Kinderhilfsorganisation "Save the children" im Jemen. "Sie wurden durch die anhaltenden Kämpfe getötet und verletzt und ihrer Grundrechte beraubt. Darüber hinaus wurden zivile Infrastrukturen wie Schulen und Krankenhäuser im Jemen routinemäßig angegriffen. Dadurch wurden Kinder auch an Orten gefährdet, an denen sie sicher sein sollten."

Huthi-Rebellen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa; Foto: picture-alliance/AP Photo/H. Mohammed
Im Visier der Bürgerkriegsakteure: Im Jemen tobt seit mehr als fünf Jahren ein Bürgerkrieg. Die Huthis kontrollieren große Teile des Landes im Süden der Arabischen Halbinsel, darunter die Hauptstadt Sanaa. Die von Saudi-Arabien angeführte Koalition unterstützt die international anerkannte Regierung im Kampf gegen die Rebellen. Bei Luftangriffen des Bündnisses sterben immer wieder Zivilisten – darunter viele Kinder.

Diese Beobachtungen decken sich mit den Befunden des am 9. Juni erschienenen UN-Jahresberichts über Kinder in Konfliktregion. Dieser dokumentiert auch die Lage im Jemen. Insgesamt verzeichneten die UN dort im vergangenen Jahr 4.042 Fälle schwerer Gewalt gegen insgesamt 2.159 Kinder.

Dem Dokument zufolge wurden mehr als 680 Kinder als Kämpfer rekrutiert, unter ihnen auch 43 Mädchen. Die meisten Fälle (482) gehen auf das Konto der vom Iran unterstützten Huthis alias "Ansar Allah", denen der Kampf der saudisch geführten Militärkoalition gilt. Doch auch die mit den Saudis verbündete reguläre jemenitische Armee schreckte vor der Rekrutierung Minderjähriger nicht zurück: Sie stellte 136 Kinder in ihre Dienste.

Zudem wurden 2019 beinahe 100 Minderjährige verhaftet. Auch hier gingen mit 68 Kindern die meisten Festnahmen auf das Konto der Huthis, gefolgt von der jemenitischen Armee, die 26 Kinder einsperrte, das Saudi-Bündnis verhaftete 25 Kinder. Die meisten Minderjährigen wurden später wieder freigelassen.

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