Arabische Reaktionen auf den Papstbesuch

Im Zeichen der Hoffnung

Obwohl sich die Regensburger Papstrede noch immer wie ein Schatten auf die Beziehungen zwischen der muslimischen Welt und dem Vatikan legt, wurde der jüngste Besuch von Benedikt XVI. in Jordanien überwiegend positiv aufgenommen. Einzelheiten von Fakhri Saleh

Papst Benedikt XVI. und Jordaniens Prinz Ghazi Bin Talal; Foto: AP
Dialog in gegenseitigem Respekt - dennoch ließ Prinz Ghazi bin Mohammed auch die heiklen Punkte in den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht außer Acht.

​​ Gleich zu Beginn seiner Pilgerfahrt nach Jordanien, Israel und Westjordanland hat Papst Benedikt XVI davor gewarnt, die Religion für politische Zwecke zu missbrauchen.

Am zweiten Tag des Besuchs hielt er in der König-Hussein-Moschee in Amman vor politischen und geistlichen Würdenträgern eine Rede, in der er die Religion als eine "Kraft des Guten" beschrieb, die nicht instrumentalisiert werden dürfe, um Zwist und Gewalt in der Welt zu säen. Im Gegenzug begrüßte König Abdallah den Besuch des Papstes im "Herzland des christlichen und muslimischen Glaubens".

Viele Kommentatoren in der arabischen Welt bewerten die Ansprache Benedikts XVI. als Ausdruck des guten Willens und der Absicht, die nicht zuletzt durch die Regensburger Rede des Papstes im September 2006 strapazierten Beziehungen zwischen christlicher und muslimischer Welt zu verbessern.

Mit Rückgriff auf eine islamkritische Äusserung des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos hatte der Papst damals Abermillionen von Muslimen gekränkt und verärgert.

Obwohl er in Amman keinen direkten Bezug auf dieses Ereignis nahm, wurde Benedikts Ruf nach vermehrtem Respekt sowohl für die dem Islam und dem Christentum gemeinsamen Werte als auch für die Differenzen zwischen den beiden Religionen weitherum als Versuch verstanden, in einer von Konflikten und Misstrauen beherrschten Region Brücken zu schlagen.

Proteste von islamistischer Seite

Prinz Ghazi bin Mohammed, König Abdallahs oberster Berater in Religionsfragen, ließ den heiklen Punkt freilich nicht unerwähnt. In seiner ebenfalls in der König-Hussein-Moschee vorgetragenen Ansprache dankte er dem Papst dafür, dass er "Reue über die Rede von 2006 zeigte, mit der er die Gefühle der Muslime verletzt hatte".

Und während Prinz Ghazi, der sich ebenfalls einlässlich mit interreligiösen Problemen befasst hat, es bei dieser knappen Anmerkung bewenden liess, forderten die politisch mächtigen Muslimbrüder eine ausdrückliche Entschuldigung Benedikts XVI. für seine damaligen Äußerungen.

Prinz Ghazi bin Mohammed und Papst Benedikt XVI. in der König Hussein Bin Talal-Moschee in Amman; Foto: AP
Bei seinem Besuch der modernen König-Hussein-Moschee in Amman wurde das Oberhaupt der katholischen Kirche zugleich an die Irritationen erinnert, die 2006 seine Rede in Regensburg bei Muslimen in aller Welt ausgelöst hatte.

​​ Die Islamisten in Jordanien protestierten gegen den Papstbesuch und erhielten dabei Schützenhilfe vom einflussreichen islamischen Fernsehprediger Yussuf al-Qaradawi. Anlässlich seiner Freitagspredigt in Dauha hob dieser vergangene Woche vor zahlreichen Zuhörern hervor, dass der Papst in seiner Regensburger Rede den Islam und den Propheten herabgesetzt habe:

"Er beschrieb den Islam als eine Religion der Gewalttätigkeit und sagte, der Prophet Mohammed habe keinen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit geleistet."

Al-Qaradawi, der den arabischen Fernsehsender al-Jazira in religiösen Dingen berät, gab seinem Unmut darüber Ausdruck, dass der Papst diese "willkürliche Bemerkung auch dann nicht zurückzog, als wir im Namen des Internationalen Islamischen Rats der Religionsgelehrten um eine Richtigstellung und eine Entschuldigung baten".

Er wies darauf hin, dass der Rat der Religionsgelehrten die Beziehungen mit dem Vatikan daraufhin abgebrochen habe und erst wieder in den Dialog eintreten wolle, wenn die seinerzeit erhobenen Forderungen erfüllt seien.

Was in diesen Reaktionen zum Ausdruck kam, war von Anfang an klar: Benedikt XVI. muss

Katholiken jubeln Papst in Amman zu; Foto: AP
Freude über den Papstbesuch vor allem bei Jordaniens Christen: Nach Angaben des Vatikans bereiteten rund 30.000 Katholiken ihrem Oberhaupt in Amman einen begeisterten Empfang.

​​ sich während seiner Pilgerfahrt auf den Spuren Christi schwierigen Begegnungen stellen.

Obwohl sein Aufenthalt in Jordanien auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene ein Grosserfolg war und Zehntausende – Christen wie Muslime – seinen Reden und Predigten beiwohnten, wird die Bilanz dieser Reise erst Ende Woche gezogen werden können: Die Begegnung mit Israeli und Palästinensern dürfte die grösste Herausforderung im Itinerarium des Papstes sein.

Wenige Tage vor dem Eintreffen des hohen Gastes äußerte Prinz al-Hassan Bin Talal von Jordanien gegenüber dem Catholic News Service, dass der Papstbesuch für die Araber ein Zeichen der Hoffnung setzen und gleichzeitig ihr Verständnis für den interreligiösen Dialog vertiefen könne.

Das Ereignis dürfe "nicht als beruhigender, heiterer Besuch mit vorübergehender Wirkung und auch nicht lediglich als irgendeine weitere Staatsvisite gewertet werden; vielmehr sollte er uns dauerhaft auf den Gedanken fokussieren, dass wir fähig sind, das Erbe des Vertrauens und des guten Einvernehmens wiederzuerwecken".

Grund zur Zuversicht?

Können wir also tatsächlich als Resultat dieser Reise ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen Arabern und Muslimen einerseits und der westlichen Welt anderseits erwarten? Nach den Jahren blutigen Konflikts, die auf die Anschläge des 11. September 2001 folgten, scheinen die Unkenrufe über den "Zusammenprall der Kulturen" dieser Tage tatsächlich leiser zu werden, während der Wunsch nach kulturellem und religiösem Dialog wieder deutlicher zum Ausdruck kommt.

In der arabischen Presse haben zahlreiche Autoren und Analysten denn auch die Hoffnung geäussert, dass der Besuch des Papstes in der zutiefst zerrissenen Region Grund zur Hoffnung auf eine umfassende und dauerhafte Friedenslösung gebe.

Wo deren Kern- und Ausgangspunkt liegt, machte König Abdallah bei der Verabschiedung des hohen Gastes vor dessen Abflug nach Jerusalem klar. Gerechtigkeit müsse insbesondere für diejenigen Wirklichkeit werden, die "unter Besatzung, Entbehrungen und Missachtung" litten.

Und trotz der betont apolitischen Natur der päpstlichen Pilgerfahrt endete der Besuch in Jordanien auf einer klar politischen Note, indem Abdallah seiner Hoffnung auf ein Abkommen Ausdruck gab, das "den Palästinensern ihr Recht auf Freiheit und einen souveränen Staat, den Israeli Akzeptanz und die nötige Sicherheit" verschaffe.

© Neue Zürcher Zeitung 2009

Der jordanische Schriftsteller Fakhri Saleh arbeitet als Redakteur für die Tageszeitung "Ad-Dustour". Zudem ist er Leiter der jordanischen Gesellschaft der Literaturkritiker. 1997 bekam er den palästinensischen Literaturkritikpreis sowie den Ghalib-Halasa-Preis 2003 für seinen kulturellen Beitrag zur Kritik und für seine Übersetzungen englischer Bücher ins Arabische.

Qantara.de

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