Afghanistans humanitäre Krise
Können die Taliban den Hunger-Winter aufhalten?

Angesichts der katastrophalen Versorgungslage in Afghanistan schlagen UN-Organisationen Alarm. Inflation und wachsende Armut verschärfen die Lage. Die Taliban haben angeblich ein Sofortprogramm gegen die Krise. Von Shabnam von Hein

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnen vor einer steigenden Zahl von Hungernden in Afghanistan. 18,8 Millionen Menschen litten laut einer Prognose derzeit täglich Hunger, erklärte der FAO-Vertreter in der afghanischen Hauptstadt Kabul, Richard Trenchard, am 11. November.

Diese Zahl könnte bis Jahresende auf 22,8 Millionen steigen, darunter über drei Millionen Kinder unter fünf Jahren. Sie brauchen dringend Hilfe: Nahrungsmittel, Trinkwasser, medizinische Versorgung und vernünftige Unterkünfte im Winter. Afghanistan hat rund 39 Millionen Einwohner.

Kein Geld für Nahrungsmittel

WFP-Exekutivdirektor David Beasly nannte vor wenigen Tagen einige der Gründe für die humanitäre Krise in Afghanistan: Stark gestiegene Kosten für Treibstoff, Nahrungs- und Düngemittel. Gleichzeitig wächst die Armut: "Kaum jemand hat momentan Geld in Afghanistan", sagt Hamidullah Khadem, Leiter der Industriekammer der Provinz Herat im Gespräch. "Allein im Gewerbegebiet von Herat sind 70 Prozent der Firmen pleite gegangen. Es gibt keine Nachfrage. Die Kaufkraft ist extrem geschrumpft. Die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst bekommen kaum noch Gehalt."

Kleinere Firmen wie etwa Seidenmanufakturen oder Ziegeleien haben keine Überlebenschancen mehr. Die Zahl der Arbeitslosen steigt täglich, und damit auch die Zahl derer, die sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten können. "Viele meiner Bekannten und Freunde verkaufen ihre Möbel und Küchengeräte wie Kühlschränke, um etwas zu essen kaufen zu können", sagt eine Frauenrechtsaktivistin, die nicht namentlich genannt werden möchte. "Wer das Land verlassen kann, macht sich auf den Weg." 

Infografik: Menschen durch Dürre in Afghanistan betroffen; Quelle: DW
Die Armut wächst: "Kaum jemand hat momentan Geld", sagt Hamidullah Khadem, Leiter der Industriekammer der Provinz Herat im Gespräch. "Allein im Gewerbegebiet von Herat sind 70 Prozent der Firmen pleite gegangen. Die Kaufkraft ist extrem geschrumpft. Die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst bekommen kaum noch Gehalt." Die Zahl der Arbeitslosen steigt täglich, und damit auch die Zahl derer, die sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten können.

Wer Geld hat, lebt in Gefahr

Es gibt immer häufiger Berichte über Entführungen und Geiselnahmen von Geschäftsleuten und Investoren. Im Gespräch bestätigt der Kabuler Wirtschaftsexperte Khanjan Alokozay, dass in den vergangenen zwei Monaten mehr als 40 Ladenbesitzer und Geschäftsleute aus verschiedenen Teilen des Landes entführt und einige von ihnen auch getötet wurden. 

Afghanistans Wirtschaft wird in diesem Jahr nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) um bis zu 30 Prozent schrumpfen. Das Bruttoinlandsprodukt betrug im Jahr 2020 rund 20 Milliarden US-Dollar. Davon machten laut Weltbank Zuwendungen aus dem Ausland fast 43 Prozent aus. Vor der Machtübernahme der Taliban wurden drei Viertel der öffentlichen Ausgaben aus diesen Zuwendungen bestritten. Diese Geldströme wurden nach der Machtübernahme der Taliban gestoppt; zudem wurde ein Großteil von Afghanistans Währungsreserven im Ausland eingefroren.

Die internationale Gemeinschaft hat humanitäre Hilfe für Afghanistan in Höhe von einer Milliarde US-Dollar zugesagt. Geber stehen vor der Aufgabe sicherzustellen, dass die Mittel über vor Ort tätige Organisationen die bedürftigen Menschen erreichen. So gehen 90 Millionen Euro der von Deutschland zugesagten humanitären Hilfe im Umfang von 600 Millionen Euro an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Die Organisation bezeichnet jedoch ihre aktuellen Ressourcen als einen "Tropfen im Ozean", um die Nahrungsmittelversorgung in Afghanistan zu stabilisieren. Dafür wären bis zu 220 Millionen US-Dollar nötig – pro Monat.

"Taliban haben einen Plan"

"Wir brauchen einen Zugang zu unserem eingefrorenen Vermögen im Ausland und auch die Möglichkeit, am internationalen Zahlungsverkehr teilzunehmen, um unsere Probleme anzugehen," stellt Mohammad Younis Mohmand, Leiter der afghanischen Handels- und Investitionskammer, im Gespräch klar.

Opiumernte in der Nangahar-Provinz, Afghanistan; Foto: Getty Images/AFP/N. Shirzada
Statt Weizen lieber Mohn: In drei der vergangenen vier Jahre wurden dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge jeweils neue Rekordmengen bei der Opiumproduktionen in Afghanistan verzeichnet. Auch im vergangenen Pandemie-Jahr nahm der Mohnanbau um 37 Prozent zu.

Mohmand zufolge würden die Taliban den Zusammenbruch der Wirtschaft verhindern und das Leid der Menschen lindern. Sie würden demnach ein Sofortprogram planen, um die Zahl der Arbeitslosen zu senken und den Hunger im Land zu verringern. Regierungssprecher Sabiullah Mudschahid kündigte an, tausende Arbeitslose sollten an Beschäftigungsmaßnahmen teilnehmen und im Gegenzug Weizen bekommen. 

Die Teilnehmer sollen im Winter zum Beispiel Wasserkanäle und Auffangbecken graben, um künftige Dürren abzumildern. Woher die Taliban den Weizen haben, ist unklar. Die im August geflüchtete Vorgängerregierung hatte im Juli mitgeteilt, Afghanistan müsse aufgrund von Dürre ein Drittel seines Jahresbedarfs am Hauptnahrungsmittel Weizen importieren.

Der Anbau von Weizen ist für die Bauern weiterhin unattraktiv, vor allem angesichts des nach wie vor weit lukrativeren Anbaus von Schlafmohn für die Opiumgewinnung. In drei der vergangenen vier Jahre wurden dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge jeweils neue Rekordmengen bei der Opiumproduktionen in Afghanistan verzeichnet. Auch im vergangenen Pandemie-Jahr nahm der Mohnanbau um 37 Prozent zu.

Shabnam von Hein

© Deutsche Welle 2021

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