Allahs Missionare, das Coronavirus und der Terror

01.05.2020

Die Verbreitung des Glaubens ist das Geschäftsmodell von Missionaren. Die Missionare der islamischen "Tablighi Jamaat" mit Millionen von Anhängern in fast allen Ländern haben aber in Asien das Coronavirus im großen Stil weitergeben. Die TJ steht zudem im Verdacht, enge Verbindungen zum islamistischen Terrorismus zu pflegen.

Nizamuddin mit seinen verwinkelten Gassen ist Neu Delhis muslimischer Stadtteil. Mitte März waren Zehntausende Muslime aus Indien und dem Ausland zur Jahresversammlung der Missionsgesellschaft "Tablighi Jamaat" (TJ) am internationalen Hauptquartier in Nizamuddin gereist, obwohl die Behörden bereits am 13. März Versammlungen von mehr als 200 Menschen verboten hatten.

Rückkehrer der TJ-Veranstaltung haben das Coronavirus nachweislich im großen Stil in indischen Regionen und im Ausland verbreitet. In Malaysia konnte Anfang April mindestens die Hälfte der damals 3.300 Corona-Infektionen auf Teilnehmer einer TJ-Massenveranstaltung Ende Februar in einer Moschee bei Kuala Lumpur zurückgeführt werden. Auch in Pakistan wurde die TJ zum Superverbreiter, nachdem sie sich Mitte März weigerte, ihre jährliche Versammlung mit einer Millionen Anhängern in Raiwind am Stadtrand von Lahore abzusagen.

TJ-Veranstaltungen als Virusherd haben eine Organisation schlagartig ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gebracht, die bislang nur Islamwissenschaftlern, Geheimdiensten und Terrorismus-Experten ein Begriff war. Die vor über 100 Jahren in Indien gegründete konservative TJ ist ein Ableger der "Deobandi". Diese islamische Denkschule, so der deutsche Journalist und Afghanistanexperte Willi Germund in seinem 2010 erschienenen Deobandi-Buch "Allahs Missionare", habe sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in Pakistan, aber auch in anderen islamischen Ländern "rasant" ausgebreitet und "mit ihrer Ideologie des Heiligen Krieges" einen "Flächenbrand entfacht".

Tablighi Jamaat versteht sich jedoch trotz ihrer Wurzeln in der radikalen "Deobandi"-Bewegung offiziell als unpolitisch und gewaltlos und wird deshalb von den radikalen Gruppen des politischen Islam wie der salafistischen "Hizb ut-Tahrir" kritisiert. Primäres Ziel der TJ ist es, die muslimische Gemeinschaft durch Verbreitung einer puritanischen Version des Islam auf friedlichem Weg zu den wahren Werten des Koran-Glaubens zurückzuführen. Diesem Zweck dienen die Massenveranstaltungen mit Predigten, Gesprächen über den Islam und Gebeten.

Über das Jahr sind Mitglieder der TJ zudem gehalten, als Missionare auf Zeit durch Städte und Dörfer zu ziehen. "Man kann das vier Tage oder auch 40 Tage machen, je nachdem, wie viel Zeit der Einzelne aufbringen kann", erklärt der indische TJ-Kenner Sushant Sareen. In nicht-muslimischen Ländern versuchten TJ-Missionare aber auch, Gläubige anderer Religion von den Vorzügen des Islam zu überzeugen.

Die Organisationsstruktur des Jamaat sei "ziemlich amorph" und nicht transparent, weiß Sareen, Terrorismusexperte der indischen unabhängigen Denkfabrik Observer Research Foundation (ORF). Ein "Mysterium" sei auch die Finanzierung der TJ. Auch wenn diese sich organisatorisch von der Politik fernhalte, so Sareen, spielten die Anhänger oft eine wichtige Rolle in der Politik. Vor allem in Pakistan, wo die "Deobandi"-Bewegung dank der staatlichen Patronage des Dschihadismus zu einem Machtfaktor geworden sei, genieße TJ einen "astronomischen Anstieg" ihres Einflusses und ihrer Ressourcen.

Unter internationalen Terrorismus-Experten gilt das hierarchisch organisierte TJ-Netzwerk zudem als "Rekrutierungsfeld für Terroristen", "Vorzimmer des Terrorismus" oder als Organisation, die Terroristen Rückzugsorte und infrastrukturelle Hilfestellung bietet. "Die gesamte Menagerie von Talibangruppen und deren abtrünnigen Ablegern sind mit der TJ in Verbindung gebracht worden", sagt Sareen.

TJ-Mitglieder waren nach einhelliger Meinung westlicher, pakistanischer und indischer Sicherheitsexperten an fast allen großen islamistischen Terrorakten der vergangenen Jahrzehnte beteiligt. TJ habe zudem radikale islamistische Kämpfer für den Krieg in Afghanistan rekrutiert und ihre Wanderprediger hätten in Tschetschenien und Dagestan wie auch in Somalia und anderen afrikanischen Ländern erfolgreich den wahhabistisch-salafistischen Islam verbreitet. Der Verfassungsschutz warnte bereits 2006, die auch in Deutschland aktive TJ fördere durch ihr strenges Islamverständnis islamistische Radikalisierungsprozesse.

Für Farhan Zahid ist TJ "integraler Bestandteil der internen Dynamik der islamistischen, gewalttätigen, nicht-staatlichen Akteure". Weiter schreibt der pakistanische Experte für Terrorismusbekämpfung und Sicherheit in seiner 2015 veröffentlichten Analyse "Tablighi Jamaat und seine Verbindungen zum Terrorismus": In vielen Fällen "diente es als Treibhaus für die Indoktrinierung islamistischer Terroristen". Und: "Es ist die Deobandi-Ideologie des TJ, die potenziellen Dschihadisten die entscheidende Verbindung bietet."

In Indien wurde inzwischen nach dem Corona-Ausbruch der Emir der TJ, Saad Kandhlawi, wegen Totschlags angeklagt. In Pakistan hingegen wies am 24. April der TJ-Fernsehprediger Tariq Jameel in Anwesenheit von Premier Imran Khan in einer live übertragenen TV-Spendengala für Covid-19-Opfer Frauen und Jugendlichen die Schuld an der Pandemie zu. "Wenn die Tochter eines Muslims sich unanständig verhält und die Jugend sich der Unmoral hingibt, dann schickt Allah einer solchen Nation Qualen." (KNA)

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